Mi, 19. September 2018

Architekt im Visier

14.08.2018 21:35

„Todesbrücke Versagen der Ingenieurswissenschaft“

Italien steht unter Schock: Der Einsturz einer vierspurigen Autobahnbrücke in der Hafenstadt Genua hat mindestens 35 Menschen in den Tod gerissen. Die im Jahr 1967 eingeweihte Morandi-Brücke auf der Autobahn A10, der berühmten Urlaubsverbindung „Autostrada dei Fiori“, stürzte in mehr als 40 Metern Höhe auf einem zwischen 100 und 200 Meter langen Stück ein. Nach dem Unglück wurde sofort der Zustand der Brücke, die in Italien einst als „Meisterwerk der Architektur des 20. Jahrhunderts“ gefeiert wurde, kritisiert. Bereits vor zwei Jahren warnte Antonio Brencich, Professor an der Universität in Genua und Experte für Stahlbeton: „Von wegen Meisterstück, die Morandi-Brücke ist ein Versagen der Ingenieurswissenschaft.“ Im Visier seiner Kritik steht der bereits verstorbene römische Architekt der Brücke, Riccardo Morandi. Denn auf einem seiner Brückenbauwerke gab es vor einigen Jahrzehnten schon einmal ein ähnlich tragisches Unglück.

Wie die „Süddeutsche Zeitung“ am Dienstag berichtete, hätten in der Vergangenheit mehrere Bewohner von Genua immer wieder gefordert, dass die Brücke neu aufgebaut werden soll. „Es wird der Moment kommen, in dem die Kosten der Instandhaltung höher liegen werden als die Kosten, die Brücke einfach zu ersetzen. Bereits Ende der Neunziger deckten die Ausgaben 80 Prozent über den Baukosten“, erklärte Brencich im Mai 2016 in einem Interview. 

Brückenunglück in Venezuela forderte einst fünf Todesopfer
Im Visier seiner Kritik stand damals wie heute der 1989 verstorbene italienische Architekt Riccardo Morandi. Die Brücke in Genua trägt auch seinen Namen. Laut Brencich hätte Morandi bereits 1957, also zehn Jahre vor jener in Genua, eine ähnliche Brücke in Venezuela geplant. Sein Hauptaugenmerk lag wie später in Genua darin, spezielle Spannseilstrukturen mit isostatischen Balken zu kombinieren. 1962 wurde die General-Rafael-Urdaneta-Brücke über den Maracaibo-See fertiggestellt. Knapp zwei Jahre nach der Eröffnung kollidierte ein Öltanker mit zwei der Brückenpfeiler und ließ diese einstürzen. Fünf Menschen kamen dabei ums Leben. 

„Immer wieder waren Instandhaltungsarbeiten in Genua notwendig“
Dennoch folgten von Morandi noch zwei weitere Brücken in ähnlicher Bauweise. Eine in Libyen und eben jene in Genua. Laut Brencich kam es in Genua bald zu Problemen. „Immer wieder waren umfangreiche Instandhaltungsarbeiten notwendig, in den Neunzigern mussten zusätzlich neue Stahlseile eingezogen werden, um die Brücke zu stabilisieren. Morandi hatte sich verkalkuliert, was mit dem Stahlbeton im Laufe der Zeit passiert.“

Professor: „Unglück hat nichts mit dem Unwetter zu tun“
Als die Brücke am Dienstag einstürzte, lag laut Brencich nicht am starken Unwetter. „Es liegt schlicht an den Verfallserscheinungen“, so Brencich gegenüber dem italienischen Online-Magazin Linkiesta. Es gebe Brücken aus Stahlbeton, die auch nach 100 Jahren nicht repariert werden müssten, so Brencich. „Das System, mit dem Morandi-Brücken baute, hat offensichtliche Probleme. Im Übrigen wird es schon einen Grund geben, warum es auf der ganzen Welt nur drei davon gibt.“

Die Morandi-Brücke ist Teil der Autobahn 10 entlang der Riviera. Das 1967 eingeweihte Bauwerk aus Spannbeton führt über das Polcevera-Tal und überquert den gleichnamigen Fluss, Bahnanlagen sowie Wohn- und Gewerbegebiete. Die vom italienischen Ingenieur Riccardo Morandi (1902-1989) entworfene elegante Schrägseilbrücke gilt als ein Meisterwerk der Architektur des 20. Jahrhunderts. Der etwa 1.100 Meter lange Viadukt wird von 90 Meter hohen Pylonen - drei davon mit Schrägseilen - gestützt.

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