02.07.2020 06:00 |

Album „On Sunset“

Paul Weller: Zeit für die Essenz des Lebens

Auf seinem 15. Soloalbum bietet „Modfather“ Paul Weller Nostalgie im innovativen Gewand. „On Sunset“ ist eine warme, Soul- und R&B-lastige Rückschau, die sich trotzdem nicht in Verklärung verzettelt, sondern mit mutigen Kompositionen nach vorne blickt. Der 62-Jährige ist hungriger denn je und besinnt sich nun auf die Essenz seines Schaffens.

Um sich die bunte Karrierekurve von Paul Weller vor Augen zu führen, reicht es prinzipiell, die jüngere Vergangenheit mit Österreich-Bezug auszuwerten. Als „Popstar“ unter den Jazzern war im Juni 2015 im Zuge des Jazz Fest Wien in der Wiener Staatsoper am Werk. Hätte das Corona-Virus nicht die komplette Pop-Industrie einem Flächenbrand gleich zerstört, würde man sich den „Modfather“ am 19. Juli im Wiener Konzerthaus zu Gemüte führen können. Hättiwari spielt’s aber nicht. Die Realität und Corona sind im Gleichschritt unerbittlich und können uns derzeit nur hoffen lassen, dass es auch für den Briten einen geeigneten 2021-Ersatztermin geben wird. Sein 15. Studiowerk „On Sunset“ hat Weller nur um einen knappen Monat verschoben, es wäre aber auch fahrlässig gewesen, die sommerlichen Songs länger in der Schatulle zu verstecken - zumal es ohnehin nicht absehbar ist, wann er das Material auf Tour bringen kann.

Die Freiheit erspielt
Gerade als Solokünstler hat sich Weller über die letzten Jahrzehnte eine beneidenswerte Lockerheit erarbeitet. Mit The Jam wurde in den 70er-Jahren sein Mythos als „Modfather“ begründet, The Style Council rückte dann noch stärker in Punk- und New-Wave-Bereiche vor und seit er 1992 sein erstes Soloalbum auf den Markt warf, regiert sowieso die klangliche Anarchie. Jazz, Psychedelisches, Krautrock, Folk und bekömmliche Pop-Songs fanden im Oeuvre des Barden Einzug. Zwischenzeitlich ertrug er den Verlust des allumfassenden Coolness-Faktors mit stoischer Gelassenheit und arbeitete einfach weiter. Kreativität und die Liebe zur Musik waren bei Weller schon immer stärker als der bloße Wunsch nach Ruhm und Beachtung. Dahingehend hat man ihn wohl oft missverstanden, doch mit durchgehend gut- bis hochklassigen Werken hat sich der heute 62-Jährige in den letzten Jahren eine unerwartete Freiheit erspielt.

In fast allen nur denkbaren Genres hat sich der Brite versucht. Mal klang das hemdsärmelig, mal erhaben. Mal roh, mal majestätisch. Mal zukunftsorientiert, mal nostalgisch. In seiner bunten Gemengelage aus Punk, Pop, Electronica und Reggae würde man ihm wohl auch ein Duett mit Helene Fischer zutrauen, doch Weller hat in seiner klanglichen Buntheit niemals die Bodenhaftung verloren. Alkohol und Drogen sind irgendwann aus der Lebensmitte des Blonden mit dem stechenden Blick gerutscht, stattdessen zogen Experimentierfreude und die Lust auf Veränderung in sein Leben. Gerade nach seinem akustisch-folkloristischen 2018er-Werk „True Meanings“ wirkt „On Sunset“ wie eine Reanimation. Weller musiziert vorwiegend im Up-Tempo-Bereich, fröhlich, lebensbejahend und mit sonnigem Gemüt. Da passt es wie die Faust aufs Auge, wenn er auf den Promofotos mit einem glänzenden Pontiac Firebird im feinen Zwirn der Abendsonne von Los Angeles entgegenbrettert.

Mit Freude zurückbewegt
Ein Großteil der Texte bestünde aus einer Rückschau, hat Weller in unzähligen internationalen Interviews erklärt. Die Rückschau eines Sixty-Somethings, der sich aber weder in Selbstmitleid, noch in nostalgischer Verklärung suhlt, sondern vielmehr dem Optimismus Raum zur freien Entfaltung gestattet. Schon der Opener „Mirror Ball“ ist mit fast acht Minuten Länge ein gewagtes Experiment, das sich zwischen 70s Dancefloor und Ambient-Instrumentalpassagen in einen wahren Rausch spielt. Als B-Seite für „True Meanings“ war die Nummer ursprünglich gedacht, Freunde haben ihm dringend davon abgeraten, den Song wie geplant in die Tonne zu hauen - gottseidank! Wie selbstverständlich bewegt sich Weller musikalisch dorthin zurück, wo seine wahre Liebe liegt. Motown und der britische Northern Soul, dem er in „Baptiste“ eine akkurate Würdigung zukommen lässt.

Instrumentierung und Klangfarbe sind im Vergleich zum Vorgänger bunter und vielseitiger ausgefallen. Man hört elektronische Percussions, fein ziselierte Piano-Klänge, Synthie-Texturen und Akustikgitarren manchmal so knapp aneinandergepresst, dass man sich in einem auditiven Frucht-Cocktail wähnt. Das ebenfalls ausladende „More“ ist zur Album-Halbzeit ein Highlight der ganz besonderen Art. Einerseits duelliert sich Weller stimmlich mit der Französin Julie Gros von seinen Tourpartnern Le Superhomard, andererseits lässt er seine inhaltliche Konsumkritik am Ende in ein Jam-Session-artiges Crescendo ausfaden. Auf „Equanimity“ hört man Slades Jim Lea Geige spielen, das weltenumspannende „Earth Beat“ ist eine Mischung aus sanftem R&B und eruptivem Funk. Im abschließenden „Rockets“ holt Weller noch einmal alles aus sich raus, bedient sich mit Streichern und Saxofon an David Bowies Breitflächigkeit und wettert spät aber doch gegen das Establishment.

Der Hunger ist da
Seit The Jams „In The City“ sind 43 Jahre vergangen und Weller geht nun in sein sechstes Jahrzehnt als Musiker - ein phänomenaler Markstein, den er sich mit viel Fleiß, Beharrlichkeit und Liebe zur Musik erarbeitet hat. „On Sunset“ ist weniger ein stilles Alterswerk, sondern mehr ein musikalisch ausgeklügeltes Zeichen von enormer Lebensreife. Die Wut des „Modfather“ ist hinter sonnigen Melodien versteckt. Im gesetzteren Alter kämpft Weller lieber mit lieblichen Melodien als scharfkantigen Ansagen gegen die Hindernisse und Ungerechtigkeiten der realen Welt. „Ich werde nicht mehr jünger und versuche so viele verschiedene Sachen wie möglich zu machen“, erklärte er jüngst dem „NME“ im Interview, „es ist die Zeit gekommen, die Essenz hervorzustreichen.“ So ist „On Sunset“ gleichermaßen Lebensabschnittsbilanz, Nostalgie-Reise und mutiger Ausblick nach vorne. Paul Weller ist hungrig - und wir alle können froh darüber sein.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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