27.07.2010 09:33 |

Tote bei Loveparade

Verantwortliche schieben einander die Schuld zu

Wer trägt Schuld an der Massenpanik bei der Loveparade? Diese Frage stellen sich nicht nur von den Ereignissen zutiefst betroffene Menschen, auch von politischer Seite wird fieberhaft nach einer Antwort gesucht. Politiker, Veranstalter, Polizei und andere Verantwortliche schieben sich dabei gegenseitig die Schuld zu. Von zuvor geäußerten Sicherheitsbedenken wollen jedenfalls nur mehr wenige gewusst haben.

Während etwa die Staatsanwaltschaft am Montag erklärte, die Ermittlungen würden Wochen oder gar Monate in Anspruch nehmen, forderte die neue nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (im Bild links) als erste führende Politikerin am Montag rasche Konsequenzen.

Kraft sagte zudem am Abend in der ARD, es sei klar erkennbar, dass das Sicherheitskonzept für die Mammutveranstaltung nicht gut gewesen sei. Nun gelte es, rasch zu klären, wo die Verantwortlichkeiten lägen, und dann Konsequenzen zu ziehen, sagte die SPD-Politikerin. Ihrer Meinung nach sei da vor allem bei den Veranstaltern und der Stadt Duisburg genau hinzuschauen.

Veranstalter sieht Hauptverantwortung bei Polizei
Loveparade-Organisator Rainer Schaller (in der Bildmitte des rechten Fotos) weist hingegen jede Kritik zurück und zeigt mit dem Finger auf die Polizei. Das Unglück sei womöglich durch eine Anweisung der Beamten ausgelöst worden, alle Schleusen vor dem westlichen Tunneleingang zu öffnen, obwohl Überfüllung drohte, sagte Schaller der Deutschen Presse-Agentur. "Für den Fall der Überfüllung sollten die Schleusen geschlossen werden", sagt der Organisator. So sei es geplant gewesen, deswegen wurden die Schleusen installiert.

So sollte das Nadelöhr, der neuralgische Punkt, unter Kontrolle bleiben. Zuvor hätten die Veranstalter bis 14 Uhr bereits zehn der 16 Schleusen geschlossen gehalten, weil eine Überfüllung des Tunnels drohte. Doch dann sei die Anweisung gekommen, alle Schleusen vor dem westlichen Tunneleingang an der Düsseldorfer Straße zu öffnen, sagt der 41-Jährige. Warum? "Ich weiß es nicht." Jedenfalls sei von dort der Hauptansturm auf den Tunnel erfolgt, von Osten seien weit weniger Menschen gekommen. Aber war der Tunnel als einziger Zugang nicht ungeeignet für so eine Riesenmenge? "Alle Behörden haben die Eingangssituation abgenickt, sonst hätten wir das nicht gemacht." Der Tunnel sei als einziger Zugang "extrem intensiv geprüft und die Genehmigung erteilt worden".

Ex-Polizeipräsident warnte "zu vehement" vor Loveparade
Gegen die Anschuldigungen von Schaller wehrt sich hingegen die Duisburger Polizei, die noch einmal darauf hinwies, dass bereits vor der Veranstaltung teils heftige Sicherheitsbedenken geäußert wurden. So habe der mittlerweile pensionierte Polizeipräsident Rolf Cebin sich so heftig gegen die Austragung der Loveparade ausgesprochen, dass der Duisburger CDU-Bezirksvorsitzende Thomas Mahlberg seine Absetzung gefordert habe.

In einem Brief an Landesinnenminister Ingo Wolf habe Mahlberg die "Negativberichterstattung" nach Cebins Kritik an der Loveparade moniert. "Der Eklat veranlasst mich zu der Bitte, Duisburg von einer schweren Bürde zu befreien und den personellen Neuanfang im Polizeipräsidium Duisburg zu wagen", zitierte die "Süddeutsche Zeitung" aus dem im Vorjahr verfassten Brief.

Bürgermeister: "Mir sind keine Warnungen bekannt"
Von geäußerten Sicherheitsbedenken wollen manche Verantwortliche auf politischer Seite aber mittlerweile nichts mehr gewusst haben – so etwa Sauerland (im Bild oben ganz rechts). "Mir sind keine Warnungen bekannt", sagte er etwa der "Rheinischen Post". Der CDU-Politiker hatte sich besonders für die Austragung der Loveparade in der Ruhrgebiets-Stadt stark gemacht. Einen Rücktritt, den er am Montagvormittag zumindest noch für denkmöglich gehalten hatte, lehnte er am Abend kategorisch ab.

Rückendeckung erhält er dabei vom Chef der Europäischen Kulturhauptstadt "Ruhr.2010", Fritz Pleitgen. Der "Frankfurter Rundschau" sagte dieser: "Bei der Entscheidung von Adolf Sauerland und den anderen Verantwortlichen wird Sicherheit höchste Priorität gehabt haben." Sicherheitsbedenken seien ihm "nie zu Ohren" gekommen. "Wäre das der Fall gewesen, hätte ich sofort gesagt: Lasst es!"

Unterdessen berichtete die "Bild"-Zeitung, dass Sauerland in den Tagen vor der Katastrophe nicht in Duisburg gewesen sein soll. Er sei mit seiner Familie auf Urlaub in Österreich gewesen. Sauerland habe demnach auch nicht am Samstagmorgen vor der Loveparade die ordnungsbehördliche Erlaubnis für die Parade erteilt. Das habe die Verwaltung getan. Eine Stadtsprecherin erklärte, dass die Erlaubnis bereits am Tag zuvor unterzeichnet worden sei.

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