Trotz Schirnhofers Niederlage sorgten 2.500 Zuschauer mit euphorischer Stimmung dafür, dass sich eines der größten Talente im heimischen Judosport wie ein Sieger fühlen durfte. "Es ist erst meine zweite EM, mit einem fünften Platz kann man leben. Es ist das beste Ergebnis meiner Karriere und ich bin total zufrieden. Und sollte auch zufrieden sein", sagte Schirnhofer. Er sei keiner mit Medaillenchancen gewesen, habe aber gewusst, dass ihm alles aufgehen könne, wenn er einen guten Tag habe.
Schirnhofer hatte nach einem Freilos in der ersten Runde den Belgier Christophe van Dijck in einem kräfteraubenden Duell mit einer Waza-ari-und einer Yuko-Wertung besiegt. Im Kampf um den Poolsieg setzte sich der Athlet der Judo Union Flachgau gegen Karolis Bauza (LTU) mit Ippon durch, musste sich jedoch anschließend als leichter Favorit im Semifinale dem erst 19-jährigen Marcus Nyman geschlagen geben.
Im Medaillenkampf wartete auf den Österreicher der Grieche Ilias Iliadis, der 2004 in Athen Olympiasieger der Kategorie bis 81 kg wurde. "Er war so stark, dass er auch in der 100er-Kategorie in der Quali antrat. Er ist mein großes Vorbild, es war für mich eine Ehre, gegen ihn zu kämpfen. Es hat Spaß gemacht", erklärte Schirnhofer.
Birkfellner und Riess erreichten zweite Runde
In die zweite Runde hatte es am Samstag Franz Birkfellner (bis 100 kg) geschafft, der sich noch nicht hundertprozentig festlegen wollte, aber mit den Heim-Kontinentaltitelkämpfen voraussichtlich seine internationale Karriere beendete. Der Tiroler setzte sich zum Auftakt mit Ippon gegen den Kroaten Damir Islambasic durch und hatte anschließend gegen den Weißrussen Jauhen Biadulin selbst mit Ippon das Nachsehen.
"Ich wollte mindestens eine Runde überstehen, das ist mir gelungen, darüber freue ich mich", sagte der Turnusarzt an der Uniklinik Innsbruck, der auf der Anatomie angestellt ist und derzeit die Anästhesie "durchmacht". Auf nationaler Ebene ist der 33-Jährige kämpferisch gleich doppelt aktiv - in der zweiten Judo-Liga und der ersten Ringer-Bundesliga.
Rupert Riess (über 100 kg) besiegte zum Auftakt den Serben Aleksandar Petkovic mit Ippon und bekam es danach mit dem Ungarn Barna Bor zu tun, der den Salzburger vorzeitig mit zwei Waza-ari-Wertungen aus dem Bewerb warf. Der in Zell am See Dienst versehende Polizist nahm es relativ gelassen, bezeichnete er sich doch selbst nur als Hobbysportler, der nur zwei Wochen für die EM trainierte/trainieren konnte. "Der erste Kampf war ganz gut, in den zweiten bin ich nicht richtig reingekommen - die Chance wäre dagewesen."
Morawek-Hollensteiner: Verdacht auf Nasenbeinbruch
Marianne Morawek-Hollensteiner ist hingegen wie erwartet chancenlos gewesen, die Athletin der Gewichtsklasse über 78 Kilogramm unterlag der Britin Karina Bryant nach 59 Sekunden mit Ippon. Bryant ist vierfache Europameisterin sowie fünffache Vizeweltmeisterin. "Sie hat offenbar meine Taktik gekannt und von Beginn an dagegengearbeitet", sagte die Athletin des UJZ Mühlviertel, die sich mit Verdacht auf einen Bruch ihre Nase untersuchen lassen musste.
Mit Ippon in ihrem Auftaktkampf ausgeschieden ist auch Nadine Pichler (bis 78 kg). Die groß gewachsene Ungarin Abigel Joo ließ der österreichischen Staatsmeisterin keine Chance und brachte sie bereits nach ein paar Sekunden mit einer Waza-ari-Wertung ins Hintertreffen. "Ich war eigentlich gut eingestellt, aber ich war noch nicht einmal im Kampf drinnen, und dann war er fast schon wieder vorbei. Ich habe eh alles probiert, aber sie war zu stark", bilanzierte die 22-jährige Polizeischülerin.
Heimische Athleten übertrafen alle Erwartungen
Österreich ist in den EM-Einzelbewerben in allen 14 Gewichtsklassen (je 7 Männer und Frauen) vertreten gewesen und hat aus sportlicher Sicht alle Erwartungen übertroffen, lautete das Ziel doch ein bis zwei Medaillen. Sabrina Filzmoser (bis 57 kg) und Ludwig Paischer (bis 60 kg) durften sich jeweils über Silber freuen, Andreas Mitterfellner (bis 66 kg) gewann die Bronzemedaille.
Nur insgesamt fünf Erstrundenkämpfe gingen für Österreich verloren und zwar durch Valentina Schauer (bis 48 kg), Hilde Drexler (bis 63 kg), Bernadette Graf (bis 70 kg), Nadine Pichler (bis 78 kg) und Marianne Morawek-Hollensteiner (über 78 kg). Für weitere fünf Athleten - Petra Steinbauer (bis 52 kg), Peter Scharinger (bis 74 kg), Albert Fercher (bis 81 kg), Birkfellner (bis 100 kg) und Riess (über 100 kg) - kam das Aus in der zweiten Runde.
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