21.09.2018 19:39 |

Doping-Erdbeben

Nach großem Aufschrei: Ruf nach Reform der WADA

Nach dem großen Aufschrei gegen die Begnadigung Russlands wird der Ruf nach einer Reform der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) lauter. „Der Weg zur stärkeren WADA muss jetzt beginnen“, betonte der Leiter der US-Agentur USADA, Travis Tygart. „Es wird nichts passieren, wenn wir, die Anti-Doping-Gemeinschaft, mit der WADA-Reform nicht beginnen.“

Es gehe dabei vor allem auch um die Beseitigung eines „inhärenten Interessenskonflikts, der durch den IOC-Fuchs entsteht, der den WADA-Hühnerstall bewacht.“ Das sehen auch andere so. „Es muss eine neue Führungsstruktur in der WADA geben. Nicht nur wenige Interessengruppen dürfen ein Übergewicht haben“, forderte Silke Kassner, stellvertretende Athletensprecherin im Deutschen Olympischen Sportbund, am Freitag. „Die Struktur muss entpolitisiert werden, es müssen mehr Experten in die Gremien der WADA.“ Für die Vorstandschefin der deutschen Agentur NADA, Andrea Gotzmann, wäre nach dem „Bad Deal“ der WADA mit der Aufhebung der Suspendierung der russischen RUSADA der richtige Zeitpunkt, wirkliche Veränderungen zu erreichen. „Es ist ein Beispiel dafür zu fragen, wie sich die internationale Anti-Doping-Arbeit entwickeln muss“, sagte sie. „Die WADA geht geschwächt aus dieser Entscheidung hervor.“

Das Internationale Olympische Komitee zahlt nicht nur die Hälfte des WADA-Budgets - die andere kommt von staatlichen Regierungen. Agentur-Präsident Craig Reedie ist zugleich IOC-Mitglied, ebenso andere Mitglieder im Foundation Board und im Exekutivkomitee der Weltagentur. „Da sehen wir eine Häufung der Ämter und damit verbundene Interessenkonflikte“, sagte Gotzmann. „Zu den neuen Strukturen soll gehören, dass die Position des Präsidenten mit einer unabhängigen Person besetzt wird - und dass in den WADA-Strukturen ein Nominierungskomitee und Ethik-Panel installiert wird.“ Die NADA hatte sich 2011 neue Strukturen gegeben, mit einer klaren Trennung des operativen Geschäfts vom Aufsichtsrat und einem Gleichgewicht der Kräfte. „Wir haben natürlich noch die Geldgeber dabei, aber wir haben ebenso externe Experten benannt und die Athleten mit einer Stimme beteiligt: Silke Kassner ist derzeit die stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende“, erklärte Gotzmann.

„Wir erwarten dies auch bei der WADA, um die Interessenskonflikte deutlich zu reduzieren, ebenso die Ämterhäufung.“ In einer WADA-Kommission wirkt die NADA-Chefin an der Reform mit. Ende Oktober soll die letzte Sitzung sein: „Dann werden wir sehen, wo Konsens mit den Regierungsvertretern und denen des Sports besteht.“ Unterdessen hielt die Kritik an der WADA an, Russland ohne die vorherige Erfüllung aller Bedingungen die Rückkehr in den Weltsport zu ebnen. Dass diese Rückkehr damit verknüpft wurde, den WADA-Experten bis zum 30. Juni 2019 den Zugang zum Moskauer Analyselabor mit den dortigen Doping-Daten und -Proben zu gewähren, besänftigte wenig. NADA-Chef Michael Cepic glaubt, dass man auch dieses Kriterium aufweichen wird. „Das wird wieder so ablaufen, dass man mit juristischen Trickserien arbeitet, um zu belegen, dass man die Kriterien doch irgendwie erfüllt hat.“ Das sei auch beim weiterhin fehlenden Eingeständnis Russlands, ein staatlich unterstütztes Dopingsystem betrieben zu haben, so gewesen.

Ex-WADA-Chef kritisiert Russlands Begnadigung
Der ehemalige WADA-Generaldirektor David Howman äußerte sich unmissverständlich. Die WADA habe „Geld vor Prinzipien“ gestellt. „Das Mindeste, was man sagen kann, ist, dass ich enttäuscht bin. Man hat den Eindruck, dass man einen sorgfältig gewählten Weg aus pragmatischen Gründen verlassen hat.“ Der Neuseeländer Howman war der WADA von 2003 bis 2016 vorgestanden. Aktuell ist er Vorsitzender der Integritätskommission (AIU) des Leichtathletik-Weltverbandes.

Zufrieden ist naturgemäß der Kreml in Moskau. „Wir bewerten den Beschluss der WADA positiv“, sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow. Es stehe aber noch ein langer Weg bevor, bis sich die Arbeitsprozesse wieder normalisiert hätten.

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