21.01.2011 19:16 |

Sudan-Referendum

Rekordverdächtiges Ja zum neuesten Staat Afrikas

Eine Wählerzustimmung von 99 Prozent lässt eigentlich sämtliche Alarmglocken schrillen. Zu sehr klingt so ein Votum nach den Wahlergebnissen einstiger sowjetischer Zentralkomitees oder der Bestätigung von Diktatoren, die der Form halber eine Wahl organisieren lassen. Kann so viel geballte Zustimmung überhaupt möglich sein? Bei der Volksabstimmung im Südsudan, die nach Aussage aller Wahlbeobachter friedlich, transparent und ordnungsgemäß ablief, offenbar schon.

Nach der Auszählung von knapp 84 Prozent der fast vier Millionen Wählerstimmen meldete die Referendumskommission am Freitag ein rekordverdächtiges Ja von bisher 98,6 Prozent für die Teilung des Sudans und einen unabhängigen Südsudan. Die Wahlbeteiligung lag nach inoffiziellen Angaben bei über 85 Prozent, in einigen Regionen sogar bei bis zu 95 Prozent.

Bürgerkrieg traf vor allem den Süden
Überraschend kommt das klare Votum nicht, auch wenn in jüngsten Umfragen vor der Volksabstimmung "nur" 97 Prozent für einen eigenen Staat stimmen wollten. In Juba, der Hauptstadt des Südens, sind die Weichen schon lange auf Unabhängigkeit gestellt. Der Norden, so geben auch gemäßigte Stimmen in Khartum zu, hat dem überwiegend schwarzafrikanischen Süden die Einheit nie wirklich attraktiv erscheinen lassen. Der 21 Jahre lange blutige Bürgerkrieg mit seinen zwei Millionen Toten und mehr als vier Millionen Flüchtlingen hat vor allem im Süden schwere Zerstörungen angerichtet. Noch heute hat die teilautonome Region ein asphaltiertes Straßennetz von weniger als 100 Kilometern Gesamtlänge.

Eine ganze Generation hatte kaum eine Chance auf Schulbesuch und Ausbildung, Tausende Menschen kämpften jahrelang, auch als Kindersoldaten. Nur wer in einem Flüchtlingslager in Kenia oder Uganda landete, oft nach monatelangem Fußmarsch, hatte Glück: Dort konnten Flüchtlingskinder nicht nur zur Schule gehen, sie lernten auch Englisch, das im Süden das Arabische ersetzen soll.

Beobachter befürchten "gescheiterten Staat"
Auch wenn Riek Machar, der Vize-Präsident des Südens, vor wenigen Tagen versicherte, die Regierung in Juba habe bereits einen Regierungsplan für die Zeit der Unabhängigkeit - viele Beobachter fürchten, dem Südsudan könne das Schicksal eines "gescheiterten Staats" drohen, wenn Polizei, Justiz und Verwaltung nicht in einem wesentlich schnelleren Tempo als bisher aufgebaut werden. Die Entwaffnung einstiger Kämpfer und neue Perspektiven für Männer, die nichts als den Umgang mit der Waffe gelernt haben, sind ebenso nötig wie ein funktionierendes Schul- und Gesundheitswesen.

Ob der künftige Staat, an dem niemand mehr zweifelt, überlebensfähig ist, hängt auch von den Beziehungen zum Norden ab. Vor allem in der Grenzregion führt die einzige Versorgungsader in den Norden. Enge wirtschaftliche Zusammenarbeit ist für Nord und Süd unumgänglich. Schon vor Tagen warnte Salva Kiir, der Präsident des Südsudan, vor voreiligen Jubelfeiern, die die Gefühle des islamisch-arabisch geprägten Nordens verletzen. Zwar wird im Südsudan schon jetzt über einen neuen Namen für den eigenen Staat nachgedacht, aber bis zum wahrscheinlichen Unabhängigkeitstag am 9. Juli sollen keine neuen Wunden geschlagen werden.

Zudem gärt es im Norden, wo radikale Gruppen die Abtrennung des Südens als Demütigung empfinden. Aber auch von gemäßigten Gruppen schlägt dem sudanesischen Präsidenten Omar al-Bashir zunehmend Widerstand entgegen. Die bisher zerstrittenen Gruppen wollen nach der Festnahme von Oppositionsführer Hassan al-Tourabi in der Nacht auf Dienstag den Schulterschluss proben, reden offen vom Sturz der Regierung und verweisen auf die Entwicklung in Tunesien. "Unser einziger Feind ist die Regierung, und wir werden sie mit allen notwendigen Mitteln zu Fall bringen", drohte etwa Ibrahim al-Sanusi, einer der Führer von Tourabis Partei PCP.

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