02.04.2021 06:00 |

Thomas Desch (62)

Sein letzter Weg: „Viel erlebt, was sollst mehr?“

„Wir sind wie Seeleute, die verlernt haben, wie man zur See fährt“, sagt Thomas Desch (62). Der Tod sei ein „Wieder-weg-Fahren auf das Meer hinaus. Wir wissen nur nicht, wie es funktioniert.“ Desch wird es bald wissen, er ist unheilbar krank. Ein Gespräch mit einem Sterbenden. 

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Wie würden Sie Ihre letzten Tage verbringen? Schon darüber nachgedacht? Thomas Desch denkt nicht nur darüber nach, er tut es: mit Gesprächen, mit klassischer Musik, Jazz und viel Literatur, vor allem von Hermann Hesse. „Ich habe eine große Sammlung aufgebaut und immer gedacht: Ja, in der Pension dann ...“ Und da muss Desch lächeln: „Das hat sich jetzt etwas verändert.“

Desch hat Magenkrebs, unheilbaren. Er lebt im CS Hospiz Rennweg in Wien (CS Hospiz Rennweg der Caritas Socialis, Spendenkonto Erste Bank, IBAN: AT27 2011 1800 8098 0900, BIC: GIBAATWW, www.cs.at). Er wirkt abgeklärt, ruhig, sachlich. „Die Perspektive ist, von Tag zu Tag noch so viel wie möglich aufzunehmen, zu lernen“, sagt er. Kein passives Warten? „Es ist ein Empfangen des Weiterlebens. Ich versuche, meinen Tag so aktiv zu gestalten, so weit es geht. Ich gehe diesen Weg weiter, so lange er mir gegeben ist.“

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Das ganze Leben steuert auf den Tod zu. Und das ist ein Vorgang, der mich jetzt zwar überraschend trifft, aber er trifft mich jedenfalls. Es hat gar keinen Sinn, zu jammern. Am besten, man begibt sich auf den Weg und schaut Schritt für Schritt, wie es weitergeht.

Thomas Desch

Die Diagnose traf Desch mitten im aktiven Arbeitsleben mit vielen Reisen als Referatsleiter im Verteidigungsministerium. Da waren plötzlich diese Schmerzen, dann diese eine Operation im Februar 2020, die eine Weggabelung war: „Es war klar, es wird dabei entschieden, ob es der Weg der Totalentfernung des Tumorgewebes wird oder der andere.“ Es wurde „der andere“, der letzte. 

„Es hat Zeit gebraucht, um das zu verarbeiten. Aber ich habe mich schon als junger Mensch mit dem Tod beschäftigt. So war ich weniger verzweifelt, sondern da war mehr diese Überraschung: Ah, jetzt ist es so weit, demnächst findet also statt, was ja jeden Menschen trifft. Es weiß ja keiner, wann, wodurch, wie er stirbt. Das war auch ein gewisser Trost. Man kann sich nicht aussuchen, was kommt, was einem zum Lebensende bringt. Es hat keinen Sinn, Widerstand zu leisten.“

Hoffen auf ein Wunder kein Thema mehr
Bis Jahresende war Desch noch in der Arbeit: „Da war ich körperlich noch fit, hab gemerkt, zu Hause zu sitzen ist nicht so meins.“ Doch auch hier kam das Ausräumen, das „Schlussmachen“.

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Ich meine, unsere Aufgabe besteht darin, dass wir immer mehr zu uns selbst finden im Laufe unseres Lebens und immer mehr Mensch im humanistischen Sinne werden, der möglichst nach allgemeinen ethischen Prinzipien lebt und handelt.

Thomas Desch

„Meine Frau und ich haben uns darauf verständigt, Tag für Tag zu leben. Keine Spekulationen mehr, was sein wird.“ Natürlich keimt anfangs noch „ein bisschen die Hoffnung, vielleicht gibt es ein Wunder“, so Desch: „Für mich ist das jetzt kein Thema mehr. Der Körper verfällt, es ist ganz klar, in welche Richtung es geht.“ Hoffen, wehren hätte „keinen Sinn. Für mich ist es eine Illusion, an etwas anderes zu glauben oder anderes zu wollen, als die Tatsachen anzunehmen. Das ist jetzt meine Aufgabe.“

Die Notwendigkeit des Sterbens
Der Prozess des Abschiednehmens von Wünschen und Möglichkeiten sei ein langer: „Körperliche und geistige Eingeschränktheit nehmen zu, man lernt, letztlich alles loszulassen, sich von allem zu verabschieden.“ Verabschieden - und was dann? „Wir kommen aus dem katholischen Milieu. Ich habe mich frühzeitig auch mit anderen Religionen sowie dem Thema Leben und Tod befasst. Ich bin sehr bei Hermann Hesse, der das Ganze überkonfessionell betrachtet.“

Das sei wichtig, weil die Dogmen in den einzelnen Religionen „den eigentlichen Kern überlagern - mit Floskeln und leeren Worthülsen“, sagt Desch. „Wir verdrängen es, aber in Wirklichkeit ist es für uns eine allpräsente Notwendigkeit, zu sterben, wegzugehen und vorher diesen Prozess des Loslassens zu erlernen.“

Ob Dinge wie der Karfreitag noch wichtig sind? Rituale wie die Ostermesse seien „schöne Kindheitserinnerungen. Vor allem aber erinnern sie mich daran, mich selbst mit den Fragen nach Tod und Leben auseinander zu setzen. Das ist mir wichtig.“

Was ist sein Rat für andere? „Lebe den Tag, lass dich auf den Ist-Zustand ein, schau, dass du den Tag positiv und gut für dich und deine Mitmenschen gestaltest. Das ist das Um und Auf.“

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Abhaken nach dem Motto: Hast ja eh viel erlebt. Was sollst mehr? Noch eine Reise, noch mehr gutes Essen, noch mehr Wein? Was bringt das? Die reine Dauer und Wiederholung von Aktivitäten erfüllen ja das Leben nicht.

Thomas Desch

Desch ist zufrieden: „Ich kann glücklich sein. Ich habe keinerlei Ressentiments, schlechtes Gewissen oder Probleme, die ungelöst wären. Ich habe immer versucht, mit Menschen gut auszukommen. Von daher habe ich eine sehr friedvolle Gegenwartsstimmung.“

Ein friedvolles Weggehen
Er sei überrascht, dass ihn noch so viele Leute, auch aus dem beruflichen Bereich, sehen wollen: „Das nehme ich gern an. Beruflich war ich erfolgreich, mit meiner Frau bin ich seit vielen Jahrzehnten glücklich zusammen. So gesehen ist es eine sehr angenehme Ausgangssituation des Weggehens.“

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Ich glaube, dass der Tod nichts Schreckliches ist. Ich denke mir, auch wenn ich nichts erwarte, dass der Tod in ein neues Leben führt. Dass die menschliche Seele nicht stirbt.

Thomas Desch

Er sei dankbar für sein Leben, für die Zuwendung, die er erhalten durfte und darf. Und dass ihm die wesentlichen Entscheidungen vorgelegt wurden: „Ich musste nur ja sagen. Ich bin dankbar dafür, dass ich geführt worden bin. Darauf verlasse ich mich zeit meines Lebens: Ich werde geführt, so werde ich auch in den Tod geführt. Ich habe keine Angst.“

Silvia Schober
Silvia Schober
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