27.07.2019 06:00 |

Kurz nach US-Reise:

„Österreich darauf vorbereiten, was kommt“

· Künstliche Intelligenz, gedankenlesende Maschinen im Vormarsch
· Die Welt vor „4. Industrieller Revolution“: Segen oder Gefahr?
· Altkanzler Kurz bekam im Silicon Valley einen Blick in die Zukunft
· Er warnt: „Fit machen für große Umwälzungen am Arbeitsmarkt“

Jeder von uns nutzt sie in Beruf und Alltag und macht sich kaum noch große Gedanken über diese faszinierenden Hilfsmittel des täglichen Lebens: die unsichtbare Maschinenkraft der digitalen Welt. Altkanzler Kurz machte sich auf den Weg in die Brutstätte dieser „schönen neuen Welt“, um „einen Überblick zu bekommen“, wie sie die reale Welt umwandelt, die Gesellschaft verändert und schließlich die Politik herausfordert.

Bei den Giganten des Computerzeitalters
Die neuen Herrscher der Welt haben südlich von San Francisco ziemlich dicht ihre Imperien aufgebaut - im sogenannten Silicon Valley (benannt nach dem Grundbestandteil der Halbleitertechnik) als einen intellektuellen Ausfluss der Stanford Universität: Google in Mountain View, Netflix in Los Gatos, Facebook in Menlo Park, Tesla größer als der Vatikan in Fremont, Apple in Cupertino, Uber in San Francisco selbst.

Die Gespräche mit den Chefs dieser beeindruckenden Firmen haben bei Kurz doch auch einen zwiespältigen, zuweilen unbehaglichen Eindruck hinterlassen: „Große Veränderungen unserer Lebensgewohnheiten stehen bevor. Das trifft besonders die Arbeitswelt durch Automatisierung; ebenso den Arbeitsmarkt. Die Politik hat die Aufgabe, frühzeitig darauf zu reagieren. Wir müssen Österreich darauf vorbereiten, was auf uns zukommt.“

Auf dem Campus des Weltwirtschaftsforums in San Francisco machen sie Studien über die Auswirkungen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen durch die Digitalisierung. Sie kommen schlicht und einfach zu dem Schluss, dass in der Welt von heute „mit einer bisher ungeahnten Geschwindigkeit“ eine „Vierte industrielle Revolution“ ausbricht, geprägt von Künstlicher Intelligenz, autonomem Fahren etc.

Ein Sechstel der Jobs verschwindet
In den nächsten 15 bis 20 Jahren würde ein Sechstel der Arbeitsplätze automatisiert werden, meint das Weltwirtschaftsforum. Die Politik müsse darauf umgehend reagieren.

ÖVP-Chef Kurz nimmt den Ball auf: „Wir müssen die Chancen der neuen Ära nützen, dürfen aber die Gefahren nicht ignorieren. Das Bemühen muss dahin gehen, möglichst viele Jobs in neue Jobs umzuwandeln. Unser Ausbildungssystem muss schneller auf die Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt reagieren. Es braucht in Österreich dringend zusätzliche Ausbildungsplätze im Technikbereich, heißt auch: lebenslanges Lernen. Und man muss dafür Sorge tragen, dass die großen Technikunternehmen bereit sind, bei uns zu investieren und Arbeitsplätze zu schaffen.

“Die Gefahr steigt, von dem globalen Umwandlungsprozess und dem digitalen Tsunami überrollt zu werden. Stichwort: aktuelle Schwierigkeiten der deutschen Autoindustrie und damit der österreichischen Zulieferer, die als Erste unter Druck kommen könnte.

Ein Beispiel dafür, dass Österreicher genug Kraft haben, mit den neuen Herausforderungen fertig zu werden, ja Vorreiter spielen zu können, ist Professor Friedrich Prinz, der vor 25 Jahren an die Stanford Universität kam. Inzwischen gilt er dort als „Energie- und Klima-Guru“.

Sein aktuelles Forschungsgebiet: Speicherung von Energie etwa mithilfe von Wasserstoff. Seine Warnung: Alle Alternativen der Energiegewinnung werden teurer als Kohle, „die weg muss!“

Professor Prinz: „Welche Alternativenergien gibt es? Sonne, Wind, Geothermik, Wasserkraft. Sicherlich Solarpaneele. Da kommen andere Energieformen nicht mit. China hat dabei eine Steigerungsrate von 80 Prozent.“

„Alternative zur Kohle wird teuer werden“
„Alternativenergien sind teurer als Kohle. Das wird Steuergeld kosten“, stellt Prof. Prinz fest. „Ökosteuern sollten aber im Gesamtsteueraufkommen neutral sein.“

Unter anderem mit der Österreich-Chefin von Google, Christine Antlanger, und Apple-Chef Tim Cook, besprach Altkanzler Kurz die Entwicklungen auf den Gebieten der Künstlichen Intelligenz, Voice recording (Spracherkennungssysteme) etc. und die großen Veränderungen dadurch. Google erhält schon 25 Prozent der Anfragen über Voice recording, sagt Tim Cook.

Thema autonomes Fahren: Das, so heißt es, brauche noch Jahre, bis es massentauglich sei.

Nur durch Gedankenkraft Befehle an Computer
Bei Tesla - größer als der Vatikan - rollen die E-Autos vom Fließband, und die autonomen Autos fahren im Test. Tesla- und SpaceX-Gründer Elon Musk hat aber längst ein neues Steckenpferd: „Neuralink“.

Dieses System soll Gehirne mit Computern verbinden, allein durch Gedankenkraft „zu einer Symbiose Künstlicher Intelligenz“, so Musk. Dazu würden Mikro-Elektroden in die Nervenzentren des Gehirns verpflanzt und die Befehle über Cloud-Computing drahtlos zu Maschinen übertragen - „Schöne neue Welt“.

Ein Treffen mit Uber-Gründer Dara Kosrowshahi schloss die Fact-Finding-Mission ab. Uber oder Airbnb erschüttern ganze herkömmliche Branchen in ihren Grundfesten.

„Besser Vorreiter als Nachzügler“
Am Ende der Fact-Finding-Mission ins Silicon Valley eine sehr nachdenkliche Bilanz von Sebastian Kurz: „Auf die Politik kommen große Herausforderungen zu. Sie hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Veränderungen den Menschen nicht auf den Kopf fallen und sie unerwartet hart treffen. Verändern müssen wir uns aber alle. Da ist es schon besser, Vorreiter zu sein, als Nachzügler.“

Bleibt die große Frage: Weshalb ist das Silicon Valley so viel erfolgreicher als Europa? Peter Hebert von Lux Capital (Firma, die Start-ups finanziert): „Es ist die Lust auf Unternehmertum. Es ist der Mut, sich etwas zu trauen. Scheitern ist keine Schande, sondern die Herausforderung, etwas Neues anzufangen.“

Acht von zehn der teuersten Unternehmen der Welt haben ihren Sitz in den USA, zwei in China. Europa: null. Unser Kontinent hat einen dringenden Aufholbedarf. Vor allem braucht Europa in der Arbeitswelt einen Kulturwandel.

Kurt Seinitz, Kronen Zeitung

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