10.05.2019 07:00 |

Album „Flesh & Blood“

Whitesnake: Hard Rock gegen alle Trends

Zum 40. Bandgeburtstag beschenkt sich die Hard-Rock-Kultband Whitesnake mit dem ersten richtigen Studiowerk seit acht Jahren. „Flesh & Blood“ ist ein in der Zeitschleife festgehangenes Stück Testosteron-Gebolze, das gar nicht erst vorgibt, sich von den Trends der Gegenwart verleiten zu lassen. Frontmann David Coverdale und Co. zeigen mit kompositorischer Freude, dass man keine Innovation braucht, um in Würde zu altern.

Die Löwenmähne im Wind der Bühnenventilatoren flatternd, die Lederhose an den schwitzenden Lenden so eng anliegend, dass sich nicht einmal ein loser Tropfen Wasser darin bewegen könnte. Die mit zahlreichen Ringen bestückten Finger umklammern das Mikro fest, während der Sänger aufopferungsvoll in schrillste Höhen vordringt, während seine blankweißen Zähne bis in die zehnte Publikumsreihe durchblitzen. Halbnackte Frauen räkeln sich auf MTV in hedonistischen Big-Budget-Videos auf Autodächern, während sie im echten Leben mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen, einen Fuß in die Backstage-Tür zu kriegen. Als David Coverdale Mitte der 80er-Jahre Abertausende Fans in Europa und vor allem den USA genau in dieser Art und Weise begeisterte, war das Testosteron am Überkochen. „Sex sells“ ist zwar eine Prämisse, die noch heute als alles zusammenhaltender Kitt im uferlosen Entertainment-Business dient, doch das sexistisch aufgeladene Patriarchat von früher ist einer gleichberechtigteren Wandlung zum Opfer gefallen.

Nostalgische Zeitlosigkeit
Überlende Formatrock-Dinosaurier der goldenen Zeiten tun aber trotz allem gut daran, ihre Erfolgsformel nicht völlg ad acta zu legen. „Flesh & Blood“, das erste richtige Studioalbum von Whitesnake seit 2011, ist folgerichtig all das, was der Hard Rock einmal war und heute gerne sein würde. Ein aus schnittigen Riffs und verträumten Balladen vermischtes Stück E-Gitarren-Nostalgie, das sich bewusst nicht aus den goldenen Erinnerungen stehlen will, aber noch bewusster gegen jede Form von zeitgeistigem Trend ankämpft. Wenn der Frontmann im Opener „Good To See You Again“ seine Fans anspricht, meint er damit vor allem die weiblichen. Die rasante Single-Auskoppelung „Shut Up & Kiss Me“ atmet unverändert frivol den Duft sommerlicher Freiheit, während „Trouble Is Your Middle Name“ sich gerne an die zwanglosen Barschlägereien am Sunset Strip zurückerinnern möchte. „Flesh & Blood“ ist eine 13 Kapitel starke, einzige Ansammlung vielfältiger Klischees, die mitunter deshalb eine magische Sogwirkung für all jene erfassen, denen kontemporäre Stilverquerungen und ausufernde Experimentierfreudigkeit ein Dorn im Auge sind.

Das Selbstzitieren eigener Großtaten ist aber nur eine folgerichtige Entscheidung. Speziell mit „Slide It In“ (1984), „Whitesnake“ (1987) und „Slip Of The Tongue“ (1989), den drei Alben, die sie vom britischen Blues zum amerikanischen Glam Rock brachten, haben die (mittlerweile amerikanisierten) Briten Rockgeschichte geschrieben. 30 bis 35 Jahre später klingt Coverdale nicht mehr so nach Robert Plant wie früher und reichert die kompositorisch ähnlich gelagerten Stücke dadurch mit etwas mehr Schroffheit an. „Flesh & Blood“ wirkt stellenweise wie eine Best-Of der eigenen Glanztage, ohne aber an die Hitdichte ebenjener ranzukommen. Neben Langzeitdrummer Tommy Aldridge kann Coverdale zumindest auf einen Instrumentalistenstamm bauen, der so treu und festgefahren wie nur selten in der Vergangenheit ist. Vor allem das Gitarrenduo Joel Hoekstra und Reb Beach beweist mit brillanter Souveränität, dass man die Stärken der frühen Tage würdevoll in die Jetztzeit transferieren konnte. Dass Stücke wie der Titeltrack oder „Get Up“ aus der Zeit gefallen scheinen, ist bewusst eingesetztes Kalkül und gerade dadurch hochsympathisch.

Würdevolles Stelldichein
Auch wenn die blonden Locken immer noch grazil über die Schultern fallen, darf man nicht vergessen, dass Coverdale seit mehr als einer Dekade an Arthrose leidet und seine Mobilität vor zwei Jahren nur durch den Einsatz zweier künstlicher Knie gerettet werden konnte. Für den juvenilen Frontmann bedeutete das aber auch eine Initialzündung zu einer Art „dritten Karriere“ mit der Band, denn so intensiv wie in den beiden letzten Jahren habe er laut Eigenaussage überhaupt noch nie gearbeitet. Das Resultat sind das neue Studioalbum, eine Jubiläums-Box für das selbstbetitelte 87er-Album, die „Purple Tour“-DVD aus 2015 und noch eine Jubiläumsedition von „Slide It In“. Bewundernswert, dass „Flesh & Blood“ damit zum 40. Bandgeburtstag derart frisch und unverbraucht klingt. Wer die #metoo-Bewegung von klischeebehafteten Altrockern mit dem Hang zur Dekadenz trennen kann, wird sich problemlos am neuen Whitesnake-Output delektieren können. Musikalisch hat es aber schon wesentlich würdelosere Stelldicheins honoriger Herren gegeben - „Flesh & Blood“ ist ein mehr als solider Markstein einer Kultband, die sich nicht von Trends beirren lässt und gerade deshalb zwanglos Qualitatives kredenzt. Livetermine in Österreich gibt es vorerst keine.

Robert Fröwein
Robert Fröwein
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