11.10.2019 16:23 |

„Verstörende Berichte“

70.000 Menschen fliehen vor türkischer Offensive

Verwaiste Ortschaften und tobender Gefechtslärm: Die türkische Invasion in Nordostsyrien soll aufseiten der kurdischen Verteidiger bereits mehrere Hundert Todesopfer gefordert haben. Auch die Türken beklagen erste Todesopfer - darunter auch ein Soldat. Laut Angaben von Hilfsorganisationen sind mehr als 70.000 Menschen auf der Flucht vor den Angriffen. Das UN-Menschenrechtsbüro berichtet über „verstörende Berichte“ von Bodenangriffen türkischer Truppen oder von Gruppen, die dem türkischen Militär nahestünden.

Es seien unter anderem die Wasserversorgung, Dämme, Kraftwerke und Ölfelder getroffen worden, sagte ein Sprecher. Nach einem türkischen Luftangriff sei die Wasserversorgung in der Region Aluk zusammengebrochen. In Rakka hätten die lokalen Behörden vier Zentren für Vertriebene eingerichtet, berichtete das UN-Welternährungsprogramm.

NGOs fordern Schutz von Zivilisten
„Die Militäroperationen in Nordostsyrien dürften die bereits sehr angespannte humanitäre Situation noch verschärfen“, warnte Najat Rochdi, im Büro des UN-Syrien-Beauftragten zuständig für humanitäre Fragen. Alle appellierten an die Akteure vor Ort und Regierungen, die Einfluss auf sie haben, Zivilisten zu schützen. Einen ähnliche Appell veröffentlichte die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Sie rief am Freitag in einer Stellungnahme alle Kriegsparteien dazu auf, den Schutz von Zivilisten, Gesundheitspersonal und Patienten zu gewährleisten. Die Eskalation der Gewalt könne „das Trauma“, dass die syrische Bevölkerung in Jahren des Krieges schon erlitten habe, nur verschlimmern.

Unterdessen brachte US-Präsident Donald Trump die Vereinigten Staaten als möglichen Vermittler zwischen den Kampfgegnern ins Spiel (siehe Video unten). „Ich hoffe, dass wir vermitteln können“, sagte Trump. Zugleich drohte er der Türkei erneut mit Sanktionen oder harten Strafmaßnahmen gegen die türkische Wirtschaft

Ankara verlangt von NATO Solidarität
Deutschland und fünf weitere EU-Länder forderten erneut ein Ende der Militäroffensive. Ankara reagierte erbost auf die Kritik aus Europa. Anlässlich des Besuchs von NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg in der Türkei brachte der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu zum Ausdruck, was sich die Türken von den NATO-Partnern erwarten. „Im Rahmen des Grundsatzes der Unteilbarkeit der Sicherheit ist es unsere natürlichste und legitimste Erwartung, dass sich unsere Alliierten mit uns solidarisieren. Es reicht also nicht zu sagen: ,Wir verstehen die legitimen Sorgen der Türkei.‘ Wir wollen diese Solidarität klar und deutlich sehen.“

Stoltenberg sagte, er habe seine „ernsten Bedenken hinsichtlich einer Destabilisierung der Region“ geäußert und die türkische Regierung gebeten, „zurückhaltend zu agieren“. Er betonte, die Türkei sei ein starker und wichtiger NATO-Verbündeter. Kein Verbündeter habe mehr unter Terroranschlägen gelitten als die Türkei. Die NATO sei der Sicherheit der Türkei stark verpflichtet. „Wir sind hier, um die Türkei zu beschützen und auch, um uns selbst zu beschützen.“

Cavusoglu wirft Europa und USA Doppelmoral vor
Cavusoglu verteidigte die Offensive. Er argumentierte, wenn schon jeder einsehe, dass die Sorgen der Türkei „legitim“ seien, dann müsse auch der Kampf gegen den Verursacher der Sorgen legitim sein. „Ihr habt diese Terrororganisation mit Waffen ausgestattet und sie ausgebildet. Das ist nicht mein Problem. Das ist in Wahrheit deine Doppelmoral“, fügte er hinzu und sprach dabei indirekt Europa und die USA an.

Kronen Zeitung/krone.at

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