10.05.2020 14:00 |

Tochter ertränkt

Kärntnerin: „Für Enkel bin jetzt ich die Mutter“

Im August 2019 wurde eine junge Kärntnerin - sie hatte drei Kinder und war hochschwanger - bestialisch ermordet. Die Mutter des Opfers zieht nun den ältesten Buben der toten Tochter auf. In der „Krone“ spricht die pensionierte Lehrerin über ihre große Aufgabe. Und über ihr immenses Leid.

Immer galt sie in ihrer Heimatgemeinde Feistritz als besonders stark. Als eine intelligente, vernünftige, bodenständige Frau; daran gewöhnt, sich Problemen zu stellen und das Beste aus misslichen Umständen zu machen. Nach ihrer Scheidung hatte Ingrid H. einst alleine ihre beiden Kinder großgezogen, sich rührend um sie gekümmert, ihnen gute Ausbildungen ermöglicht.

„Ich werde nie wieder glücklich sein“
Und zudem sei sie, wird in ihrem Umfeld berichtet, ambitioniert ihrem Beruf - sie war bis zu ihrer Pensionierung Lehrerin - nachgegangen. „Trotz der extremen Belastungen, privat und im Job“, erzählt eine ehemalige Nachbarin der Kärntnerin, habe die nun 64-Jährige „nie gejammert - im Gegenteil, sie schien zufrieden. Sehr zufrieden sogar“.

Jetzt sitzt Ingrid H. in ihrem hübschen Haus, und sie sagt, dass „alles ganz anders geworden ist“, dass sie „nicht mehr glücklich sein kann“ – und dass es „Phasen gibt, in denen ich mich völlig kraftlos fühle“. Denn ihr Leben wurde zerstört, „in dem Moment, als ich vom Tod meiner Tochter erfahren habe“.

Zwei Polizisten hatten ihr am 17. August 2019 frühmorgens mitgeteilt, „dass meine geliebte Julia einem grauenhaften Verbrechen zum Opfer gefallen ist“. Dass die 31-Jährige in ihrer Wohnung in Feffernitz ermordet wurde. „Das Opfer“, so später das Ergebnis gerichtsmedizinischer Untersuchungen, „erlitt schwere Verletzungen durch Schläge auf den Kopf“, in der Folge hätte es Malträtierungen „durch Fußtritte gegen den Körper“ erleiden müssen.

Sie ertrank - in ihrer Badewanne
Am Ende sei die dreifache Mutter, die abermals schwanger gewesen war, in ihre „mit Wasser gefüllte Badewanne gehievt worden, wo sie qualvoll ertrank beziehungsweise erstickte“. Der mutmaßliche Täter: Florian M. (Name geändert), der Vater des Ungeborenen. Ein Akademiker, bestens situiert, aus einer angesehenen Familie stammend, 35 Jahre alt, Manager bei einer renommierten Firma; verheiratet, zwei Kinder. Ein bekannter Fußball-Schiedsrichter, der Buben-Mannschaften trainierte.

So war er mit Julia H. in Kontakt gekommen – über den Verein, in dem ihr ältester Sohn „gekickt“ hatte. „Meine Tochter“, schluchzt ihre Mutter, „hatte nie Glück mit Männern.“ Ihren ersten Buben – er ist heute neun – bekam sie von einem Studienkollegen, „er haute rasch ab“. Ein weiterer Sohn und eine Tochter stammen aus der Beziehung mit einem fixen Partner: „Doch letztlich scheiterte auch diese Verbindung.“

Julia H. zog danach in eine Sozialwohnung, richtete sie hübsch ein, las ihren Kindern jeden Wunsch von den Augen ab. Besuchte Lehrveranstaltungen an der Uni Klagenfurt. Um irgendwann – das war ihr großes Ziel – an einem Gymnasium unterrichten zu können.

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Ich freue mich, wenn der Bub über irgendwelche Dinge lacht. Denn ich wünsche mir so sehr, dass er wieder in eine Art Normalität zurückfindet.

Ingrid H. über ihre Hoffnungen

„Sie hielt den Vater ihres Ungeborenen geheim“
Als Ingrid H. im Frühjahr 2019 von der neuerlichen Schwangerschaft ihrer Tochter erfuhr, „verriet sie mir nicht den Namen des Vaters. Aber ich ahnte ohnehin, wer er war. Weil ja bereits Gerüchte über die beiden umgingen.“ Und nein, natürlich sei sie mit dem unerlaubten Verhältnis nicht einverstanden gewesen.

Das Jetzt der pensionierten Lehrerin? „Julias zwei jüngere Kinder sind bei ihrem leiblichen Vater untergebracht, an den Wochenenden besuchen sie mich.“ Der älteste Sohn ihrer Tochter „lebt nun bei mir. Ich versuche, ihm ein Mutterersatz zu sein.“ Ist das überhaupt möglich? „Ich weiß es nicht. Ich weiß bloß: Ich freue mich, wenn er über irgendwelche Dinge lacht.“

Wie die zwei den heutigen Tag verbringen? „Wir werden vielleicht ein wenig spazieren gehen und eine Torte essen. Ich wünsche mir nichts mehr, als dass mein Enkel in eine Art Normalität zurückfindet.“ Der Bub, die Frau sind seit dem Drama in psychologischer Betreuung: „Doch der Schmerz wird uns dadurch nicht genommen.“

Was hilft der 64-Jährigen in ihrer Pein? „Mein tiefer Glaube an Gott und daran, dass ich Julia im Himmel wiedersehen werde. Und das Baby, das mit ihr gestorben ist.“ Es war ein Mädchen, hätte Anna heißen sollen.

„Ich muss stark sein – für Julias Sohn“
„Bis heute“, schluchzt Ingrid H., „klammere ich mich an den Gedanken, in einem Albtraum gefangen zu sein. Aber dann wird mir wieder bewusst, dass die Tragödie wirklich geschehen ist. Und ich fühle mich unendlich schwach. Doch das darf ich nicht sein. Ich muss stark bleiben. Für meinen Enkel. Das bin ich ihm und meiner Tochter schuldig.“

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Ich hasse Florian M. Beim Prozess werde ich ihn fragen, warum er Julia ermordet hat. Aber ich weiß schon jetzt: Er wird mir keine Antwort geben.

Ingrid H.

Angeklagt des Mordes
Die Anklageschrift gegen Florian M. umfasst 17 Seiten. Sie lautet auf Mord und erzwungenen Schwangerschaftsabbruch. Sein Tatmotiv, so die Staatsanwaltschaft: Er habe befürchtet, seine Frau würde von seiner Affäre mit Julia H. - und von ihrer Schwangerschaft - erfahren. Die Indizien gegen ihn: Zum Zeitpunkt des Verbrechens war der Mann - wie Handyauswertungen ergaben - in unmittelbarer Nähe des Tatorts. Zudem wurden im Müll seiner Wohnhausanlage Turnschuhe gefunden, an denen Katzenstreu und Katzenhaare klebten, angeblich von den Tieren des Opfers.

Und auf dem T-Shirt, das er in der Nacht der Tragödie getragen hatte, befanden sich DNA-Merkmale, die von Julia H. stammen dürften. Florian M.s Anwältin Christine Lanschützer: „Die bisherigen gerichtsmedizinischen und technischen Untersuchungen sind mangelhaft - und kein Beweis für die Schuld meines Mandanten.“ Sein Prozess soll im kommenden Sommer stattfinden. Eine Ex-Geliebte, die er einst massiv bedroht haben soll, ist als Zeugin geladen.

Martina Prewein, Kronen Zeitung

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