19.09.2019 15:00 |

Almkanal-Führungen

Im Stollen geht’s über Untersberger Marmor

Jeden September legt die Stadt Salzburg den Almkanal und damit den Stiftsarmstollen trocken. Wo sonst Wassermassen vorbeirauschen, quetschen sich Besuchergruppen durch. „Krone“ hat eine begleitet.

Ein knappes Dutzend Besucher drückt sich im Gänsemarsch durch einen Gang. Wasser schwappt an ihren Gummistiefeln hoch bis zu den Knöcheln. Die Lichtkegel der Taschenlampen wandern über fette Spinnen, die in Netzen vor Kalkstein baumeln. „Vorsicht Kopf!“, ruft ein junger Mann an der Spitze der Gruppe und stapft geduckt weiter. Die Leute geben die Warnung reihum durch. „Vorsicht Kopf! Vorsicht Kopf!“, hallt es durch das Halbdunkel. Der Mann an der Spitze heißt Christoph Berger und ist Almkanalführer. „Ich war als Kind selbst Besucher. Jetzt studiere ich Jus und mache die Führungen nebenbei. Es macht mir riesigen Spaß“, erzählt der Zwanzigjährige.

Säuberungsarbeiten im Almkanal ermöglichen die Touren jedes Jahr für drei Septemberwochen. Dann baggern Arbeiter Schutt und Kies aus dem trockengelegten Wasserlauf. „Wir hatten aber auch schon ganz schön exotische Sachen: lebende Kühe und Schafe, Mopeds, Autos und Geldtresore“, erzählt Berger, grinst und wischt einen Wassertropfen von seiner Hornbrille.

Die Gruppe stoppt. Die Männer und Frauen werfen die Köpfe in den Nacken und starren mit offenen Mündern zur Decke. Von dort wachsen ihnen grau und glänzend Tropfsteine entgegen. Berger zeigt auf einen davon und sagt: „So ein Stein braucht etwa hundert Jahre, um einen Zentimeter zu wachsen.“ Die Besucher murmeln ehrfürchtig – das Exemplar misst fast zehn Zentimeter. Eine Frau in einem roten Regenmantel hat dagegen nur Augen für die Spinnen. Berger lacht und sagt: „Keine Angst. Die machen nichts und sind nur im ersten Teil des Kanals.“

Jahreszahlen reichen bis ins 17. Jahrhundert
Immer wieder huscht der Schein der Lampen über eingravierte Jahreszahlen an den Wänden. „Diese Ziffern zeigen, wann der Stollen ausgebessert oder wegen Einstürzen repariert werden musste. 1790 ist die häufigste Zahl. Da gab es ein Erdbeben in Salzburg. Die älteste Jahreszahl ist 1608. Die Arbeiter begannen mit dem Bau des Stollens aber schon im Jahr 1137.“

„Ist das Marmor?“, flüstert eine Frau. Berger grinst. „Eine Dame hat es schon bemerkt,“ sagt er: „Wir gehen auf rotem Untersberger Marmor. Der ist damals wie heute sehr teuer.“ Die Leute schauen sich verdutzt an. „Im Jahr 1603 schwappte ein Trend aus Norditalien nach Salzburg herüber: große Plätze rund um Kirchen. Das wollte der Salzburger Erzbischof Wolf Dietrich auch. Der Domfriedhof musste weg. Die Grabplatten von dort haben die Stollen-Arbeiter hier unten wiederverwendet“, sagt Berger. Die Gruppe raunt.

Und es warten noch mehr Grabsteine. Die Tour endet nämlich nach 350 Metern direkt auf dem Petersfriedhof. Die Besucher treten durch eine Holztür in die Sonne eines Septembertages. Sie strecken die Rücken durch. Von hier aus kann die Altstadt erkundet, der Rückweg über den Mönchsberg oder wieder durch den Stollen angetreten werden. Berger wählt den schnellen Weg durch den Berg. Die nächste Gruppe wartet.

Führungen bis 26. September unter 0699/13790310 buchen!

Christoph Laible
Christoph Laible
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