Der akute Fachkräftemangel hat den Wettlauf um gute Mitarbeiter massiv verschärft. Bei der Suche nach geeignetem Personal haben es Arbeitgeber öfters mit Widersprüchen zu tun.
Andreas Mayer (Name geändert) hat gerade einen neuen Job begonnen. Doch bereits nach wenigen Wochen stellt er sich die Frage, ob es tatsächlich die richtige Wahl war. Ein Lob vom Chef hat er noch nicht bekommen und außerdem stört den Autofreak, der gerne auch Urlaubsreisen in ferne Länder macht, eigenartigerweise, dass das Unternehmen zu wenig auf die Umwelt achtet. Dem 38-jährigen Tiroler geht es wie vielen Neueinsteigern und seinem Arbeitgeber wie etlichen anderen auch.
„Trotz umfassender Bemühungen ist die Suche nach motivierten und qualifizierten Mitarbeitern sowie deren Eingliederung in bestehende Teams schwierig“, weiß Arbeitspsychologe Andreas Hermann. Der Geschäftsführer von „Business Beat“, einer Firma, die Unternehmen bei der Erstellung, Auswertung und Interpretation von Mitarbeiterbefragungen unterstützt, erkennt auch immer häufiger Generationenkonflikte, die dieses Thema zusätzlich erschweren. „Im Wesentlichen kristallisieren sich derzeit drei gravierende Widersprüche heraus, mit denen Firmen in ihrer Funktion als Arbeitgeber vermehrt konfrontiert sind“, meint der Experte.
Trotz umfassender Bemühungen präsentiert sich die Suche nach motivierten und qualifizierten Mitarbeitern sowie deren Eingliederung in bestehende Teams schwierig.
Arbeitspsychologe Andreas Hermann
Hunger nach Rückmeldung, aber keine Fähigkeit, mit Kritik umgehen zu können
„Qualitatives und ehrliches Feedback sowie Wertschätzung werden sich in den nächsten Jahren zum neuen Gold in der Arbeitswelt entwickeln“, ist Hermann überzeugt. Laut dem Arbeitspsychologen wollen Mitarbeiter Hinweise (meist sehr sanfte), wie sie ihre Arbeit verbessern und verändern können. Allerdings ist die Kritikfähigkeit dabei ausgesprochen gering.
Unternehmen sollen nachhaltig wirtschaften und agieren, Mitarbeiter suchen Fernreisen und Sehnsuchtsorte
„Es ist ein aus meiner Sicht sehr paradoxes Phänomen, dass vor allem junge Arbeitnehmer gerne den Arbeitgebern übertragen. Sie wollen anderen davon erzählen können, dass sie bei einem besonders nachhaltigen Unternehmen arbeiten“, erklärt der Innsbrucker. Damit könne man ein „gekauftes“ Image Social-Media-tauglich nach außen tragen und leichter verschleiern, dass man selber weniger auf die Umwelt achte.
Ein hohes Interesse an honorigen Titeln und Aufgaben und dabei dennoch keine Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme
Laut Hermann entsteht eine wahre Zwickmühle zwischen der Bereitschaft der Mitarbeiter zur Verantwortungsübernahme in Kombination mit der bestehenden Hierarchie und dem Organigramm im Unternehmen. „Es muss unverfänglich, einfach, unangreifbar und kritikarm organisiert sein. Eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit“, ist der Co-Founder von „Business Beat“ überzeugt.
„Wegfall der Baby-Boomer wird Situation anheizen“
Ansätze, wie ein hohes Maß an Eigenverantwortung ab der ersten Minute im Unternehmen, kleine Teams mit „Anführern“, die wenig Führungsverantwortung und mehr Anleitungsverantwortung haben und ein engeres Netz an generalisierten Führungskräften, die nahezu ausschließlich People-Management betreiben, mögen herausfordernd klingen, sind aus der Sicht von Hermann aber alternativlos. „Die Führungskräfte von gestern haben nun mal die Mitarbeiter von heute so erzogen. Und der Wegfall der Baby-Boomer in den nächsten fünf Jahren wird die aktuelle Situation zusätzlich anheizen.“
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