07.11.2021 12:55 |

Die Letzten

Arbeit mit der Präzision eines Uhrwerks

Kaltes, unfreundliches Westwindwetter. Die Schweizer Berge sind angezuckert vom ersten Schnee, der in der Nacht gefallen ist. Die Schmiedgasse in Feldkirch ist fast menschenleer. Nur ein Herr mit hochgeschlagenem Mantelkragen und eingezogenem Kopf eilt an mir vorbei. Der Regen hat wieder angefangen und peitscht ins Gesicht.

Ich betrete die traditionsreiche Uhrmacherwerkstätte Ritter. Dietmar, der Fotograf ist schon vor mir da, wie immer. Man empfängt mich mit ausgesuchter Herzlichkeit: Mama Sabine, Christoph, der Sohn, und Vater Gerhard. Der Urgroßvater Michael Ritter hat die Uhrmacherwerkstätte im Jahr 1867 gegründet. Ein ernst dreinblickender Mann, wie auf einem alten Foto zu sehen ist, mit Rauschebart und Vatermörder. So wurde der weiße, gestärkte Hemdkragen genannt. Die Werkstätte besteht jetzt schon seit fünf Generationen. Christoph, ein junger, sehr ruhiger und sportlich aussehender Mann hat sie übernommen.

Schon im Treppenhaus stehen und hängen allerlei Uhrwerke aus unterschiedlichen Jahrhunderten. Die Frucht einer jahrzehntelanger Sammlerleidenschaft. Vater Gerhard sammelt ehemalige Turmuhrwerke und restauriert sie. Ein schmiedeeisernes Räderwerk mit monumentalen Zeigerleitungen, Waaghemmung und Sandsteingewichten baut sich über das gesamte Treppenhaus auf. Es handelt sich um eine gotische Turmuhr von 1530 aus Thaur bei Rum (Tirol).

„Sie war in einem erbärmlichen Zustand, zum Teil komplett verrostet“, erzählt Gerhard mit Understatement, denn er hat das Objekt, das als Schrott galt, in über hundert Stunden liebevoll renoviert. Sogar die wasserverschliffenen Bachbölla, die Sandsteingewichte hat er lange in einem Bachbett gesucht. Und nun geht sie wieder, diese Uhr, die fast fünfhundert Jahre alt ist. „Das Faszinierende ist, dass so ein Uhrwerk Generationen von Menschen vom Tag in die Nacht begleitet hat. Menschen, von denen wir nichts mehr wissen, die ihren Lebenslauf, ihre Gebete, nach dieser Uhr ausgerichtet haben.“

Kostbare Werke
Gerhard führt mich zu einer anderen Turmuhr, die schon nach dem Huygens’schen Prinzip der Pendelhemmung arbeitet. „Diese Uhren liefen schon wesentlich genauer als die gotischen Uhren. So ein Werk kostete damals etwa so viel wie ein ganzes Bauernhaus. Modern gesprochen waren diese Uhren mit ihren Zahnrädern die ersten Maschinen, die Information erzeugt haben.“ Was die Frage nahelegt, die ich an Vater und Sohn gleichzeitig stelle, inwiefern das digitale Zeitalter dem klassischen Uhrmacherhandwerk den Garaus macht. „Ganz und gar nicht“, antwortet Christoph. Er stelle unter jungen Menschen wieder einen Trend zur mechanischen Uhr fest.

Vater und Sohn unterhalten ihre je eigene Werkstatt. Christoph führt mich über eine enge Treppe in sein Reich, wo alte Wand- und Tischuhren auf ihre Wiedererweckung warten. Ich stehe vor einer Tischuhr aus der Empire-Zeit mit Säulen aus Elfenbein. „Wir renovieren ja nicht auf Hochglanz“, sagt Christoph. „Die Patina, die so ein Stück im Lauf der Zeit erhalten hat, soll erkennbar bleiben. Das Schöne an meinem Beruf sind die Geschichten, die mir die Leute zu ihren Uhren erzählen. Wenn zum Beispiel eine alte Dame die Wanduhr zur Reparatur bringt, deren Klang sie schon als ganz kleines Mädchen vernommen hat und nach der Revision diesen Klang wieder plötzlich hört und strahlende Augen bekommt, dann strahle auch ich.“

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Das Schöne an meinem Beruf sind die Geschichten, die mir die Leute zu ihren Uhren erzählen.

Christoph Ritter

Auf Christophs Werktisch mit verstellbaren Armstützen steht ein altes Pendeluhrwerk aus dem Jahr 1890, das er gerade zerlegt. „Diese Uhr ist in einem allgemein schlechten Zustand. Sie ist stark verschmutzt. Es sind einige Lager ausgelaufen, sodass der Eingriff der Räder zueinander nicht mehr passt. Weil die Lager trocken sind, ist die Reibung zu groß geworden.“

Er schraubt das Gehwerk auseinander. Die ersten vier Schräubchen merke ich mir noch, aber nach und nach verliere ich den Überblick. Ob er mit dem Handy die einzelnen Schritte fotografiere, frage ich, weil ja jede Uhr ein Unikat sei. „Nein. Früher habe ich sogar noch handschriftliche Skizzen gemacht. Darüber bin ich heute froh, weil ich mir dadurch die einzelnen Abläufe viel genauer einprägen konnte.“

Arbeit für Endkunden
Er hat sich im väterlichen Betrieb als Uhrmachermeister selbstständig gemacht, zuerst für verschiedene Juweliere gearbeitet, sich dann aber nach und nach eine exzellenten Namen in der Reparatur alter Uhren geschaffen, sodass er heute nur noch direkt für seine Endkunden arbeitet.

In der Werkstatt tickt und tackt es unaufhörlich aus vielen Uhrengehäusen. „Macht einen das nicht verrückt?“, frage ich. „Gar nicht. Im Gegenteil. Es ist ein unglaublich ruhiger und eigentlich sehr stiller, sogar meditativer Beruf.“ Erholung finde er beim Eishockey-Spielen oder beim Fischen.

Als wir die Uhrmacherwerkstatt verlassen, verabschiedet uns die ganze Familie Ritter mit großer Herzlichkeit. Sogar der jüngste Sohn Tobias, der im Verkauf tätig ist, ist extra noch gekommen. Draußen regnet es. Zufällig laufe ich dem verdrießlichen dreinblickenden Herrn vom Anfang noch einmal über den Weg.

Robert Schneider
Robert Schneider
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