03.06.2021 15:30 |

Mitterers neues Stück

Steudltenn-Festival: Liebeserklärung mit Papagei

„Wurlitzergassen 22 zwozl-zwozl“, so lautet der ungewöhnliche Titel des neuesten Bühnenstückes von Felix Mitterer, welches Dienstagabend beim Theaterfestival Steudltenn seine umjubelte Uraufführung erlebte. Durch die feinfühlige Inszenierung von Hakon Hirzenberger und zwei großartigen Schauspielerinnen wurde eine einmalige Tragikomödie zur Realität.

„Mirl“ ist alt und vereinsamt, sie sitzt im Rollstuhl und als Gesprächspartner hat sie nur mehr ihren Papagei namens „Gogol“. Das glaubt sie zumindest und auch der Zuseher ist längere Zeit in diesem Glauben. Aber „Gogol“ ist nicht das, was er scheint zu sein, das wird spätestens dann klar, als er mit staksenden Roboterschritten sich zu einer Elektro-Ladestation begibt, um neue Lebensenergie zu tanken. „Mirls“ Gedanken sind wirr, hat sie Demenz, oder liegt sie in einen künstlichen Tiefschlaf versetzt auf einer Intensivstation, wie so viele seit mehr als einem Jahr?

Im Kopf einer alten Frau
Diese Interpretation überlässt Autor Felix Mitterer dem Publikum und durch diese Möglichkeit wird man als Zuseher in das Stück und seine Dialoge tief integriert. Aber zurück zur Handlung. In „Mirls“ wirrem Kopf verschieben und vermischen sich die Zeiten, deren Abläufe und die Erlebnisse, ihre eigenen mit denen von Familienangehörigen. „Gogol“ muss sie noch oft darauf hinweisen, dass nicht sie in diesen Erinnerungsfragmenten die Protagonistin war, sondern jemand anderer, wie die prägende „schwarze Oma“. Somit wird ihr gewohnter Lebensbereich und der ihrer Familie, die Wurlitzergasse 22, zum letzten übrig gebliebenen, aber alles bestimmenden Mikrokosmos ihrer Gedanken- und Gefühlswelt.

Bravouröse Inszenierung
Das Schöne, das Hässliche und das Traumatische, von welchem Österreich die letzten hundert Jahre geprägt war, wird somit plakativ lebendig. Felix Mitterer hat vor der Uraufführung im „Krone“-Gespräch gemeint: „Es ist ein unmögliches Stück, eigentlich unaufführbar. Aber Hakon wird's schon machen.“ Hakon Hirzenberger, Festivalleiter und Regisseur von „Wurlitzergassen 22 zwozl-zwozl“ hat es mehr als bravourös gemacht.

Man kann das neueste Stück des Erfolgsautors Mitterer als großartige, fein- und tiefsinnige Tragikomödie titulieren. Perfekt besetzt wurde die textlich mehr als fordernde Rolle der „Mirl“ von der bekannten Wiener Actress Susanne Altschul. Dem vermeintlichen Papagei „Gogol“ haucht die begnadete Tiroler Schauspielerin Juliana Haider mitreißend (künstliches) Leben ein. Es ist ein wahrer Genuss, sich eine Stunde und dreizehn Minuten lang in die ausgefeilten Dialoge der beiden Parade-Miminnen fallen zu lassen. Das schlichte Bild der Steudltenn-Freiluftbühne stammt vom Zillertaler Künstler Gerhard Kainzner und die Auswahl der Musik wurde von Matthias Jakisic getätigt. Autor Felix Mitterer fand gemeinsam mit seiner Ehefrau, der Autorin Agnes Beier, vor der Uraufführung des Stückes Zeit für ein längeres Gespräch.

Der Papagei war ein Wellensittich
Die Wurlitzergassen 22 gibt es wirklich im 16. Wiener Gemeindebezirk und auch die Erinnerungen an diese und an die Großmutter und Mutter von Agnes Beier, die dort lebten, sind Realität. „Wenn man einem Schriftsteller was erzählt, macht er natürlich auch eine eigene Geschichte daraus“, meint Agnes Beier und führt weiter aus: „Meine Großmutter hatte zwar keinen Papagei, aber einen Wellensittich, der immer zwozl-zwozl sagte.“

Eine Liebeserklärung
Diese Erinnerungen begleiten Felix Mitterer schon seit Jahren. „Ich habe unzählige von Notizen des Erzählten erstellt und der Lockdown bot mir die Gelegenheit, diese in ein Bühnenstück zu fassen“, lauten seine erklärenden Worte und verrät abschließend: „Eigentlich ist es auch als eine Liebeserklärung an meine Agnes gedacht.“

Hubert Berger
Hubert Berger
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