17.10.2021 06:00 |

Europol in Den Haag

In der Schaltzentrale der Anti-Mafia-Einheit

Ein Lokalaugenschein von „Krone“-Reporter Christoph Matzl bei Europol in Den Haag, dem europäischen Kommando im Kampf gegen Terror, organisierte Kriminalität, Drogenhandel, illegale Migration und Kinderpornografie.

Poller, Panzerglas, Polizisten mit Maschinenpistolen. Die Europol-Zentrale in Den Haag ist hermetisch abgesichert. Der Gebäudekomplex im Zentrum des Regierungssitzes gilt als sicherstes Haus der Niederlande, und wohl auch in der EU. Denn hier laufen die Drähte der Polizeibehörden aller 27 EU-Staaten zusammen. Erfahrenste Kriminalisten koordinieren und vernetzen Europas Sicherheitskräfte im Kampf gegen den Terror und organisierte Kriminalität. Auch 15 Österreicher zählen zu den Hightech-Ermittlern.

Globaler Schlag im Sommer: 800 Festnahmen in 16 Ländern
Erst im Sommer gelang Europol gemeinsam mit dem FBI ein globaler Schlag gegen die Drogenmafia: 800 Festnahmen in 16 Ländern - darunter 81 Verhaftungen in Österreich - und Sicherstellung von Vermögenswerten im Milliardenwert.

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Dieser Mord auf offener Straße war eine Warnung an alle, Journalisten und Politiker.

Ein Diplomat

Zwei Wochen danach wurde in Amsterdam der Journalist Peter de Vries mit Kopfschüssen hingerichtet. „De Vries war Vetrauensperson eines Kronzeugen im Prozess gegen eine Drogenbande. Dieser Mord auf offener Straße war eine Warnung an alle, Journalisten und Politiker“, so ein Diplomat, der Innenminister Karl Nehammer (ÖVP) beim Besuch der rot-weiß-roten Europol-Profis begleitet. Seither steht der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte - wenn auch geheim - erstmals unter Personenschutz.

Rotterdam als Drehkreuz des Kokain-Handels
Rund 1400 Europol-Fahnder verfolgen auf ihren Bildschirmen Kontakte der organisierten Kriminalität. Das „rote Telefon“ zur Alarmierung aller europäischen Anti-Terror-Einheiten ist 24 Stunden am Tag griffbereit. Tatsächlich herrscht derzeit rund um den Hafen von Rotterdam, dem Drehkreuz des europäischen Kokain-Handels, ein Machtkampf unter rivalisierenden Clans. Zumal 80 Prozent der synthetischen Drogen aus den Niederlanden kommen.

Wobei sich im digitalen Zeitalter vieles geändert hat. Aus Südamerika geliefertes Rauschgift wird übers Darknet bestellt, und getarnte Drogenpakete werden europaweit per Post zugestellt.

„Haben es mit smarten Managern zu tun“
Mafiapaten sind längst keine grobschlächtigen Ganoven mehr. „Heute haben wir es mit smarten Managern zu tun. Oft raffinierte Akademiker. Sie analysieren den Drogenmarkt, investieren und expandieren wie Wirtschaftsunternehmen. Aber diese Syndikatsbosse heuern eiskalt Killer an, wenn ihnen wer in die Quere kommt“, so Christian Wandl, Österreichs Europol-Leiter, selbst promovierter Doktor.

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Beim Terror-Anschlag vom vorigen November in Wien haben Holland und Europol sofort, d.h. binnen Minuten, Hilfe bei der Fahndung geleistet.

Innenminister Karl Nehammer (ÖVP)

Derzeit bereitet den Kriminalisten in Den Haag auch Afghanistan Kopfzerbrechen. Denn die Taliban machen sich schon bereit, Tonnen an Heroin per Schiffsfracht nach Europa zu „exportieren“.

Daten und Fakten

  • Die Polizeibehörde der Europäischen Union mit Sitz im niederländischen Den Haag wurde offiziell am 1. Juli 1999 gegründet. Zuvor hatte der erste Direktor, der deutsche Jurist Jürgen Storbeck, mit europaweiten Ermittlungen gegen kriminelle Motorradbanden erste Fahndungsstrukturen aufgebaut. 
  • Der Grundgedanke ist die Vernetzung von nationalen Polizeibehörden.
  • Arbeitsbereiche sind die Terrorismusbekämpfung, die Bekämpfung und Prävention des illegalen Waffenhandels, des Drogenhandels, der Kinderpornografie und der Geldwäsche.
  • Zudem koordiniert die Polizeizentrale in Den Haag auch den Einsatz gegen illegale Migration.
  • Da die Kriminalexperten aus allen EU-Staaten konzentriert in einem Gebäude zusammenarbeiten, erfolgt die Kooperation zwischen den einzelnen Fahndern - die einander oft seit Jahren kennen und vertrauen können - schnell und somit effizient.

„Brutale Realität weit schlimmer als in TV-Krimis“
Innenminister Nehammer traf seinen Amtskollegen aus den Niederlanden und besuchte Europol. Mit der „Krone“ sprach er über seine Eindrücke.

„Krone“: Herr Minister, worüber haben Sie mit Ihrem Amtskollegen Ferdinand Grapperhaus gesprochen?
Karl Nehammer: Im Kampf gegen den Terror gelten die Niederlande als Vorzeigeland. Da man Terror nur transnational abwehren kann, wollen wir künftig zusammenarbeiten: im Umgang mit Hasspredigern, gegen radikalisierende Vereine und beim Durchleuchten dubioser Finanzierungen.

Wurde auch über illegale Migration geredet?
Ja. Den Niederlanden und Österreich ist es wichtig, die EU dazu zu bringen, ein stärkeres Engagement für Rückführungen in viel größeren Zahlen zu zeigen.

Soll Österreich wie die Niederlande Flüchtlinge aus einem griechischen Lager aufnehmen?
In Österreich und den Niederlanden, die mit 17 Millionen Einwohnern etwa doppelt so groß sind, wurden gleich viele Asylanträge gestellt. Nämlich 22.000! Allein 3400 von Afghanen in diesem Jahr. Österreich ist somit an dritter Stelle in der Europäischen Union, was die Schutzgewährung betrifft.

Wie ist Ihr Eindruck von der Arbeit des österreichischen Europol-Teams?
Ich kann meinen Kriminalisten nur höchste Anerkennung aussprechen und Dank sagen. Die Zahlen erfolgreicher Fahndungen und Ermittlungshilfen sprechen Bände.

Was hat Sie bei Ihrem Besuch in den Niederlanden am meisten beeindruckt?
Am bedrückendsten war für mich im Gespräch mit den Kriminalisten, dass die Wirklichkeit innerhalb organisierter Banden-Strukturen weit brutaler und erschütternder als alle Darstellungen in vielen Filmen ist. Ich habe Bilder von Mafia-Folterungen gesehen, die ich wohl lange nicht vergessen werde.

Europol und andere europäische Behörden starten die gemeinsame Aktion „Sentinel“, um die EU davor zu schützen, dass Geld aus dem Corona-Aufbaupaket missbräuchlich verwendet wird. Ein notwendiger Schritt?
Auf jeden Fall. Schließlich ist geplant, dass EU-Hilfen im Wert von 800 Milliarden Euro ausgeschüttet werden. Es sollen aber nur die unterstützt werden, die es auch wirklich brauchen.

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