Caritas-Chefin im Talk

„Die Zukunft Europas entscheidet sich in Afrika“

Burgenland
17.04.2023 09:00

Vor zwei Jahren übernahm Melanie Balaskovics die Leitung der Caritas Burgenland. Seither jagt eine Krise die nächste. Mit der „Krone“ sprach sie über die neue Armut im Land, geheime Unterhaltungen mit dem Landesrat, neue Projekte und ihren Beitrag, damit nicht Millionen Afrikaner zu uns flüchten.

Sie waren fast 25 Jahre Journalistin und Moderatorin im ORF Landesstudio. Bereuen Sie es gelegentlich, dass Sie diesen Beruf aufgegeben haben?

Nein, nicht eine Sekunde. Wenn ich mich für etwas entscheide, dann brenne ich mit allem Feuer, das ich aufbringen kann, dafür. Schon im ORF war ich als Chefin vom Dienst für die Redaktions- und Personalführung zuständig. Da war klar: Ich kann das gut, ich bin eine Problemlöserin! Außerdem komme ich aus einem familiären Wirtschaftsbetrieb und wuchs mit einem Gefühl für Leitung auf. Ich glaube, dass ich da massive Stärken habe, vor allem im Projektmanagement. Natürlich sind die Herausforderungen jetzt enorm. Ich renne wie ein Hamster Vollgas ohne Pause, aber ich kenne es nicht anders. Ob es jetzt eine Krise oder drei sind, spielt keine Rolle. Dann muss man halt mehr machen, aber das tut nicht weh. Es war mir niemals zu viel. Ich bin Krise gewohnt. Ohne wäre mir wahrscheinlich fad.

Wie hat sich die Caritas Burgenland durch Sie verändert?

Sie hat sich weiterentwickelt, wurde umstrukturiert, fitter und jünger gemacht. Wir engagieren uns in der mobilen und stationären Pflege, in der Arbeit mit Behinderten, bei Obdach und Wohnen. Dieser Bereich umfasst Flüchtlingsunterkünfte, Notschlafstellen, Zufluchtsräume und Mutter-Kind-Einrichtungen. Ein Kernfeld sind auch unsere Sozialberatungsstellen. Dort bieten wir Familien- und Männerberatung sowie traumaspezifische und interkulturelle Psychotherapie für Flüchtlinge an und unterstützen bei Mietrückständen, Delogierungen und dem Bezahlen von Heizrechnungen. Seit der Teuerung hat sich die Zahl unserer Klienten verdoppelt! Aufgrund der hohen Lebenserhaltungskosten suchen auch immer mehr Menschen aus der Mittelschicht Hilfe bei der Caritas.

Wer zum Beispiel?

Pensionisten, aber auch alleinerziehende Mütter und Väter ohne familiäres Netzwerk. Viele waren glücklich verheiratet und lebten in tollen Häusern. Dann gab es einen Schicksalsschlag, eine Krankheit, einen Jobverlust, Streit, die Scheidung, einen Schuldenberg und plötzlich ist alles anders. Diese Gruppe wächst. Daher stocken wir personell auf und bauen die Sozialberatungsstellen im gesamten Burgenland aus. Dabei steht stets die Hilfe zur Selbsthilfe im Fokus. Ein Bauchladen an Hilfsangeboten nützt nämlich nichts, wenn die Menschen auf sich allein gestellt sind. Betroffene brauchen Begleitung. Nur dann können sie jene Kraft spüren, die es braucht, um wieder eigenen Antrieb zu entwickeln.

Neu ist auch die kostenlose Energieberatung. Was kann die Caritas besser als die Energie Burgenland?

Wir erklären niederschwellig, wie Stromrechnungen zustande kommen und wie die Leute künftig Energie sparen können. Dabei unterstützen wir nicht nur monetär, sondern auch bei der Anschaffung neuer kostengünstiger und nachhaltiger Koch- und Heizgeräte. Gott sei Dank ist das Burgenland so klein und fein, dass das funktioniert. Allein bist du verlassen.

Funktioniert auch die Zusammenarbeit mit der Politik?

Die Zusammenarbeit mit Soziallandesrat Schneemann klappt sehr gut, denn viele Aufgaben im Sozialbereich erfüllen wir als Träger im Auftrag des Landes. Natürlich gibt es Dinge, die nicht gehen, weil weder bei der Caritas noch beim Land eine Gelddruckmaschine im Keller steht. Was ich von der Politik dennoch fordere, ist eine Sozialreform, die greift, damit die Armutsschere nicht weiter aufgeht. Auch ein grundsätzlicher Austausch über sozialpolitische Themen wäre wünschenswert. Im Moment tauschen wir uns fast nur aus, wenn es Brände zu löschen gilt. 

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Drei-, viermal im Jahr habe ich das Bedürfnis, mich mit dem Landesrat unter vier Augen zu unterhalten, ohne eine Entourage von Büromitarbeitern daneben. Da redet man anders miteinander und kann seine Meinung freier äußern.

Caritas-Direktorin Melanie Balaskovics

Themenwechsel. Die Caritas Burgenland engagiert sich auch in Afrika. Warum?

Der Ukraine-Krieg zeigt ganz deutlich, dass die ganze Welt zusammenhängt. Seit Beginn des Krieges gehen wenige Getreidelieferungen mehr an den afrikanischen Kontinent, der ohnehin von Dürre und allen möglichen Katastrophen geplagt ist. Die Menschen dort brauchen Zukunftsperspektiven. Denn nur wenn wir es schaffen, die Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern, sind die Menschen nicht gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Die Zukunft Europas entscheidet sich in den Ländern des globalen Südens. Wenn wir jetzt ist nichts unternehmen, werden in den nächsten zehn Jahren Millionen Menschen aus Afrika gezwungen sein, sich auf den Weg nach Europa zu machen.

Unterstützt die Caritas deshalb ausgerechnet jetzt ein Bildungsprojekt im Südsudan?

Ja, denn die Not hört nicht zwischen Klingenbach und Sopron auf. Bis vor zwei Jahren beteiligte sich die Caritas Burgenland an einigen Auslandsprojekten. Dazu zählten etwa Ernährungssicherungsprojekte im Kongo. Ich war erst im Vorjahr vor Ort, um mich zu vergewissern, ob die Spenden auch wirklich dort ankommen und die Leute, die wir für die Umsetzung von Projekten ausbilden, auch wirklich ihre Arbeit erledigen. Nachdem ich sah, dass das Geld dort gut investiert ist, habe ich entschieden, dass es an der Zeit ist, dass sich das Burgenland um ein eigenes Schwerpunktland annimmt. Die Wahl fiel auf eine kirchliche Partnerorganisation im Südsudan, weil dieses christlich geprägte Post-Bürgerkriegsland eines der ärmsten der Welt ist und weniger als 30 Prozent der Menschen dort alphabetisiert sind. Und Mädchen schon gar nicht! Sie verdienen aber die gleichen Chancen wie Burschen. Überhaupt ist Bildung ein Schlüssel aus der Armut. Leider haben die Corona-Restriktionen im Südsudan dazu geführt, dass die Kinder der Schule fernblieben. Distance Learning gab es nicht. Weil die Märkte während der Lockdowns geschlossen blieben, mussten viele Familien Hungerleiden. In Folge wurden viele Mädchen zwangsverheiratet. Dabei wollen sie nur einen Beruf erlernen und sich selbst gut versorgen können.

Wie wird konkret geholfen?

Im Südsudan lässt sich mit recht geringen Mitteln sehr viel erreichen. Ein Kind kann dort für 50 Euro ein ganzes Jahr lang zur Schule gehen und bekommt für dieses Geld auch eine warme Mahlzeit am Tag. Wir wollen hier in einem ersten Schritt 6.000 sechs bis 15-jährigen Mädchen und Buben Zugang zu Bildung ermöglichen.

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Hilfsorganisationen werden leider viel zu oft in die Schublade der Bittsteller gesteckt. Manchen Köpfen kann man das nicht erklären, sie werden immer diese Meinung haben.

Caritas-Direktorin Melanie Balaskovics

Viele Österreicher haben fürs Betteln von NGOs kein Verständnis, schon gar nicht in Zeiten der Teuerung.

 Natürlich brauchen wir Geld, um Projekte am Laufen halten zu können. Ich bin aber genauso dankbar für Kleider-, Möbel-, Sach- und Zeitspenden. So etwa kann man in einem Pflegeheim einen freiwilligen Dienst versehen oder in unseren Lerncafés in Eisenstadt, Oberwart und Neusiedl am See - einer Einrichtung, in der Kinder aus sozial schwachen Familien gratis Nachhilfe und Nachmittagsbetreuung bekommen - ehrenamtlich mithelfen. Eine weitere Möglichkeit des Spendens ist ein Einkauf in unseren Carla-Läden. Auch wohlsituierte, junge, umweltbewusste Menschen oder leidenschaftliche Sammler können dort Vintage-Mode oder Retro-Accessoires zum Schnäppchenpreis erwerben und uns mit dem Kauf helfen. Außerdem lernen sie auf diesem sozialen Umschlagplatz die Welt der anderen kennen.

Bildungs- und Bewusstseinsarbeit scheint Ihnen wichtig.

Ja. Um Kindern und Jugendlichen ein Verständnis für soziale Ungerechtigkeit und Armut zu vermitteln, bieten wir in Schulen Workshops und unsere „Laufwunder“-Aktion an. Schüler können dort für andere Kinder in Not rennen und für jede gelaufene Runde eine Spende einnehmen, die sie im Vorfeld mit ihren Eltern, Großeltern und Freunden vereinbaren. Um das Solidaritäts- und Gemeinschaftsgefühl in unserer Gesellschaft zu stärken, bauen wir die Pfarrcaritas-Teams wieder auf und arbeiten neuerdings mit Gemeinden zusammen - etwa, wenn Vereinsamung oder Armut im Dorf ein Thema sind. Dann machen wir Besuchsdienste, organisieren Vorträge, Begegnungscafés und schaffen Möglichkeiten für Dialog. 

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Wir sprechen aber auch gezielt Unternehmen an, ob sie karitativ tätig werden möchten. Denn von allein gibt es meist keine Spenden.

Caritas-Direktorin Melanie Balaskovics

Haben Sie ein Best-Practice-Beispiel für solch ein soziales Unternehmen?

Die Windparkfirma Püspök in Parndorf zum Beispiel. Sie unterstützen uns etwa bei der Umsetzung eines neuen, einzigartigen Pilotprojekts, das in den nächsten Wochen startet: das mobile „Lernen auf Rädern“. Dafür haben wir einen Bus organisiert, damit auch Kinder, die in infrastrukturell schwachen Gebieten zuhause sind, unser kostenloses Lernangebot nutzen können. Dieser Bus wird jeden Tag andere Ortschaften anfahren. Hier kooperieren wir auch stark mit den Pfarren und Gemeinden, die uns fürs Lernen gratis Räumlichkeiten zur Verfügung stellen. Morgen zum Beispiel wird unser viertes Lerncafé in Güssing eröffnet.

Sie sind hauptberuflich für andere da. Bei wem tanken Sie auf?

Bei meiner Ursprungsfamilie und den Kindern meiner Schwester. Außerdem habe ich gelernt, mit meinen Kräften zu haushalten und gut auf mich selbst zu schauen. Das ist nicht immer leicht, wenn wieder einmal eine Krise unmittelbar auf die andere folgt.

Leben Sie zurzeit in einer Beziehung?

Nein, dafür ist keine Zeit. Beziehungsleben ist vielfältig, dafür braucht es nicht unbedingt einen Partner. Auch die Caritas, die Hingabe, ist eine Form der Liebe.

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