23.06.2014 09:44 |

TV-Serie und Politik

Was Angela Merkel von den "Simpsons" lernen kann

Was haben Zeichentrickfilme mit Politik zu tun? Sehr viel, sagt ein Forscher an der Uni im deutschen Bamberg. Mit einem Experiment fand er heraus: Die Comic-Serie "Die Simpsons" kann die Zufriedenheit der Wähler mit der Arbeit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel beeinflussen.

Carsten Wünsch weiß, was in unseren Köpfen vorgeht, wenn wir vor dem Fernseher sitzen, Computer spielen oder im Kino einen Film anschauen. Von Werbung ist längst bekannt, dass sie das Kaufverhalten beeinflussen kann. Der 41-jährige Medienwirkungsforscher an der Universität Bamberg untersucht dagegen, wie sich Serien oder Spielfilme auf das menschliche Denken und Handeln auswirken. Seine Experimente sind oft unkonventionell, die Ergebnisse verblüffend.

So auch das Simpsons-Experiment: Wünsch ließ Bamberger Studenten in den vergangenen Monaten in seinem Labor verschiedene Folgen der amerikanischen Zeichentrickserie "Die Simpsons" anschauen. Danach mussten die jungen Leute beantworten, wie zufrieden sie mit der Politik der deutschen Kanzlerin Merkel sind. Das Ergebnis: Je nachdem, welche Simpsons-Folge die Studenten vorgesetzt bekamen, bewerteten sie die Arbeit der deutschen Regierung höchst unterschiedlich.

Fiktion beeinflusst politisches Denken
Flog in der Comic-Serie völlig überzeichnet ein Atomkraftwerk in die Luft, spielte für die Studenten Merkels Umweltpolitik eine bedeutende Rolle. In einer anderen Folge brachte Marge Simpson als gestresste Hausfrau den morgendlichen Berufsverkehr im Zeichentrickort Springfield durch einen Streik zum Erliegen. Die Umweltpolitik war für die Studenten anschließend eher zweitrangig - jetzt interessierten sie sich mehr für das Thema Erziehungsgeld.

"Wenn wir eine politische Talkshow anschauen, liegt es auf der Hand, dass wir uns mit Politik gedanklich intensiver beschäftigen", sagt Wünsch. Das Simpsons-Experiment sei der Beweis dafür, dass auch fiktionale Geschichten die politischen Vorstellungen beeinflussen können. "Wenn wir unterhalten werden, trennen wir ganz offenbar nicht zwischen dem, was erfunden ist, und dem, was wir für real halten." Weshalb das so ist, will der aus Dresden stammende Forscher genauer untersuchen. Seine Studenten der Kommunikationswissenschaft freut das: Sie dürfen noch mehr Simpsons schauen.

So wie der 23 Jahre alte Markus Rackl. "Ich schaue sowieso gerne die Simpsons", sagt er. Rackl ist im fünften Semester und arbeitet als studentische Hilfskraft. Er spielt die Simpsons-Filmchen für Professor Wünsch ab, teilt die Fragebögen aus und sammelt sie wieder ein. "Ich bin selbst überrascht über die Auswirkungen", sagt er. Ein Dutzend Mal hat er die Folgen mit dem Atomkraftwerk und der streikenden Marge gesehen. "Das verfestigt sich tatsächlich nach einiger Zeit, und man denkt plötzlich mehr an Umweltthemen oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau."

"The Day After Tomorrow" macht Klimawandel zum Thema
Mit einer anderen Studie wollte Wünsch herausfinden, ob sich auch Medien von fiktionalen Geschichten beeinflussen lassen. Er tat dies mit Hilfe des Katastrophenfilms "The Day After Tomorrow" von Regisseur Roland Emmerich. Darin geht es um die globale Erwärmung: Überschwemmungen und Wirbelstürme zerstören mehrere Großstädte. "Bevor der Film in die Kinos kam, wurde in den Medien eher unregelmäßig über die Folgen des Klimawandels berichtet. Danach war aber ein sehr deutlicher Anstieg feststellbar, der sogar mehrere Monate anhielt", erläutert Wünsch. Rezensionen über den Film ließ er dabei sogar unberücksichtigt.

Für ein drittes Experiment bestellte der Uniprofessor Testpersonen an einen Bahnhof. Der Treffpunkt war in der Nähe eines großen LED-Bildschirms, auf dem die neuesten Schlagzeilen eingeblendet wurden. Kurz vor der vereinbarten Uhrzeit schickte Wünsch eine SMS, er werde sich ein paar Minuten verspäten. Einige der Testpersonen überbrückten die Wartezeit mit Lesen der Nachrichten auf dem Bildschirm, andere liefen einfach auf und ab. Als Wünsch auftauchte, wollte er von den Teilnehmern wissen, welche politische Themen sie für besonders wichtig hielten. "Der Großteil nannte Punkte, die zuvor in den Schlagzeilen zu lesen waren - und zwar egal, ob jemand auf den Bildschirm geblickt hatte oder nur daran vorbeigelaufen war."

Wünsch schlussfolgert: Auch unterbewusste Wahrnehmungen können die politischen Vorstellungen beeinflussen. "Genau deswegen funktionieren wohl auch die Plakate der Parteien", erklärt er. "Man muss die Plakate gar nicht bewusst lesen, es reicht schon aus, oft genug daran vorbeizulaufen, damit im Unterbewusstsein etwas in Gang kommt."

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