07.06.2021 17:30 |

Felix Mitterer Stigma

Volksbühne Mils: Schicksal der geschundenen Magd

Neben den professionellen Kulturinstitutionen können seit Mai auch die Amateurbühnen ihren Theater-Hunger stillen und Inszenierungen anbieten. So auch die Volksbühne Mils, welche mit „Stigma“ ein großes, für ein Laientheater nicht alltägliches Projekt, am Samstag, den 5. Juni 2021, als Premiere präsentierte.

Unter der Regie von Pepi Pittl und Co-Regie von Helga Föger Pittl wagte sich die Volksbühne Mils an einen großen österreichischen Bühnenklassiker heran. Das Stück „Stigma“, das 1982 vom benachbarten Hall ausgehend, zu einem Riesenskandal stilisiert wurde und dessen Autor Felix Mitterer sogar Morddrohungen einbrachte, feierte am Samstag, den 5. Juni, vor coronabedingten 100 Zusehern eine gelungene Premiere.

Ein zeitloser Klassiker
Auch heute, knapp 40 Jahre nach seiner Entstehung, ist das Stück heftig. Nachdem in den letzten Jahren unzählige Missbrauchsfälle durch Würdenträger der römisch-katholischen Kirche bekannt wurden, macht „Stigma“ doppelt betroffen. Den Mittelpunkt der Geschichte, welche im frühen 19. Jahrhundert angesiedelt ist, bildet eine Magd namens „Moid“. Mit deren Besetzung durch Sabrina Engl gelang Regisseur Pittl ein grandioser Glücksfall, den auch der bei der Premiere anwesende Felix Mitterer als solchen empfand. „Moid“ besitzt einen aufopfernden Glauben an den Heiland. Sie, die nichts besitzt und nur als „Arbeitstier“ von ihrem Dienstgeber (Josef Hoppichler) gesehen und benutzt wird, fällt so tief in den Glauben zu Jesus, dass an ihr die Wunden, welche er am Kreuz erhielt, auftauchen.

Doch der Bauernsohn Ruepp (Alex Engl) erscheint eines Nachts mit Teufelsmaske und vergewaltigt die „Moid“. Die Magd gerät nun in die gefährlich mahlenden Mühlen von Kirche, Wissenschaft und Gesetz. Jetzt kommt die Scheinheiligkeit und Verdorbenheit der Vertreter der Gesellschaft zutage. Dem humanen, aber unter seinem Amt leidenden „Pfarrer“ - überzeugend dargestellt von Josef Pittl - kommen der Abgesandte des Bischofs (Regisseur Pepi Pittl als „Monsignore“) sowie ein Medizinprofessor (Michael Grüner) ins Gehege.

Exorzismus kein Ausweg
Diese sehen als letzten Ausweg einen Exorzismus, den der „Monsignore“ an der Schwangeren vornimmt. Die angedachten und sich in „Moid“ befindlichen Dämonen fahren jedoch in den Exorzisten über. Sie stellen seine Obsessionen bloß, geben den Namen des Vergewaltigers preis und provozieren Mord und Selbstmord. Die „Mitterer Passion“ der geschundenen Magd endet, als sie nach der Geburt des Kindes von der Exekutive als Volksaufhetzerin gegen Obrigkeit und Kirche inhaftiert werden soll. „Moid“ wirft sich schützend vor das abgefeuerte Gewehr eines Gendarmen (Markus Kölli), der auf den Kleinknecht (Franz Hauser) zielt, als dieser ihr bei der Flucht helfen will.

Gelungene Inszenierung
Die Volksbühne Mils, vor allem die Hauptdarstellerin, schaffen es, dass dem Zuseher in den Schlüsselszenen durch leidenschaftliches Spiel in Kombination mit der von Manuel Stix komponierten Musik „kalter Schauer“ über den Rücken läuft. Großartig auch der wichtige gesellschaftskritische Part, in welchem „Moid“ über die Ungerechtigkeiten im Leben Position bezieht. Nur in den wenigen Szenen, die beim Publikum Lachen provozieren, sollte man vorsichtiger und feinfühliger agieren, damit diese nicht das gesamte Bühnenstück im Resümee Richtung „Provinzposse“ bringen.

Hubert Berger
Hubert Berger
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