24.03.2020 06:00 |

Album & Interview

Lucifer: „Musikalische Qualität war früher besser“

Mit Lucifer schickt sich eine Underground-Allstar-Partie aus unterschiedlichen Ländern an, den groovenden Retro-Rock der 70er-Jahre adäquat in die Gegenwart umzusetzen. Das Kreativgespann und Ehepaar Johanna Sardonis und Nicke Andersson erklärte uns ausführlich, worum es ihnen dabei hauptsächlich geht.

„Never fuck the company“ ist berühmtes Sprichwort, wenn man von der allzu intensiven Liebe am gemeinsamen Arbeitsplatz absehen sollte. Manchmal kann das aber auch gutgehen, wie es etwa die Heavy/Doom-Rocker Lucifer seit einigen Jahren beweisen. Die Berliner Sängerin Johanna Sardonis kennt man noch aus der kurzlebigen, aber starken Formation The Oath, Ehemann Nicke Andersson, der 2017 zur Band stieß, hat in Schweden gleich doppelt Musikgeschichte geschrieben. Einerseits hat er mit Entombed ab Ende der 80er-Jahre den schwedischen Death Metal in die weite Welt exportiert, andererseits war er als wichtiger Teil der Hellacopters eine Schlüsselfigur der damaligen Rockszene, die sich ebenfalls für einige Jahre global in lichte Aufmerksamkeitshöhen katapultieren konnte. Unter dem Banner Lucifer frönen die beiden nun ihrer gemeinsamen Liebe - dem 70er-Jahre Heavy Rock, der sich auch gerne in den Retro Rock, Heavy Metal oder Doom Metal verzweigt. Anderssons Einstieg folgte auch eine Richtungsänderung. War das Debüt noch sehr düster und schwerfällig, akzentuierte er auf „Lucifer II“ (2018) mehr Vintage-Feeling. Auf dem nun erschienenen Drittwerk werden die Stärken beider Alben gebündelt - mit deutlichem Ausschlag zum zwangloseren Heavy Rock.

Keine Angst vor dem Pop
„Es geht uns nicht darum, etwas zu verkaufen“, erklärt Sardonis im launigen Doppelinterview mit der „Krone“, „wir machen einfach das, wohin uns die Musik leitet. Aber natürlich haben wir viele Einflüsse, die in den späten 60ern beginnen und sich tief in die 70er-Jahre hineinziehen“. Selbst sehen sich die beiden weniger von Black Sabbath inspiriert, als es ihre Fans tun, doch mit Alleinstellungsmerkmalen ist es im heutigen Zeitalter ohnehin nicht mehr so leicht. Lucifer fürchten sich jedenfalls nicht vor poppigen Strukturen, die beim Gros der Szene sonst schwer verpönt sind. „Als Teenager wollte ich auch immer superböse und unnahbar sein“, lacht Sardonis, „aber wenn man älter wird, gibt es musikalisch keine Normen mehr. Wenn etwas gut klingt, klingt es gut. Punkt. Wir sind auf jeden Fall ehrlich und total aufrichtig mit unseren Songs.“

Zwischen Songs wie „Ghosts“, „Midnight Phantom“ oder „Leather Demon“ liegen auf dem neuen Werk nur augenscheinlich Welten. Wer genauer hinhört, findet die Klammer auch zwischen den unterschiedlichen Klangsphären. Die Offenheit der Musiker findet sich einwandfrei auf dem Album wieder. Vor allem für Nicke Andersson hat sich in den letzten Jahren viel getan. „Heute spiele ich in gefühlt 52 Projekten, weil ich Musik als solche einfach so sehr liebe. Ich mag Neil Young genauso gerne wie die kanadische Thrash-Metal-Band Razor. Ich mache, was mir gefällt. Da man aber auch nicht alles willentlich blind kombinieren kann, sind die vielen Bandprojekte nötig.“ Der etablierte Drummer hat auch den ultimativen Tipp für Nachwuchsmusiker, wie sie eben genau nicht nach ihren großen Idolen klingen. „Geh auf eine Plattenbörse und kauf eine beliebige, dir unbekannte Platte aus den 70er-Jahren, die sonst kein Schwein interessiert. Die kosten oft nur einen Euro und können dich zu einem eigenen Album inspirieren.“

Früher war alles besser
Was die 70er für Sardonis und Andersson so besonders interessant macht, ist noch nicht einmal das Songwriting, sondern in erster Linie der Sound. „Es ist mit Abstand das Jahrzehnt mit dem besten Klang“, schwärmt der Schwede, „die 80er- und 90er-Jahre haben da unheimlich viel ruiniert, weil sie die Wärme aus dem Sound nahmen. In den 60ern, wo es noch nicht einmal ordentliche Verstärker gab, verstanden die Beatles während der Proben kein Wort von sich selbst. Sie spielten aber großartig, was daran lag, dass sie einfach so verdammt gut waren. Es gab keine Pro Tools und andere Spielereien, wo man Fehler ausmerzen konnte. Die musikalische Qualität war eklatant höher.“ Sardonis pflichtet ihrem Mann bei. „Mach es nicht wie Guns N‘ Roses und feile 15 Jahre an einem Album. Die ersten drei Alben einer Band sind meist auch deshalb immer die besten, weil da noch das Feuer vorhanden und die Musiker frisch und unverbraucht waren. Warum sollte man fast zwei Jahrzehnte nach Perfektion suchen, nur damit dann wie Plastik klingt?“

Lucifer machen auch kein Hehl daraus, dass sie sich durchaus gerne auf die Suche nach einem Hit machen. „Wir reden oft darüber, wie ein Song klingen sollte“, erklärt Sardonis, „da geht es dann oft hitzig um unsere Einflüsse, Inspirationen und Referenzen. Nicke setzt sich hin und spielt Gitarre, Bass und Schlagzeug, ich suche nach Texten und der richtigen Stimme. Ein guter Song ist es dann, wenn jemandem die Gänsehaut aufsteigt. Wenn jemand, der noch nie zuvor ein Konzert von uns gesehen hat, sich sofort eine Melodie merkt und die später noch weitersummen kann. Dann kann man durchaus von einem gelungenen Song sprechen.“ Beträchtliche Unterschiede gibt es bei beiden nur beim Songwriting. „Ich finde es hilfreich, mich in einer schönen Umgebung zu bewegen“, erzählt die Sängerin, „beim Debüt saß ich etwa am Schreibtisch in meiner alten Wohnung in Berlin und sah einen wunderschönen Kirchturm. Das inspiriert mich.“ Für Andersson ist die Sachlage einfacher. „Gib mir eine Gitarre und ich schreibe dir einen Song. Das kann auch am Klo passieren.“

Nicht alles möglich
Bei Lucifer geben sich jedenfalls beide die große Freiheit, ihren Nostalgie-Sound mit modernen Einflüssen und Experimentierreichtum zu würzen. Dass die Band auch nach drei Alben noch keinen prägnanten Signature-Sound herausgebildet hat, sieht Andersson durchaus als Vorteil. „Warum sollte man auch noch einmal ein Album schreiben, dass es so eh schon gibt?“ Grenzen gibt es natürlich auch im Lucifer-Kosmos. „Ich glaube Reggae wäre jetzt weniger etwas, das für uns anzustreben wäre“, lacht Andersson, „und ein Saxofon wirst du bei mir auch nie hören. Ich liebe Van Morrison, aber nicht sein verdammtes Saxofon, diesen Teil überspringe ich in seinen Songs dann immer.“ Sardonis könnte sich gar einen ganz mutigen Sprung vorstellen. „Ein 60er-Countryalbum wäre auch einmal schön. Schauen wir einfach, was sich so ergibt.“

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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