Sechzig Jahre alt

Harys Rekord: Zehn Sekunden für die Ewigkeit!

Zehn Sekunden für die Ewigkeit. Davon sind jetzt 60 Jahre verflogen. Heute feiern die wahrhaft legendären 10,0 von Armin Hary aus Zürich 1960 runden Geburtstag. „Aber es ist ein Sonntag wie jeder andere. Es gibt kein Fest, vielleicht kommen ein paar Freunde vorbei“, sagt Hary, der in in Bayern wohnt, „wo genau, sage ich nicht. Sonst ist die ganze Bude voll!“

Der deutsche Sprint-Star von einst fühlt sich mit seinen 83 Jahren wohl. Seine Stimme klingt fest, als er auf den 21. Juni 1960 zurückblickt. Auf jenen Tag, an dem er auf der roten Aschenbahn im Letzigrund vor 14.122 Zuschauern den 100-m-Weltrekord auf 10,0 verbesserte. Geschafft im dritten Anlauf. Es ist bekannt, dass sein erster 10,0-Sprint von Zürich wegen eines Fehlstarts nicht anerkannt worden war. Oft aber wird vergessen, dass er schon zwei Jahre zuvor 10,0 erzielt hatte…

Bahn hatte etwas zu starkes Gefälle
In Friedrichshafen (GER) am 9. September 1958 hatten die drei Uhren für ihn 9,9 - 10,0 - 10,0 gezeigt. Als Weltrekord wurden diese 10,0 aber nicht anerkannt. Die Bahn, aber nur die mittlere Bahn, auf der Armin Hary (oben im Bild mit Berlin-Olmypiasieger Jesse Owens) lief, wies mit 1,9 cm ein zu starkes, nicht erlaubtes Gefälle von neun Millimetern auf. „Irgendjemand hatte mir den Weltrekord nicht gegönnt.“ Ein Seitenhieb auf den Deutschen Leichtathletik-Verband, der die Bahn von einem Stadtgeometer in Friedrichshafen hatte nachmessen lassen. „Aber ich war mir sicher, dass ich diese Zeit noch mal laufen kann.“ Zwei Jahre später sollte es passieren. Mit schier unglaublichen Hindernissen.

Platz im Flieger für zwei Fußball-Tickets
Der deutsche Verband, mit dem Hary oft im Clinch lag, hatte ihm für Zürich 1960 ein Startverbot im Ausland auferlegt. So ging er am 21. Juni morgens noch zur Arbeit in ein Frankfurter Kaufhaus. Walter Lange, Vorsitzender von Harys Verein FSV Frankfurt, gab nicht auf, intervenierte beim DLV mit Erfolg. Hary erhielt die Freigabe. Aber erst mittags. Der einzige Flug von Frankfurt nach Zürich war ausgebucht. Der FSV schaffte es, mit einer „Bestechung“ von zwei besten Tribünenkarten für das Endspiel um die deutschen Fußball-Meisterschaft ein paar Tage später zwischen dem HSV und dem 1.FC Köln (3:2) einen Platz im Flieger zu bekommen. Hary: „Ich raste mit dem Auto zum Flughafen. Den einen Fuß hatte ich auf dem Gaspedal, den anderen im Grab.“

Die ersten 10,0 in Zürich mit Fehlstart
Um 19.45 Uhr erfolgte der Start zum 100-m-Lauf. Hary flog seinen sechs Konkurrenten davon. Die drei Stoppuhren zeigten für ihn 9,9 - 9,95 - 10,0. Eine Extrauhr wies 9,9 aus. Bei einem regulären Rückenwind von 0,6 m/sek. Glatte 10,0. Aber es war ein Fehlstart. Der Starter Walter Dischler, der für den an Krücken gehenden Chefstarter Albert Kern eingesprungen war, bekannte: „Ich hatte gesehen, dass es ein Fehlstart war. Ich war aber zu nervös, um zurückzuschießen.“ Deshalb wurde ein Wiederholungslauf möglich!

Unfassbar! Ein Deutscher entthront die Amis!
Um 20.20 Uhr erfolgte der Start zum Wiederholungslauf: Diesmal war Albert Kern der Starter. Er hatte seine Krücken für ein paar Minuten zur Seite gelegt. Alles klappte perfekt. Wieder 10,0! Die drei offiziellen Uhren zeigten 9,9 - 10,0 - 10,0. Zweite weitere Uhren jeweils 10,0 und eine sechste 10,1. Das also waren glatte 10,0. Ein Deutscher hatte die Amis Willie Williams, Ian Muchison, Leamon King und Ray Norton (alle zuvor 10,1) entthront. Der deutsche Hürden-Weltrekordler Martin Lauer war einer der ersten Gratulanten: „Wer jetzt noch sagt, dass der Weltrekord nicht in Ordnung ist, dem reiße ich den Kopf ab.

In Rom dann zwei Olympia-Goldene
Klar, dass Hary nach Zürich in eine Favoritenrolle für die Spiele in Rom gerückt wurde. „Das hieß aber nicht, dass ich dort gewinnen muss!“ Am 1. September sprintete er dort aber in 10,2 Sekunden zum Olympiasieg. Und zum Abschluss der Spiele gewann er mit der deutschen Staffel (Cullmann, Hary, Mahlendorf, Lauer) in 39,4 auch noch Gold über die 4 x 100 m.

Olaf Brockmann, Kronen Zeitung

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