Do, 13. Dezember 2018

„Krone“-Interview

25.11.2018 19:41

Paolo Conte: „Ich bin ein unverfälschter Dandy“

Der italienische Cantautore und Komponist Paolo Conte hat ein bewegtes Leben hinter sich. Mit 81 Jahren ist er immer noch fit und aktiv, spielt mehrere Liveshows über das ganze Jahr verstreut. Wir durften ihn vor einem eindrucksvollen Konzert im Mailänder Teatro degli Arcimboldi auf den Zahn fühlen, um seine große Karriere Revue passieren zu lassen.

Er raucht Kette und ist einem oder mehreren Gläsern Wein nicht abgeneigt, dennoch verspürt der 81-jährige italienische Liedermacher Paolo Conte beeindruckende Fitness. Zeit seines Lebens war er an verschiedenen Fronten aktiv und hat sich niemals zurückgelehnt. Zuerst als ausgebildeter Anwalt, der als Hobby musizierte, dann als Profimusiker und zum kreativen Ausgleich auch als leidenschaftlicher Maler. Vor exakt 50 Jahren schrieb er mit „Azzurro“ nicht nur seinen erfolgreichsten Song, sondern die inoffizielle italienische Nationalhymne, die in der Interpretation des großen Adriano Celentano zu einem Lied von Weltformat wurde. Es folgten Hits wie „Via Con Me“ oder „Diavolo Rosso“ und über die Jahrzehnte profilierte er sich zu einem der allergrößten Songschreiber und Textpoeten Europas. Noch heute spielt er leidenschaftliche Auftritte und schreibt neue Lieder - wie etwa „Lavavetri“ für das Live-Jubiläumsalbum „Live In Caracalla - 50 Years Of ,Azzurro‘“. Auf einen Österreich-Termin nach seinem umjubelten Auftritt am Linzer Domplatz 2015 müssen wir aber (noch) warten.

„Krone“: Paolo, Sie feiern mit ihrem Album „50 Years Azzurro“ den Song, der Ihr Leben verändert hat und weit über Italien hinaus zu einer Hymne geworden ist. Was kommt Ihnen in den Sinn, wenn Sie an den Entstehungsprozess zurückdenken?
Paolo Conte:
Wenn du einen neuen Song komponierst, fühlst du meist schnell, welche Stärke er in sich trägt. Ich habe sofort gemerkt, dass „Azzurro“ eine unglaubliche Kraft entwickelt. Natürlich muss ich Adriano Celentano für seine Version danken, denn ansonsten wäre der Erfolg niemals so groß gewesen. Ich wollte ihn damals unbedingt als Interpreten dafür gewinnen und bin froh, dass ich das geschafft habe. Außerdem ist mir selbst die allerbeste Version von „Azzurro“ bei einem Konzert in Wien gelungen - einfach unvergesslich.

Wien hat natürlich eine unglaubliche Geschichte, wenn es um klassische Musik geht. Ist dieses klangliche Vermächtnis aus Österreich inspirierend für Sie?
Die Geschichte von Österreich steckt voller Wunder - vor allem im musikalischen Sinne. Ich würde nicht unbedingt von Inspiration sprechen, denn das hängt bei mir nicht mit einem bestimmten Ort zusammen. Die großen österreichischen Komponisten haben einen fixen Platz in meinem Herzen, ich verspüre große Hochachtung für sie. Auch wenn ich meist nicht viel Zeit habe, versuche ich auf meinen Reisen immer die typische Essenz dieser Musikhauptstädte zu finden und zu erspüren. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob es in Wien war, aber eines Nachts hörte ich eine Orgel alte Wiener Lieder spielen, was mich sehr berührt hat. In diesen Moment habe ich nicht nur Inspiration verspürt, sondern quasi die Gliedmaßen der Musik selbst. Jene von Johann Strauss und all den anderen großen Künstlern.

Das führt natürlich zu der Frage, ob wir Sie noch einmal live in Wien sehen werden?
Ich würde gerne in Wien spielen, aber ob das zustande kommt ist eher eine Frage für mein Management.

Sie leben in der eher beschaulichen Stadt Asti im Piemont und haben schon öfters betont, dass diese Gegend essenziell für Ihre Kreativität wäre. Liegt das an der Abgeschiedenheit, der Ruhe und am schnellen Zugang zur Natur?
Das liegt eher an der Landschaft. Man spürt und hört in Songs wie „Diavolo Rosso“ oder „Genova Per Noi“, dass ich sehr tief aus dem Land Italiens komme. Ich singe darin über die Beziehung zwischen den Menschen aus Piemont und Ligurien. Auch ich war in verschiedenen Ecken Italiens zuhause und der Charakter der Menschen von Asti ist direkt verbunden mit Landwirtschaft und der Agrikultur. Das ist etwas seltsam, denn wir haben nicht viele Poeten hervorgebracht, aber es gibt viele Künstler, die sich poetisch auf diese Gegenden berufen. Wir sind eben ein eigenständiges Volk.

Eine Art von Poesie durchzieht natürlich auch Ihre Songs - daneben war stets genug Platz für Ironie und etwas Sarkasmus. War das für Sie essenziell, um Ihre Kunst zu komplettieren?
Sarkasmus eher nicht, Ironie ist aber schon ein wichtiger Teil meiner Musik. Es gibt auch viel Selbstironie, denn das ist mein Weg, ein Konzert lebhaft zu gestalten und das Theatralische in den Vordergrund zu stellen - schließlich geht es in vielen meiner Lieder darum. Außerdem will ich betonen, dass ich sehr viele Doppeldeutigkeiten verwende, um die Dinge nicht allzu offensichtlich und klar darzustellen. Die Bedeutung der Wörter ist mir sehr wichtig.

Sie sind nicht nur Musiker und Komponist, sondern auch passionierter Maler. Kann man diese zwei Kunstformen vergleichen und befruchten sie sich gegenseitig?
Beide Kunstformen können nur deshalb so ähnlich wirken, weil sie aus mir strömen. Insofern gibt es da sicher einen kausalen Zusammenhang. Wenn ich Songs komponiere, ist das in etwa so wie ein Schwarz-Weiß-Bild - die Texte bringen dann die Farbe in ein Lied. Sie verbildlichen die Dinge.

Viele Songwriter visualisieren bestimmte Dinge, um Texte zu finden oder Lieder zu kreieren - andere erreichen diese Inspiration durch das Hören oder Herausfinden bestimmter Klänge, ohne besondere Bilder dazu zu haben. Wie ist das bei Ihnen?
Ich würde sagen, dass die meisten Ideen direkt aus meiner Fantasie stammen. Natürlich sind auch erlebte Dinge, Gerüche oder Gesehenes ein Thema, doch die Fiktion und meine Gedankenwelt sind der wichtigste Baustein für das Liederschreiben.

Hat sich Ihr Zugang zur Musik über die Jahre verändert? Gehen Sie das Liederschreiben anders an als früher?
Nein.

Bei einer musikalischen Karriere, die über mehr als 60 Jahre reicht - was würden Sie neben dem Erfolg mit „Azzurro“ als größtes Highlight bezeichnen?
Das ist wirklich schwer zu sagen, denn all meine Songs sind wie meine Kinder und ich habe noch keines jemals verleugnet. Wenn ich mich aber auf eine Sache in der Musik versteifen müsste, dann wäre das der Song „Gli Impermeabili“ und auf textlicher Seite „Genova Per Noi“. Für mich sind das meine Höhepunkte.

Welchen Ratschlag würden Sie Ihrem 20-jährigen Selbst mit dem Wissen von heute geben?
Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Von der praktischen Seite her würde ich sagen - gar nichts. Wenn es um Inspiration geht war es immer so, dass ich meine Wahl zu einem Song immer nach meinem Geschmack getroffen habe. Ich habe das Gefühl, dass ich manchmal immer etwas außerhalb des Trends gewesen wäre und meine Dinge durchgezogen habe, ohne mit der gerade angesagten Mode zu gehen. Ich wollte auch nicht gezwungen Retro klingen. Mir wurde in Frankreich die Frage gestellt, welchen Stil ich hätte und ich habe darauf geantwortet, dass meine Musik wie eine geistige Verwirrung aus dem Ende eines Jahrhunderts klingt. (lacht)

Abseits davon, dass Sie sich niemals musikalischen Trends angebiedert haben - was sind die wichtigsten Bausteine für Ihren langjährigen, großen Erfolg?
Das ist wirklich schwer zu sagen, aber ich hoffe inständig, dass mein Publikum immer meine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit zu schätzen wusste.

Sie haben mit Celentano, Stevie Wonder und unzähligen anderen wirklich großen Legenden zusammengearbeitet. Blieb Ihnen eine Kooperation besonders positiv in Erinnerung?
Ich hätte furchtbar gerne etwas mit Charles Aznavour aufgenommen. Wir haben oft darüber geredet, aber es kam im Endeffekt leider nichts zustande. Ansonsten kann ich niemanden besonders hervorheben.

Sind tagespolitische Ereignisse heute wichtig, wenn Sie Lieder schreiben? Fließen diese Dinge in Ihre Songs ein?
Eigentlich nicht, denn ich habe von der Politik schlichtweg zu wenig Ahnung und fühle mich nicht bemüßigt, dieses Thema in meine Lieder einfließen zu lassen.

Viele Künstler sehen sich selbst in der Verantwortung, auch darüber zu reden oder zu singen, weil sie ein Publikum haben, das ihnen zuhört und sich dadurch selbst besser einen Reim auf unterschiedliche Begebenheiten machen kann. Sehen Sie sich - auch abseits des politischen - gerne in der Rolle eines Vorbilds?
Außerhalb des Politischen schon. Ich habe immer darauf geachtet, dass ich den Charakter eines Dandys wiedergebe, weil sich das für mich echt und unverfälscht anfühlt. Es gibt drei Arten von Menschen, die sich sehr ähnlich sind. Die Intellektuellen, die langweilig sind. Die Snobs, deren Nase ganz hoch bis zum Himmel reicht und dann noch die Dandys, die immer auf der Suche nach Schönheit sind, dabei aber auch authentisch bleiben. Natürlich sehe ich mich selbst als einen Dandy. (lacht)

Ist Ihnen die Musik wichtiger als die Texte?
Technisch gesehen schon, denn ich schreibe immer vorher die Musik und überlege mir erst dann die passenden Texte dazu. Meine Hauptinspirationsquelle war immer diese besondere Form von Magie, die ich im Umkreis der Musik verspürte.

Haben Sie in Ihrer Karriere schon einmal das Feuer für die Musik verloren? Und wie haben Sie im Endeffekt wieder in die Spur zurückgefunden?
Diese Momente waren immer wieder da, es geht wohl jeder Künstler durch ein solches Tal. Ich habe etwa jetzt gerade so eine Phase, wo ich absolut keine Lust habe, irgendetwas aufzunehmen oder an neuen Songs zu arbeiten. Zurück kommt man dann meist immer sehr zufällig. Du fühlst plötzlich, wie die Noten aus deinen Fingern fließen und sich am Piano verselbstständigen. Die Fantasie geht mit dir durch und malt dir im Geiste wundervolle Bilder und schon geht es wieder dort weiter, wo du zuvor aufgehört hast. Es ist jedenfalls sinnlos etwas zu erzwingen, denn die Kreativität kommt früher oder später immer auf natürlichem Weg zurück.

Bevor Ihre große Musikkarriere startete, waren Sie bereits ausgebildeter Anwalt. Wie wichtig war dieses aufgebaute Wissen für die wirtschaftliche Seite Ihrer Karriere als Künstler?
Ich habe schon als Anwalt ganz gutes Geld verdient, aber es gelang mir damals immer wieder, noch genug Zeit für die Musik zu finden und mich mit den Leuten im Musikbusiness bekannt zu machen. Als ich merkte, dass ich als Künstler mindestens gleich viel, wenn nicht sogar mehr verdienen könnten als als Anwalt, war für mich klar, dass ich mich endgültig der Kunst verschreibe und meinen Fokus darauf legen würde.

Was war für Sie essenziell, wenn es um das Erschaffen von Musik ging? Wollten Sie selbst glücklich sein, das Publikum zufriedenstellen, neue musikalische Welten finden?
Mir ging es immer darum, dass ich mit meinen Songs glücklich werde, alles andere ist für mich nebensächlich. Wenn ich bemerke, dass mir ein gutes Lied gelungen ist oder dass ich etwas erschaffen habe, von dem ich total überzeugt bin ist das so, als würde ich für mindestens drei Tage lang auf Wolken gehen.

Sie spielen mit fast 82 Jahren immer wieder Konzerte über ganz Europa verstreut. Wir alle wissen, dass das eigentlich nicht mehr nötig wäre, doch was treibt Sie immer noch an? Warum dieser Drang, immer wieder auf die Bühne zurückzukehren?
Weil mein Manager sagt, er müsse noch etwas Geld verdienen. (lacht) Einen Abend mit meinen herausragenden Musikern vor einem sensitiven Publikum zu verbringen, ist immer noch das Allergrößte. Ich habe einfach sehr viel Spaß am Auftritt auf der Bühne.

Gibt es noch einen Wunsch oder bestimmten Traum, den Sie sich erfüllen möchten? Innerhalb oder außerhalb Ihrer künstlerischen Karriere?
Meine Frau und ich waren in Charity-Angelegenheit immer sehr aktiv, was in der Öffentlichkeit stets etwas untergegangen ist. Wir werden künftig jedenfalls noch stärker darauf achten, jene Menschen zu unterstützen, die es auch wirklich brauchen.

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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