Folgeerkrankung MIS-C

So gefährlich ist das Coronavirus für Kinder

Österreich
21.03.2021 06:11

Die Krankheit MIS-C ist neu, unerforscht - und lebensbedrohend. Betroffen davon sind ausschließlich Kinder und Teenager. Nach, meist symptomlosen, Covid-19-Infektionen. Spitalsärzte berichten in der „Krone“ über die Leidensgeschichten der jungen Patienten.

Es war im vergangenen Dezember. Ein Bub aus Kärnten, acht Jahre alt, litt plötzlich an hohem Fieber und starken Bauchschmerzen. Rasch wurde das Kind von seiner Mutter, die eine Blinddarmentzündung vermutete, in das Krankenhaus Villach gebracht. Wo durch Blutuntersuchungen bald die wahre Ursache für seine Beschwerden festgestellt werden konnte: MIS-C.

Manchmal entstehen sogar Aneurysmen
Eine bis dato wenig erforschte Krankheit, die infolge einer - häufig symptomlosen und Wochen zurückliegenden - Corona-Infektion bei Kindern und Teenagern auftreten und lebensbedrohend sein kann. Die Blutgerinnung und die Arbeit der Organe der Betroffenen sind gestört, ihr Blutdruck sinkt mitunter rapide ab, „nicht selten sind an den Herzmuskeln Schäden erkennbar, manchmal bilden sich sogar Aneurysmen“, so Robert Birnbacher, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde im LKH Villach. Die Behandlung erfolgt durch Verabreichung von Katecholaminen, Immunglobulinen, Cortison und Aspirin. Und: Häufig müssen die jungen Patienten sogar auf intensivmedizinische Stationen verlegt und dort - bis zu zwei Wochen - künstlich beatmet werden.

MIS-C (Multisystem Inflammatory Syndrome in Children; übersetzt: Multisystemisches Entzündungssyndrom bei Kindern) wurde im April 2020 in den USA entdeckt. Exakte Statistiken dazu, wie viele Kinder daran bisher weltweit erkrankt sind, liegen nicht vor.

Die Zahl der Erkrankten steigt stetig an
Schätzungen von Experten zufolge dürften es jedoch mittlerweile Tausende sein, Tendenz steigend. Was Daten aus Großbritannien zu bestätigen scheinen: Seit Anfang Jänner werden dort täglich bereits zwischen zwölf und 15 MIS-C-Fälle verzeichnet. Ob der Anstieg auf die extreme Verbreitung der britischen Coronavirus-Variante B.1.1.7 zurückzuführen ist, gilt als ungeklärt. Überhaupt: Vieles an MIS-C - in Österreich kam es bislang zu rund 80 Erkrankungen - ist derzeit noch rätselhaft. „Wir wissen bloß“, erklärt Herbert Kurz, Vorstand der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde der Klinik Donaustadt, „dass diese immunologische Entzündungsreaktion nicht direkt von Viren verursacht wird.“

Es gibt keine Vorzeichen
Der genaue Mechanismus der Erkrankung sei nicht bekannt, „und es gibt derzeit keine Möglichkeit zu erkennen, welches Kind nach einer Covid-Ansteckung MIS-C bekommen wird.“ Fakt ist aber: „Der Ausbruch hängt nicht damit zusammen, ob und wie viele Symptome während der Infektion bestanden haben.“ In dem Krankenhaus in Wien-Donaustadt wurden in den vergangenen Monaten etwa 15 MIS-C-Patienten im Alter von zwei bis 18 Jahren - elf davon auf der pädiatrischen Intensivstation - behandelt. „Keiner von ihnen ist gestorben, sie haben sich alle erholt - und konnten schließlich in häusliche Pflege entlassen werden“, so Kurz’ Kollege, Kinder-Intensivmediziner Thomas Wagner.

Engmaschige Kontrolluntersuchungen wären nach der Erkrankung jedoch nötig. „Es müssen“, berichtet der Oberarzt, „regelmäßig Blutchecks durchgeführt werden. Sollte das Herz betroffen gewesen sein, ist eine weitere Medikation mit Blutverdünnern unerlässlich.“

Nachuntersuchungen sind dringend nötig
Zudem werde den Betroffenen verordnet, sich zumindest für drei Monate sehr zu schonen - und keinen Sport zu betreiben. „Ebenso wie kardiologische Tests - im Labor, am Ergometer und mit Ultraschall - sind außerdem zahlreiche neurologische Überprüfungen Standard“, sagt Robert Birnbacher vom LKH Villach, „da überwacht werden muss, ob MIS-C Störungen im Nervensystem, etwa bei Reflexreaktionen, verursacht hat.“ Kurz, Wagner, Birnbacher - die erfahrenen Mediziner bezeichnen die Krankheit als „äußerst gefährlich“, aber beruhigen gleichzeitig: „Sie tritt eher selten auf.“

Die „Chance“, dass ein zuvor Corona-positiver junger Mensch davon befallen wird, liege bei 0,2 Prozent. Doch Eltern seien gewarnt: Wenn bei ihren Kindern massive Magen-Darm-Probleme, hohes Fieber, Ausschläge, starke Kopfschmerzen, Augenentzündungen und Schwächezustände bemerkbar wären, sollte raschest eine Klinik aufgesucht werden: „Weil dann jede Minute zählt.“

Die Symptome sind eindeutig
Längst sind auch Österreichs Kinder- und Hausärzte über MIS-C informiert, weswegen sie schnell adäquat reagieren können. „Ich habe schon viel über diese neue, durch Corona ausgelöste Krankheit gelesen. Daher ist mir klar: Bei Auftreten von damit verbundenen Symptomen muss sofort eine Spitalsaufnahme veranlasst werden“, bestätigt der niederösterreichische Allgemeinmediziner Alireza Nouri. Völlig unerforscht ist derzeit noch, ob MIS-C Langzeitfolgen hat. „Das werden wir erst in einigen Monaten oder Jahren wissen“, sagt Kurz. Fest steht mittlerweile, dass einst Corona-infizierte Jugendliche - die nicht an MIS-C litten - oft mit hartnäckigen Problemen zu kämpfen haben. Mit Gedächtnisstörungen, Mattheit, peinigenden Schmerzen in verschiedenen Körperteilen.

Schnelles Handeln ist sehr wichtig
„Laser-Bluttherapien und Vitamin-C-Infusionen“, so Long-Covid-Spezialist Ramin Nikzad, „scheinen ihre Beschwerden zu lindern. Aber wirklich gültige Erfahrungswerte stehen derzeit noch aus.“ Der achtjährige Bub aus Kärnten, der im vergangenen Dezember nach einer unerkannten Corona-Erkrankung MIS-C bekam, musste drei Wochen im LKH Villach verbringen, eine davon auf der Intensivstation. Das schnelle Handeln seiner Mutter, die rasche Diagnose und die adäquate Behandlung seiner Ärzte - haben sein Leben gerettet. „Und wunderbar“, so Birnbacher: „Der Kleine ist jetzt wieder völlig gesund. Und topfit.“

Martina Prewein
Martina Prewein
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