16.05.2021 08:55 |

Vorarlberg spricht

„Einsamkeit ist die Volkskrankheit Nr.1“

Das aktionstheater ensemble bringt zwei neue Stücke innert acht Tagen auf die Bühne. In „lonely ballads I &II“ widmet sich Regisseur Martin Gruber der Einsamkeit und dem Halt, den wir zu finden hoffen.

Krone: In den kommenden Tagen stehen gleich zwei Premieren des aktionstheaters am Programm. Wegen der Pandemie hat sich einiges verschoben. Wie hat die Krise die Arbeit an den Stücken verändert?
Martin Gruber: Wer uns kennt, weiß, dass wir immer schnell reagieren, so auch in diesem Fall. Die Ausgangsposition für beide Stücke ist das Zurückgeworfensein auf sich selbst, das die Menschen in der Coronakrise erlebt haben. Umgesetzt haben wir das unter anderem dadurch, dass diesmal die Schauspieler und Schauspielerinnen einzeln auftreten, nicht im Ensemble. Weil ich aber nie ein Freund von Monologen am Theater war, haben wir viel Arbeit investiert, um die Komplexität, die normalerweise in einem Ensemble auf der Bühne entsteht, auch diesen Einzelauftritten angedeihen zu lassen. Ich wollte die SchauspielerInnen diesmal ins Leere sprechen lassen. Gerade in Extremsituationen stellen sich doch oft Grundfragen: Wo stehe ich? Wer bin ich? Und dieses Mal kommen keine Antworten mehr von einem Gegenüber.

Das gilt also für beide Stücke?
Ja, pro Stück treten zwei SchauspielerInnen auf, vier völlig verschiedene Persönlichkeiten. Und sie zeigen jeweils unterschiedliche Aspekte davon auf, was es bedeutet, mit sich allein zu sein. Es beginnt mit Thomas und den jetzt evidenten Femiziden. Es geht um einen Mann aus der Mitte der Gesellschaft, einen pseudofeministischen Mann, der im Stück in eine Rechtfertigungsspirale gerät, warum seine Beziehung in der Krise gescheitert ist. Patriarchale Strukturen liegen nicht immer offen und gut sichtbar frei, oft liegen sie so tief, dass man schon sehr lange danach suchen muss. Wir fragen: Wo kommt denn dieser Machismo nun her? Wodurch wird er befeuert? Bei Isabella wiederum geht es darum, wo man sich in der Gesellschaft einordnet. Welchen Part kann ich erfüllen, wo werde ich wahrgenommen oder eben auch nicht? Wo liegt die Anbindung an das Größere, an die Gesellschaft, wo scheitern wir?

Und was erwartet uns bei der zweiten Premiere?
Bei Tamara Stern geht es um Verankerung. Ihr gefällt der Lockdown eigentlich ganz gut, man muss niemanden mehr treffen. Die Frage ist: Was steckt dahinter? Sie fragt sich auch, wo sie als in Berlin lebende Jüdin eigentlich zuhause ist - in Anbetracht dessen, was politisch gerade passiert. Es geht hier auch um den Versuch, Halt zu finden. Und Benjamin hat es sich in der Krise vermeintlich sehr schön eingerichtet. Ein Nerd, der sich in seiner eigenen Wohnung die ganze Welt erschafft. Da geht es um Fragen wie: Was kann ich? Was bin ich? Bei Benjamin kommt es zu einem Rückgriff auf seine Kindheit, über die er sich definiert. Natürlich passt das nicht mehr so ganz in das Heute, wo andere Dinge verlangt werden. Und auch bei ihm - wie bei allen anderen - stellt sich die Frage nach der Wahrnehmung. Was bleibt, wenn ich mich in dieser Krise nur auf mich selbst besinne und was bin ich wert?

All diese Themen haben uns schon vor Corona Probleme bereitet. Was hat die Krise verändert?
Die Frage ist nicht, was sich geändert, sondern was sich zugespitzt hat, nämlich die prekären Verhältnisse. Wir versuchen in unseren Stücken, einen weiteren Schritt in Richtung Quintessenz zu gelangen. Die Krise hat einerseits gezeigt, dass viele Menschen in eine bedauernswerte Situation geschlittert sind, alte und sehr junge Menschen etwa. Andererseits hat die Krise auch Egozentrik und Eitelkeiten befördert. Und dem Markt gefällt es ja, wenn wir uns entsolidarisieren und uns nur noch mit uns selbst beschäftigen. Zwischen diesen beiden Polen bewegen sich unsere Stücke.

Das aktionstheater wird aber keine klassische Coronapolitik-Kritik auf die Bühne bringen?
Wenn man genau hinsieht, ist diese Kritik permanent da, aber wir bringen keine kabarettistischen Plattitüden, mit denen wir in letzter Zeit belästigt worden sind. Es geht ja auch nicht um ein Versagen etwa bei der Impfstrategie oder in anderen Einzelfeldern. Es geht um ganz anderes. England hat ein Ministerium gegen Einsamkeit geschaffen. Das ist doch ein Zeichen. Einsamkeit ist die Volkskrankheit Nummer 1. Aber uns es geht nicht um irgendwelche „Maßnahmen“, die mich peripher interessieren. Es gibt viel zu kritisieren an einer Politik, die null Vision bietet. Und auch an manch einer öffentlich geäußerten Kritik. Etwa jene Kritik einiger Künstler, das war nicht sehr gelungen. Klar freut es auch mich nicht, nicht auf ein Bier gehen zu dürfen, aber warum geht man nicht auf die Straße, weil Indien zu wenig Vakzine zur Verfügung hat? Das hat eine große Eitelkeit gezeigt, sonst nicht viel.

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Es geht ja gar nicht mehr darum, ob jemand in einem Ausschuss gelogen hat, sondern nur noch darum, ob man sich dabei gut verkauft.

Martin Gruber

Die Politik geht in Österreich also an den wichtigen Dingen vorbei?
Dort geht es um Entertainment, das möglichst so gut gemacht ist, dass es Stimmen generiert. Es geht dort nicht darum, Dinge zu verbessern. Im Gegensatz zur Politik versuchen wir uns poetisch an der Realität und überlassen die Show der Politik. Das ist auch das, was Theater heute kann. Die Wahrheit wird in der Politik doch ziemlich gedehnt, denkt man an das, was in den letzten Tagen in Österreich passiert ist. Wir versuchen, auf den Kern zu stoßen. Das scheitert natürlich auch immer wieder, aber es hat einen größeren Wahrheitsgehalt als die Aufrechterhaltung der ständigen Polit-Performance. Es geht ja gar nicht mehr darum, ob jemand in einem Ausschuss gelogen hat, sondern nur noch darum, ob man sich dabei gut verkauft.

Manchmal wäre es sicher besser, gar nichts mehr zu sagen. Apropos: Welche Rolle nimmt diesmal die Musik in den Stücken ein?
Eine massive Rolle, mehr als je zuvor. Dort, wo Sprache versagt, wo ob der Überforderung keine Worte mehr gefunden werden können, geht es mit Musik weiter. In der Musik liegt die Entlastung, es ist eine Form der Katharsis.

Fakten

Aufführungstermine: 
Uraufführung „lonely ballads I“: 25. Mai. Danach 26., 27., 28. Mai jeweils 19.30 Uhr, Spielboden Dornbirn. Uraufführung „lonely ballads II“ 1. Juni. Danach 2., 3., 4. Juni jeweils 19:30 Uhr, Theater Kosmos Bregenz.

Und wie ist das Gefühl, die eigene Arbeit nun wieder zeigen zu können?
Ich freue mich riesig, dass wir wieder mit dem Publikum in Kontakt treten können. Das gemeinsame Erfahren dieser erlebten Einsamkeit hat etwas Heilsames. Man kann miteinander sehen, wie die Dinge sind, ohne gleich eine Lösung zu präsentieren. Einfach die Zustände gemeinsam zu erfahren, das ist die Quintessenz. Es ist der Versuch einen Zugang zu uns selbst zu finden. Mehr ist es nicht.

Angelika Drnek
Angelika Drnek
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