Doppelgänger-Kampagne

Russisches Netzwerk hinter Fake-Zitaten von Promis

Web
22.05.2024 08:33

Das deutsche Innenministerium rechnet eine Desinformationskampagne mit gefälschten Zitaten deutscher Prominenter dem 2022 aufgedeckten russischen „Doppelgänger“-Netzwerk zu. Zur neuen Taktik der Kampagne gehörten auch die gefälschten Zitate, die „prominenten Persönlichkeiten aus der Unterhaltungsbranche in den Mund gelegt“ würden, teilte ein Ministeriumssprecher mit. 

Kleine Foto-Kacheln mit Prominenten und ihren Zitaten sind beliebt auf Social Media. Der Fall einer aktuellen Desinformationskampagne zeigt aber: Manchmal ist Skepsis angebracht. So gibt es im Zusammenhang mit Russlands Krieg gegen die Ukraine seit einiger Zeit im Netz ein solches Sharepic mit dem Kopf von Til Schweiger und der vermeintlichen Aussage, dass ukrainische Beamte Immobilien in Frankreich und Italien kaufen würden – und man mehr über den Krieg nicht wissen müsse.

Oder eines mit einem Bild seines Schauspielerkollegen Jannis Niewöhner und der Zeile, dass die USA nicht verletzt würden, wohl aber Europa. Dem Rammstein-Sänger Till Lindemann wurde ein Spruch über angeblich „sinnlose Hilfe für die Ukraine“ in den Mund gelegt.

Echte Zitate sind das nicht. Sprecher von Lindemann und Niewöhner bestätigten der Deutschen Presse-Agentur dpa, dass die Prominenten nie solche Aussagen getätigt hätten. Eine Sprecherin von Til Schweiger wollte sich nicht zur Echtheit äußern. Die Zitate sind in anderen Medien oder im dpa-Archiv nicht auffindbar. Auch ein Verweis auf eine Quelle fehlt auf den Sharepics.

„Doppelgänger“-Kampagne
Das deutsche Innenministerium rechnet die gefälschten Zitate der 2022 aufgedeckten russischen „Doppelgänger“-Kampagne zu. Dem Ministerium sei bekannt, dass die Kampagne „weiterhin aktiv ist und bereits seit längerem nicht mehr nur die ursprünglich namensgebende Taktik verwendet, Webseiten existierender Qualitätsmedien und öffentlicher Institutionen zu imitieren“, teilte ein Sprecher mit.

Zur neuen Taktik gehörten auch die gefälschten Zitate, die „prominenten Persönlichkeiten aus der Unterhaltungsbranche in den Mund gelegt“ würden. Diese Technik werde seit November 2023 von der „Doppelgänger“-Kampagne verwendet. Das Ministerium beobachte die Entwicklungen und stehe dazu im Austausch mit Plattformen und internationalen Partnern.

Auch eine Analyse der Zivilorganisation Reset.Tech, die sich mit digitalen Bedrohungen der Demokratie beschäftigt, ordnete die Fake-Zitate der russischen „Doppelgänger“-Kampagne zu, wie das US-Magazin „Wired“ Ende vergangenen Jahres berichtete. Reset.Tech teilte dpa mit, erkennbar werde das, weil die Netzwerke nach ähnlichen Mustern vorgingen und ähnliche Namen verwendeten.

Websites kopiert
Die „Doppelgänger“-Kampagne, die auch unter dem Namen „RRN“ (Recent Reliable News) bekannt ist, wurde 2022 aufgedeckt. In mehreren EU-Ländern verbreitete sie gefälschte Websites, die vortäuschten, Websites nationaler Medien oder Regierungsbehörden zu sein. Die EU identifizierte russische Akteure als Verantwortliche für das Desinformationsnetzwerk. Ende Juli 2023 setzte sie fünf mit dem russischen Staat verbundene Organisationen und sieben Menschen auf die Sanktionsliste.

Zehntausende Nutzer erreicht
Die gefälschten Ukraine-Aussagen mit den Köpfen Prominenter wurden bis mindestens April dieses Jahres offenbar gezielt in Umlauf gebracht. Sie finden sich in der Anzeigenbibliothek von Facebook, wo bezahlte Beiträge dokumentiert werden. Gegen Geld wurden die Sharepics gezielt Nutzern in Deutschland ausgespielt. Vielfach wurden die Anzeigen bereits gelöscht, da sie gegen die Werberegeln des Facebook-Konzerns Meta verstoßen haben sollen. Trotzdem hat etwa die Anzeige mit dem fälschlich Til Schweiger zugeschriebenen Zitat mehr als 190.000 Nutzer erreicht, wie aus der Anzeigenbibliothek hervorgeht.

Verantwortlich für die Anzeigen waren Facebook-Seiten mit willkürlich klingenden Namen wie „New Programming KTV“. Meist sind die Seiten schon gar nicht mehr aktiv. Wer tatsächlich dahintersteckt, ist unbekannt.

„Aggressivste Einflussnahme russischer Herkunft“
Meta äußerte sich nicht im Detail zu den Werbeanzeigen oder den Verantwortlichen des Desinformationsnetzwerks und verwies auf seine früheren Berichte zum Vorgehen gegen die „Doppelgänger“-Kampagne. „Unsere Teams arbeiten weiterhin mit höchster Priorität daran, Veränderungen in diesem Netzwerk zu beobachten“, teilte eine Meta-Sprecherin mit. In seinem Bericht zur Bedrohungslage im August 2023 nannte Meta die Kampagne die „größte und aggressivste anhaltende Einflussnahme russischer Herkunft“, gegen die der Konzern seit 2017 vorgegangen sei.

Auch wenn sich Foto-Kacheln mit lustigen oder kontroversen Aussagen mit ein paar Klicks im Netz teilen lassen – Nutzer in sozialen Medien sollten darauf achten, ob angegeben ist, wo die Aussagen fielen. „Zitate vermitteln zwar den Eindruck von Authentizität. Auch hier aber gilt: Äußert sich die Person selbst nicht auch auf anderen Kanälen in diesem Sinne, sind Zweifel angebracht“, empfiehlt etwa das Bündnis „Deutschland sicher im Netz“.

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