04.08.2022 17:20 |

Uploads zum Hersteller

Was ein Tesla alles über seinen Besitzer weiß

Der US-Konzern Tesla ist nicht nur Vorreiter bei der Elektromobilität im Allgemeinen, sondern auch beim vernetzten Fahren im Speziellen. Sogar eine ebenso futuristische wie umstrittene Autopilot-Funktion bietet der vom US-Starunternehmer Elon Musk geführte Autobauer schon seit Jahren an. Doch die vielen Sensoren, die dies ermöglichen, sind manchen Fahrern unheimlich: Sie sind längst nicht nur im Autopilot-Modus aktiv und sammeln bei jeder Fahrt Daten, die zumindest teilweise auch an die Server des Herstellers übertragen werden.

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Im chinesischen Badeort Beidaihe südlich von Peking sind Teslas - siehe Video - diesen Sommer verboten. Das fernöstliche Urlaubsparadies gilt als bevorzugter Ferienort der Eliten der Kommunistischen Partei - und die fürchten Teslas wegen möglicher Spionage.

Der Gedanke der chinesischen Führung: Die vernetzten und mit Kameras gespickten Elektroflitzer aus den USA könnten in Beidaihe allzu leicht sensible Aufnahmen machen, die dann über das Internet in die USA geschickt werden könnten. Tesla weist solche Spionagevorwürfe freilich kategorisch zurück.

Tesla präsentierte bei Prozess Statistiken
Dass Teslas mehr Daten sammeln als vielen Besitzern bewusst ist, ist allerdings belegbar: Das Ingenieursmagazin „IEEE Spectrum“ hat sich mithilfe öffentlicher Quellen, Behördendokumenten und Tesla-Interna einen Überblick darüber verschafft, welche Daten von einem Tesla über seinen Fahrer und dessen Gewohnheiten gesammelt werden.

Und es ist eine ganze Menge, wie bei einer Gerichtsverhandlung in Florida ersichtlich wurde: Nach einem tödlichen Crash, bei dem zwei junge Männer starben, klagte der Vater eines Opfers und Besitzer des Unfallfahrzeuges den Hersteller wegen Fahrlässigkeit. Tesla präsentierte bei dem Prozess eine Geschwindigkeitsanalyse, aus der hervorging, dass das Unfallfahrzeug zuvor monatelang mit überhöhter Geschwindigkeit gefahren worden war. Das Auto hatte sämtliche Fahrten erfasst und Statistiken an die Tesla-Server gefunkt.

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So weit wir wissen, sammeln Tesla-Fahrzeuge die meisten Daten.

Francis Hoogendijk, niederländisches Forensikinstitut

„IEEE Spectrum“ weist darauf hin, dass es keine Beweise dafür gibt, dass Tesla mehr Daten sammle, als in den AGB offengelegt werde. Das Magazin verweist allerdings auch auf Experten, die Teslas Datensammel- und Upload-Praktiken untersucht haben - und den US-Hersteller als besonders neugierig einstufen. Francis Hoogendijk vom niederländischen Forensikinstitut, der Teslas Datensammelpraktiken seit 2016 beobachtet: „So weit wir wissen, sammeln Tesla-Fahrzeuge die meisten Daten.“

Damit meint er beispielsweise die sogenannten „Gateway Log“-Dateien, die regelmäßig auf Tesla-Server hochgeladen werden. Diese Dateien geben etwa darüber Auskunft, ob der Fahrer bei der Fahrt angeschnallt war, ob er den Autopilot oder andere Assistenzsysteme genutzt hat und ob er bei der Fahrt die Hände am Steuer hatte. Daten, die im Fall eines Unfalls mit Autopilot für den Hersteller von großer Relevanz sind.

„Gateway Log“ wird hochgeladen
Grundsätzlich ist das Erfassen solcher Daten nichts Ungewöhnliches: Die meisten Neuwagen haben heute sogenannte „Event Data Recorder“ eingebaut - eine „Black Box“ wie im Flugzeug, die im Falle eines Unfalls die in den Sekunden vor dem Crash gesammelten Daten (etwa Geschwindigkeit, Lenk- und Bremsmanöver) aufbewahrt, um bei etwaigen Ermittlungen zu helfen. Die Speicherung wird normalerweise in die Wege geleitet, sobald es kracht - also wenn der Airbag aktiviert wird.

Tesla hingegen soll derlei Daten als „Gateway Log“ permanent speichern: Im Infotainment-Bordcomputer stecke dafür eine Speicherkarte mit vier bis acht Gigabyte Platz, auf der die Daten fünfmal pro Sekunde abgespeichert werden. Weil es sich vor allem um Zahlen handelt, reicht der Speicherplatz für mehrere Jahre. Hat das Auto eine WLAN-Verbindung, werden diese Daten zum Hersteller hochgeladen. Dass sie auch die Fahrzeug-Identifikationsnummer umfassen können, sorgt bei Datenschützern für Unbehagen. Aufnahmen aus den Kameras oder GPS-Positionsdaten werden in der „Gateway Log“-Datei aber nicht gesammelt.

Auch Autopilot-Computer verarbeitet Daten
Laut dem Ingenieursmagazin gibt es in Teslas aber noch einen zweiten Computer, der eine Menge Daten sammelt und verarbeitet. Es handelt sich um den Autopilot-Steuercomputer, bei dem alle Daten aus Kameras und Sensoren zusammenlaufen, um die Fahrassistenzsysteme zu regeln.

Hier kann der Besitzer eines Tesla einen USB-Stick anschließen, um die integrierten Kameras als „Dashcam“ zu nutzen und Fahrtvideos abzuspeichern. Es ist Tesla-Besitzern mit dem sogenannten „Sentry-Mode“ auch möglich, ihr Fahrzeug etwa auf Parkplätzen die Umgebung aufzeichnen zu lassen. Solche vom Nutzer mit den Bordsensoren gesammelten Daten werden zwar nicht hochgeladen, werfen aber natürlich Datenschutzfragen auf. Der „Sentry-Mode“ brachte Tesla schon eine Klage ein.

Auch Bild- und Videomaterial wird hochgeladen
Es gibt allerdings auch Gelegenheiten, bei denen Teslas sehr wohl Bildmaterial abspeichern und zum Hersteller hochladen. So berichtet „IEEE Spectrum“ unter Berufung auf einen Tesla-Hacker mit dem Pseudonym „Green“, dass Bilder und (ab Baujahr 2016) Videos aus den Kameras für die Autopilot-Funktion sehr wohl gespeichert und hochgeladen werden können. Diese „Autopilot Snapshots“ können mehrere Minuten Videomaterial umfassen und Hunderte Megabyte groß sein.

Neben visuellen Daten können diese „Snapshots“ auch Informationen über Geschwindigkeit, Gurtstatus, Lenk- oder Bremsmanöver umfassen, die hier 50 Mal pro Sekunde aufgezeichnet werden. Auch GPS-Positionsdaten werden gesammelt. Solche „Snapshot“-Pakete aus Fahr- und Leistungsdaten sowie Bildmaterial werden etwa bei Unfällen angefertigt, aber auch bei anderen Manövern, über die Teslas Ingenieure mehr erfahren möchten. Hochgeladen werden die Daten normalerweise via WLAN. Bei Unfällen wird aber auch die integrierte 4G-Datenverbindung des Autos dafür verwendet.

Bei jeder Fahrt entsteht „GPS-Brotkrümelspur“
Laut Tesla-Hacker „Green“ sammeln Teslas ab dem Baujahr 2017 zudem auch Positionsdaten: Bei jeder Fahrt wird per GPS die Route protokolliert, unabhängig davon, ob der Besitzer selbst am Steuer sitzt oder den Autopilot aktiviert hat. Diese sogenannten „Trip Logs“ beschreibt der Experte als „GPS-Brotkrümelspur“, also als Kette einzelner GPS-Positionsinfos. Sie werden via WLAN zum Hersteller hochgeladen und dann vom Bordcomputer gelöscht.

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Es gibt heute eine weltweit vernetzte Automobildatenindustrie, die mit anonymisierten Fahrzeug-, Fahrer- und Standortdaten handelt.

IEEE Spectrum

Was Tesla mit all diesen Daten macht? „IEEE Spectrum“ erklärt: „Es gibt heute eine weltweit vernetzte Automobildatenindustrie, die mit anonymisierten Fahrzeug-, Fahrer- und Standortdaten handelt, die bei Milliarden von Fahrten von Dutzenden Millionen Fahrzeugen aller großen Automobilhersteller gesammelt wurden.“ Solche Daten sind nicht nur für Marktforscher wertvoll, sondern können auch bei der Weiterentwicklung von Software wie dem Autopilot nützlich sein. Oder bei Klagen gegen den Hersteller …

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