25.03.2020 06:00 |

„Krone“-Interview

DAF: „Wollen keine Sklaven sein, sondern Herren“

Sie waren Pioniere der elektronische Musikszene und prägten nicht nur den deutschen, sondern auch den britischen Markt nachhaltig. DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft) bestanden aus Robert Görl und Gabi Delgado-López. Jener verstarb in der Nacht von Sonntag auf Montag im Alter von nur 61 Jahren. Vor ihrem Auftritt im März 2019 beim Elevate-Festival in Graz hatte die „Krone“ das wohl letzte Gespräch mit den beiden Kultmusikern auf österreichischem Boden.

Behände und lässig tanzte er den Mussolini, ließ sich ein auf die Kebab-Träume und propagierte Sex unter Wasser und verschwendete auf der Bühne mit beeindruckender Nonchalance seine Jugend. 60 Jahre jung war DAF-Frontmann Gabi Delgado-López, als er Anfang März 2019 beim Grazer Elevate auf der Bühne des Orpheum stand und zum Festival-Abschluss eine beeindruckende Performance bot. Juvenil, tanzfreudig, gut gelaunt und mit der für ihn so typisch schnippischen Art brachte er den Saal zum Kochen. Wie er es mit seinem „Partner in Crime“ Robert Görl als Deutsch-Amerikanische Freundschaft schon 40 Jahre lang vorher tat und es noch viele Jahre tun wollte.

In der Nacht von Sonntag auf Montag verstarb der quirlige Frontmann im Alter von nur 61 Jahren. Das gab sein Bandkollege mit angemessener Trauer auf seinem Facebook-Kanal bekannt. Mit Songs wie „Die Kleinen und die Bösen“, „Der Mussolini“ oder „Verschwende deine Jugend“ prägte das Duo die Neue Deutsche Welle und den EBM-Sound nachhaltig - und das eigentlich weltweit. Man vergleiche etwas bekannte DAF-Nummern mit den großen Rammstein-Hits und ziehe daraus seine Schlüsse. Delgado-López wurde im April 1958 im spanischen Córdoba geboren und zog als Achtjähriger mit seiner Familie nach Deutschland. Als Jugendlicher zog es ihn in die Punkszene, bis er 1978 mit Görl und drei weiteren Musikern in Wuppertal DAF ins Leben rief. 

Schnell war klar, dass das Projekt nur zu zweit funktionieren würde und über London nahm die Kultkarriere DAFs ihren Verlauf. Delgado-López zog nach Berlin, nahm mit DAF insgesamt acht Studioalben auf und reüssierte auch als Solokünstler (der letzte Output datiert aus 2015). Auch wenn die Band oftmals missinterpretiert wurde, ließ man politisch vieles im Unklaren. Delgado-López und Görl pflegten auch eine besonders spezielle Arbeitsbeziehung, die mit einer herkömmlichen Freundschaft wenig zu tun hatte. Die „Krone“ traf die beiden vor dem Elevate-2019-Gig zum entspannten Plausch auf einer Hoteldachterrasse mit freiem Blick auf den Grazer Schlossberg. Dabei reflektierten sie nicht nur noch einmal ihre eigene Legende, sondern stellten auch ein weiteres Studioalbum in Aussicht. Wie es mit DAF weitergeht, bleibt vorerst offen - mit Delgado-López verliert die Musikszene aber einen Pionier, der die elektronische Musikwelt revolutionierte.

„Krone“: Robert, du hast 1976 in Graz Jazzkomposition studiert und warst für einige Zeit hier in Österreich. Kannst du dich noch daran erinnern?
Robert Görl: Natürlich, aber ich war seither nie mehr da. Das sind jetzt mehr als 40 Jahre und als ich heute durch die Stadt spaziert bin, habe ich so einiges gar nicht mehr erkannt. Ein Wahnsinn, wie sich die Dinge in so einer Zeitspanne verändern. Damals hieß es noch Musikhochschule, aber das haben sie in den 90er-Jahren geändert. 1978 war ich das letzte Mal in Graz - vor 41 Jahren genau.
Gabi Delgado-López: Ich war noch nie in Graz, aber ich habe eine Zeit lang den GAK beobachtet. Ich bin ein Fußballkenner und hatte immer eine große Leidenschaft für diesen Sport. Anfang der 90er-Jahre hatten die einen Spieler, den ich sehr interessant fand. Der Name ist mir aber entfallen.

1978 war für euch beide ein prägendes Jahr. Ihr habt euch gefunden und daraus entstand in diesem Jahr die Deutsch Amerikanische Freundschaft, kurz DAF.
Görl:
Ich ging von Graz direkt nach London. Ich hatte noch etwas Restgeld und habe dort den Sommer verbracht. Über London ging es nach Düsseldorf. Als wir uns das erste Mal dort getroffen haben, haben wir uns erst einmal ausgetauscht und ich habe Gabi erzählt, was ich studiert hatte.
Delgado-López: In der Düsseldorfer Punkszene war ich stark verankert und in einer wilden Nacht haben wir das Konzept von DAF festgezurrt. Es durfte in keiner Tradition stehen und es sollte Musik sein, die man noch nie gehört hatte.

Das war das Interessante. Robert kommt eigentlich vom Jazz, Gabi vom Punk - herausgekommen ist dann der Sound, mit dem ihr zu Pionieren der elektronischen Szene wurdet.
Delgado-López:
Wir hatten beides vermischt.
Görl: Der Punk hatte eine ideologische Freiheit, vor allem in den Texten. Musikalisch war es eigentlich nichts anderes als schlecht gespielter Rock’n’Roll.
Delgado-López: Ich hatte nie verstanden, warum eine so junge Bewegung so konservative Instrumente verwendet. Quasi vom Vater die Gitarre klaut. Am nächsten Tag waren wir schon im Rattinger Hof, der Punkzentrale Westdeutschlands, im Proberaum. Robert hat auf einem alten Pappschlagzeug getrommelt und ich habe am Stylophone, einer Art Kinderorgel, geklimpert. Ob man es glaubt oder nicht, aber mit diesem Fetzen Musik sind wir rausgegangen und wussten, dass wir es so machen würden.
Görl: Es war ein einfacher, harter Beat mit leichten elektronischen Melodien. Das hat niemand verstanden, aber wir waren total überzeugt von uns und unseren Ideen.

Und der Erfolg kam schnell. Nach dem Debüt habt ihr zwischen 1980 und 1982 vier Alben eingespielt, die allesamt kreativ, als auch kommerziell unheimlich erfolgreich waren. Qualität und Quantität waren da gleichermaßen beeindruckend.
Delgado-López:
Wir waren im Rausch der Kreativität. Der Druck von Plattenlabel hat uns einfach geärgert. Es stand, dass wir ein halbes Jahr nach der ersten Platte die nächste veröffentlichen könnten. Wir hatten eine Sturm-und-Drang-Phase und mussten damit raus. Die Labels hätten das gerne noch länger intern behalten, weil sich die erste Platte ja noch gar nicht wegverkaufte. Wir hatten keine Lust, zwei Jahre zu warten. Wir waren einfach total drauf und haben das zum Ärger der Geschäftsleute durchgezogen.

In allen Bereichen gegen den Strom zu schwimmen war euch immer ein Anliegen. Damals habt ihr nicht nur mit „Der Mussolini“ und „Kebab-Träume“, sondern auch anderen Songs bewusst provoziert. Das wäre heute so gar nicht mehr möglich.
Delgado-López:
Doch, das würde auf jeden Fall gehen! Dann nenne ich einen Song halt „Deutscher Jihad“ und schon hätten wir es wieder geschafft. (lacht) Jede Gesellschaft braucht bestimmte Tabus, um zu funktionieren. Das wird sich nie ändern. Es muss eine gemeinsame Einigung darüber geben, was erlaubt ist und was nicht und diese Tabus ändern sich natürlich. Pornografie ist heute kein Thema mehr, andere Sachen sind dafür verboten. Das braucht die Gesellschaft, um sich selbst zu definieren. Man findet wirklich immer Provokationsmöglichkeiten. Wir haben uns jetzt aber nicht hingesetzt und geplant, wie wir provozieren können. Wir haben sehr freiheitlich gedacht - auch wenn das in Österreich ein komisches Wort ist. (lacht) Wir sind sehr freie Menschen. Freigeister, die die volle Kontrolle in Business-Angelegenheiten wollten. Nicht nur die Musik, auch die Verträge bestimmen, was du machen kannst und was nicht. Wir haben uns nie wo dreinreden lassen und hatten das Glück, mit Conny Plank einen Produzenten zu finden, der diese Ansicht teilte und sich nie einmischte. Er hat sich immer als unseren Tonkutscher bezeichnet und wollte, dass wir einen guten Sound haben.
Görl: Das hat Conny sehr stark gefördert. Gabi hatte wirklich provokative Texte und Conny hat sie nicht hinterfragt, sondern sofort gesagt, dass er das super finden würde. Da haben wir schon gemerkt, dass die Linie passt.

Viele Texte sind von zeitloser Relevanz. Etwa „Kebab-Träume“ oder „Alle gegen alle“ - die kann man eins zu eins auf die Gegenwart ummünzen.
Delgado-López:
Eine DAF-Regel war immer, dass wir keine Tagespolitik verwenden. Ein Text über Trump ist ja nach seiner Regentschaft uninteressant. Wir haben auch keine Tagesmusik gemacht. Nur weil ein Effekt in ist, brauchen wir ihn nicht.
Görl: Einer der wichtigsten Punkte war immer, dass wir so klingen, wie absolut nichts, was es sonst gerade gibt. Das ging so weit, dass eine geile Sequenz auch mal rausfiel, wenn sie klang wie eine andere Band. Heute wird alles sofort verwertet, was nach etwas Großem klingt. Wir sind genau nach dem gegenteiligen Konzept vorgegangen.
Delgado-López: In erster Linie ist es wichtig zu wissen, was man nicht machen will. Wenn dir die Eltern sagen, dass sie das Wohnzimmer so oder so sehen möchten, dann musst du erstmal alles rausschmeißen und nicht darauf eingehen. Dann sieht es schon mal besser aus und es ist genug Platz, um den eigenen Geist zu entwickeln. Über das Nein kommt man oft zum Ja. Zu was Neuem. Das ist ein Trick, der im Leben und in der Kunst funktioniert.

Euch gibt es live nur mehr sehr selten zu sehen, weil ihr euch wahnsinnig rar macht. Meist sieht man euch auf Kunst- oder Diskursfestivals. Nach welchen Kriterien wählt ihr eure Auftritte heute aus?
Delgado-López:
Es muss unterschiedlich sein. Wir spielen auf der Waldbühne vor Depeche Mode und dann wieder einen kleinen 1000er-Club. Wir würden niemals eine 30-Tages-Tour in Stadthallen-Größe machen, denn Routine ist schlecht für die Kreativität.
Görl: Daran scheitern doch viele Bands. Nach solchen Ochsentouren sind immer alle platt. Sie haben sich auf der langen Tour zerstritten, sind vielleicht drogensüchtig oder auch alkoholkrank. (lacht) Die Leute überfordern sich mit der Arbeit. Wir hätten das niemals gemacht, das war kein Thema.

Vor allem seid ihr wahnsinnig inspirierend für jüngere Künstler. Sebastian Szary von Modeselektor rennt man DAF-Cap herum und die kalifornischen Industrial-Senkrechtstarter Health durften schon mal für euch eröffnen und waren dabei völlig „Starstruck“.
Görl: Wir kriegen wirklich viel Respekt von den jungen Musikern und von vielen aus der Szene. Wir sind heute die Väter. (lacht)
Delgado-López: Ich kriege gutes Feedback von Leuten aus dem Electro-, Gothic-, House-, Techno-Bereich - bunt gemischt und das ist wirklich schön. Wir haben viel Einfluss auf andere und diese Vielseitigkeit ist toll.
Görl: Alte US-House-Typen sagen, wir wären der Anfang für ihre Trips gewesen, das ist wirklich ein schönes Lob.
Delgado-López: Wir wollten aber auch die real existierende Musikwelt und gewisse Hörgewohnheiten ändern. Speziell im Club-Bereich wird 80 Prozent der elektronischen Musik nach DAF-Regeln gespielt und darauf sind wir sehr stolz. Wir durften das mitverändern und das ist etwas ganz Besonderes.
Görl: Es war einfach unsere Zeit. Dass, was wir wollten, konnten wir umsetzen, das ist nicht selbstverständlich. Wir haben gespürt, dass da etwas passiert und deshalb haben wir auch gerackert und haben nie aufgehört.
Delgado-López: Wir wussten schnell, dass als die Schublade Neue Deutsche Welle aufgemacht wurde, sich einiges ändern wird. Es war nicht mehr alles so wie wir davor, Wirtschaftswunder oder Palais Schaumberg, sondern vieles entwickelte sich zum frechen Deutschen Schlager. Alles wurde in einem Topf verrührt und wir mussten dann Schluss machen, bevor all das kaputtging.
Görl: Wenn die Plattenfirmen merken, dass etwas wirklich abgeht, dann suchen sie immer Bands, die so klingen wie wir. Auch wenn sie uns anfangs sagten, wir würden gar keine gute Musik machen.

Das ist heute genauso wie bei Helene Fischer. Sie ist die Cash-Cow und die Plattenfirmen formen ihre Epigonen, um damit finanziell möglichst schnell Profit zu schlagen.
Delgado-López:
Exakt, aber das Problem ist, dass die Leute, die das bestimmen, nicht verstehen, was das ist. Uns wurde wirklich gesagt, wir würden keine Musik machen, aber ein halbes Jahr später signen sie Epigonen und verhunzen damit ein Genre. Das ist auch die Stärke des Kapitalismus, er kann alles verwerten. Der Kapitalismus ist wie die Borg im Raumschiff Enterprise - alles wird assimiliert. Der Protestspruch von heute ist das T-Shirt von morgen, das du bei „Nanu Nana“ kaufen kannst. Der Kapitalismus verwertet sogar antikapitalistische Sachen. Es gab Unkenrufe, dass er stirbt, aber er ist heute eigentlich stärker als je zuvor.

Ihr seid immer sehr offen damit umgegangen, nicht die beste Freundschaft zu pflegen, sondern einfach eine sehr gute Arbeitsbeziehung zu haben. Was für viele befremdlich wirkt, war für euch immer natürlich. War diese ehrliche Haltung ein wichtiger Baustein zum DAF-Erfolg?
Delgado-López:
Das ist bestimmt so. Zurzeit läuft es bei uns gut. Wir haben immer so Phasen. (lacht) Ich kenne so viele Bands, die daran gescheitert sind, dass sie das Kumpelmäßige zu sehr betonen. Es geht dann nicht mehr um die Musik, sondern darum, wie toll denn nicht die letzte Party war. Da kommt das gegenseitige auf die Schulter klopfen und das Eiergeschaukle und dann verliert man den Sinn für die Realität. Wenn man sich dauernd sagt, man wäre so toll, glaubt man das irgendwann selbst. Wir treffen uns nur um zu arbeiten, von ganz seltenen Ausnahmen abgesehen. Jeder bringt sein Zeug und seine Ideen mit und aus diesem Aufeinanderprallen zweier verschiedener Kulturen entsteht am Ende DAF. Wir sind nicht harmoniesüchtig. Ich finde Harmonie auch wirklich eklig. Viele Bands sind an diesem Kumpelsyndrom gescheitert.

Vor dem Zeitalter der Castingshows haben sich Bands immer aus Freunden zusammengeschlossen. Was natürlich seine Vor- und Nachteile hat.
Delgado-López:
Man will sich nicht verletzen. Ich kann Robert aber genau sagen, wenn etwas nicht gut ist und er mir auch.
Görl: Und wenn wir merken, dass es gerade zu sperrig zwischen uns wird, dann trennen wir uns halt wieder. (lacht)

Es wäre ja nicht das erste Mal.
Delgado-López:
Manchmal finden wir uns nicht zusammen und dann gibt es halt kein DAF.
Görl: Das war auch gesund. Wir haben Solosachen gemacht und machten Dinge, die gar nichts mit Musik zu tun hatten. Ich war etwa ein paar Jahre in Asien und habe meinen Zugang zum Buddhismus gefunden. Sowas kann man nur machen, wenn man die Band trennt.
Delgado-López: Er ist Buddhist, ich bin Nihilist. Er ist Veganer und ich liebe Fleisch. Wir sind in tausend Sachen unterschiedlich, aber gerade daraus ergibt sich ja etwas. Gemeinsam haben wir die Liebe zur Freiheit und wir haben uns von keinem etwas sagen lassen wollen. Bei uns geschieht nichts fremdbestimmt. Wir wollen keine Sklaven sein, sondern Herren.

Damit ihr euch nach den Trennungen aber irgendwann wiederfindet, muss ja früher oder später einer anfangen, sich beim anderen zu melden. Wer hat den geringeren Sturkopf?
Delgado-López:
Meistens ruft mich Robert an. Wir sind aber auch nicht nachtragend und hassen uns nicht. Man denkt sich, dass der andere blöd drauf ist, aber wenn wir ein halbes Jahr später wieder telefonieren, ist längst alles verraucht.
Görl: Nach der letzten Trennung sind wir einmal an der Isar spazieren gegangen und plötzlich war alles weg. Wie verraucht, über die ganzen Sachen ist Gras gewachsen. Es ist wirklich viel Wasser die Isar runtergeflossen.
Delgado-López: Einmal hatten wir jahrelang nicht gespielt und der Veranstalter vom M’era Luna wollte uns. Robert rief mich an und ich sagte, warum nicht? Wir sind dann nach Jahren ohne eine Probe aufgetreten - einfach so. (lacht) Es ist nicht nur für die Kunst, sondern auch für das Leben an sich wichtig, dass man sich auf Augenhöhe begegnen kann. Ich kenne einen Typen, dem hat die Freundin aus Liebe immer Rührei gemacht, aber das mochte er eigentlich gar nicht. Er hat das aber nie gesagt und jahrelang gegessen, obwohl er es widerlich fand. (lacht)

Wie kommt ihr trotz all der künstlerischen Differenzen am Ende doch zu einem Ergebnis, mit dem beide Parteien immer zufrieden sind?
Görl:
Im Moment verstehen wir uns so gut, dass wir sogar überlegen, ein neues Album einzuspielen. Die letzte Platte ist doch mehr als 15 Jahre her, aber es steht langsam an. Wir beide sind prinzipiell bereit dafür und ich glaube, das könnte funktionieren. An Ideen basteln wir sowieso dauernd - jeder für sich. Wir fordern dann irgendwann unsere Chemie raus und wollen wissen, was zwischen uns läuft.
Delgado-López: Ich mache viel Disco- und Housemusik, aber das bringe ich nicht zu DAF mit. Dort herrscht eine andere Energie.
Görl: Wir wollen eher zusammenarbeiten. Es geht weniger darum, dass jeder seine Ideen mitbringt. Ganz früher am Anfang haben wir zusammen in einem Raum Musik kreiert. Ein schöner Raum, eine gute Umgebung und Zeit reichen, dass wir von Null etwas entstehen lassen. Selbst die letzte Platte vor 15 Jahren haben wir aus der Spontanität heraus gemacht.
Delgado-López: Ich spiele mit Wörtern herum und wenn man dazu tanzen kann, dann geht es in die richtige Richtung. Wir wollen keine Tütensuppen zum Aufwärmen mitbringen. Das haben wir schon probiert, aber es hat nicht funktioniert. Deshalb gab es dann auch keine Platte. Jeder Künstler sucht immer den richtigen Flow. Der Zustand, wo man dann nichts mehr plant, sondern alles intuitiv zusammenbaut. Wir warten auf den Rausch der Sinne, auf den magischen Moment.
Görl: Wenn aus dem Nichts Musik entsteht, dann ist das magisch. Aber so haben wir das immer gemacht.

Heute entstehen ja Alben von Musikern, die sich nicht einmal wo gesehen haben und alle Ideen nur mehr via Cloud-Systeme online austauschen und zusammenbauen. Insofern ist eure Zugangsweise wirklich sehr traditionell.
Delgado-López:
Das funktioniert aber auch, das habe ich genauso gemacht. Es geht halt nicht im Kontext von DAF. Da ist das wirklich anders.

Ganz kurz bestand DAF ja am Anfang aus mehr als nur euch zweien. Das hat aber offensichtlich nicht lange gehalten…
Görl:
Wir hatten etwas entwickelt, dann Leute dazugenommen, aber schnell gemerkt, dass das zu viel wird.
Delgado-López: Je mehr Leute, umso mehr Kompromisse. Das wollten wir nicht. Es sind nicht alle so freiheitsliebend wie wir zwei und wir hatten Leute engagiert, weil wir kein Geld hatten und Instrumente brauchten. (lacht) Wir haben Leute aus dem Punk-Umfeld genommen. Manche passten besser als andere, aber im Endeffekt hat es nur mit uns zwei geklappt. Das Urkonzept waren immer wir zwei und fertig. Als wir endlich allein waren, waren wir richtig froh. (lacht) Es hatte viel mit Sozialdynamik zu tun, weil wir genau wussten, was wir wollten. Wenn du dem Bassisten 14 Mal sagst, wie du es willst, nervt das irgendwann alle Parteien.
Görl: Manche wollten keine Konzerte spielen oder ins Ausland fahren. Es war einfach kompliziert und man will ja auch kein Diktator sein.
Delgado-López: Ich habe eigentlich nichts dagegen Diktator zu sein. Warum nicht? Die Demokratie ist ja auch gescheitert. (lacht)

Als es bei euch so richtig losging mit dem Erfolg, Anfang der 80er-Jahre, seid ihr dann beide nach London übersiedelt. Schon damals eine vor Kunst und Kultur nur so brodelnde Metropole.
Delgado-López:
Wir wussten in Deutschland nicht mehr, wo wir noch spielen könnten und in England ging halt die Post ab. Wir hatten mit Bob Giddens einen Bekannten aus England und der hat uns nach Rochdale ins Cargo Studio geführt hat, wo auch Joy Division waren. Wir haben dort mal ein Demo aufgenommen und sind dann mit Sack und Pack dorthin gezogen. Wir hatten überhaupt kein Geld. Wir haben das Demo vorgespielt und Scotty von Rough Trade fand es geil und als es Daniel Miller hörte, entstand die „Kebab-Träume“-Single. Miller hatte selbst erst seine erste Single rausgebracht, noch vor Depeche Mode. „Die Kleinen und die Bösen“ war dann auch das allererste Album auf Mute Records - MUTE1. Wir haben Daniel sehr geschätzt, aber er konnte unsere Popularität nicht handeln. Wir konnten nicht auf sein Geld warten, um was nachzupressen und da sind wir zu Virgin gewechselt.
Görl: Wir lebten in einer Kellerwohnung alle aufeinander und hatten kein Geld. Daniel hatte auch nichts, um uns vorzusteuern. Wir waren damals sehr ungeduldig und verließen ihn. Natürlich war er sauer auf uns, denn wir sind dann weiter zu seinem Hauptfeind Richard Branson. (lacht) Daniel hat uns dann aber verziehen und er hatte ja ohnehin Depeche Mode.

Hattet ihr bei diesem „Überlauf“ Gewissensbisse, oder war das aus eurer Sicht überhaupt kein Problem?
Görl:
Branson kam ja ursprünglich zu uns und wir wussten, dass wir uns eine Wohnung leisten können, wenn wir zu ihm gehen. Wären wir bei Daniel geblieben, hätten wir im Supermarkt wirklich unser Essen klauen müssen, so pleite waren wir zu dieser Zeit. Wenn du kein Geld hast, kommst du auf wirklich komische Gedanken.
Delgado-López: Wir haben auch an die Karriere gedacht. Mit einem richtigen Vertrieb erscheinst du eben überall und bist nicht ein obskurer Import, der ein unleistbares Porto mitbringt. Die Platte ging dann weltweit extrem ab und Bransons Angebot konnten wir unmöglich ausschlagen. Uns war nur wichtig, dass wir bei Musik, Cover und allem anderen volle Kontrolle haben. Das hatten wir und das war okay. Die Platte hatte sich jede Woche 30.000 Mal verkauft, aber es waren auch andere Zeiten. Wir waren damals im deutschsprachigen Raum die erfolgreichste Virgin-Band vor den Sex Pistols oder Mike Oldfield.
Görl: Wir waren auch der größte deutsche Export in die USA. Es gab damals nichts Größeres und Bekanntere als uns.

Das haben nach euch in dem Ausmaß (und darüber hinaus) auch nur mehr Rammstein so hingekriegt.
Görl:
Die haben aber auch ein anderes Management und fahren eine Schiene, die wir nicht machen konnten. Wir haben die Plattenfirmen mit unseren Trennungen immer enttäuscht.
Delgado-López: Es ist verdammt wichtig, sich manchmal ganz zu verweigern. Es ist einfach, im Rockbusiness in die Mühlen zu geraten und doch die Puppe von jemand anders zu werden. Eben diese Touren oder Studioaufenthalte. Du kannst kaum sagen, dass du mal drei Wochen mit deiner süßen Freundin verbringen willst. Das Privatleben war uns aber auch immer wichtiger und das war für viele im Business nicht nachvollziehbar. Wir haben uns diese Freiheit aber immer vorbehalten und wenn es gar nicht anders ging, dann mussten wir die Reißleine ziehen.
Görl: Sie haben mehrmals gedacht, wir wären wahnsinnig. Als wir uns Ende 1982 das erste Mal trennten, waren wir am absoluten Karrierehöhepunkt. Wir haben diese Trennung aber auch gleich bewusst groß rausposaunt. Dieser Riesenslogan war kultig und die Plattenfirma schlug nur mehr die Hände über dem Kopf zusammen. Für die ging das Geschäft da gerade erst los und wir hörten auf. (lacht)
Delgado-López: Karrieretechnisch war das langfristig gesehen dann aber sehr gut. Dadurch hatten wir mit einem Schlag einen Status der Unerreichbarkeit erreicht. Wir mussten nicht plötzlich mit unseren eigenen Imitatoren konkurrieren, denn uns gab es einfach nicht mehr. Wir wussten schon damals, dass wir bei einer Reunion nach ein paar Jahren unheimlich viel Geld kriegen würden. (lacht) Vor allem, wenn du mit solchen Verkaufszahlen aufhörst. DAF hat mir den Weg bereitet, dass ich für mein Soloalbum noch mehr Geld bekam. Das ergab sich eben aus dem Kultstatus.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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Freitag, 03. April 2020
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