Mi, 17. Oktober 2018

„Krone“-Interview

25.06.2018 06:40

Bullet For My Valentine: „Der Metal ist heute fad“

Eine tiefere Sinnkrise bei Frontmann Matt Tuck führte die walisischen Chartsstürmer Bullet For My Valentine auf völlig neue Pfade. Das diese Woche erscheinende Album „Gravity“ kokettiert nun mit Elektronik und Industrial und soll die Band nach knapp 20 Jahren noch einmal neu definieren. Der Sänger sprach mit uns im Interview ausführlich über die neuen Gegebenheiten und wie er die Freude am Leben trotz aller Probleme wiederfand. 

Bislang ging es für die walisische Metalband Bullet For My Valentine immer steil nach oben. Mit jedem neuen ihrer mittlerweile fünf Alben wurden besser Chart-Platzierungen erzielt, die Hallen füllten sich und vor den Festivalbühnen gab es bei ihren Auftritten stets großes Remmidemmi. Für Sänger Matthew Tuck brach vor etwa zwei Jahren aber sukzessive die Welt zusammen. Die Ehe ging in die Brüche, das gemeinsame Kind stand zwischen den Fronten, dazu verlor er die Lust auf seine Band und die Musik im Allgemeinen. Eine Midlife-Crisis mit depressiven Schüben führte schlussendlich zum am 29. Juni erscheinenden neuen Album „Gravity“, das nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch eine Zäsur für die Band darstellt. Den Breakdowns wurden nur elektronische Klänge und Synthie-Versatzstücke beigestellt, statt ausufernden Soli setzt man auf Simplizität und Ohrwurmtauglichkeit. Das sechste Studioalbum ist für die Fanlieblinge nichts weniger als eine komplette Neuerfindung ihrer Selbst.

„Krone“: Matt, euer neues Album „Gravity“ erscheint nun nach einem langen Entstehungsprozess. Wie fühlt es sich an, das eigene Kind endlich von der Leine zu lassen?
Matthew Tuck:
Es fühlt sich gut an. Wir haben letztes Jahr sehr hart am Songwriting und den Aufnahmen gearbeitet und sind schon seit Jänner unterwegs, um das Album zu bewerben und auch schon zu betouren. Die Wartezeit bis zur Veröffentlichung ist für einen Künstler immer das Schlimmste. Wir haben die Aufnahmen im Dezember abgeschlossen und Ende Juni kommt es endlich raus, aber damit muss man leben.

Mehr denn je habt ihr auf diesem Album auf elektronische Soundelemente gesetzt und werdet damit einige Fans ziemlich überraschen. War das eine bewusste Entscheidung, in diese Richtung zu gehen?
Auf jeden Fall. Nach 15 Jahren und sechs Alben war es an der Zeit, etwas Anderes zu machen. Wir sind als Band mit unserem Stil so weit wie möglich gekommen und fühlten uns bereit dazu, ihn etwas zu adaptieren. Wir haben Musik in der Art noch nie zuvor geschrieben. Die Songs sind  simpler und effektiver, wir haben die technischen Spielereien etwas zurückgestellt. Es ging uns um den Song selbst, ohne dabei zu stark aus unserem Schema auszubrechen.

Bist du der Meinung, ihr wart zuletzt zu verspielt, zu technisch?
Nicht unbedingt, aber nach „Venom“ wollten wir einfach etwas Neues probieren. Wenn man sich dauernd wiederholt und in seinem Käfig festsitzt, kann das eine Band eher gefährden, als Mut zu beweisen und neue Ufer anzusteuern. Wir haben jetzt fünf Alben lang den Metal abgefeiert wie nur was und so war es an der Zeit, anders zu klingen. Etwas kantiger und überraschender und vor allem fernab der Formeln, die wir bislang verwendeten.

Sich selbst als Künstler kreativ herauszufordern, ohne die etablierten Fans zu vergraulen, ist immer ein sehr schwieriges Unterfangen…
Wir waren nie eine Band, die Alben schrieb um jemand anderen als uns selbst zu befriedigen. Das war immer oberste Prämisse für uns. Wenn Leute die Musik einer Band wirklich mögen, dann geben sie ihr auch die Chance, sich zu entwickeln und tragen mutige Entscheidungen mit. Jeder Fan hat seine favorisierte Ära oder sein Lieblingsalbum einer Band, aber so geht es allen. Solange wir gute Songs schreiben, sind wir glücklich. Und diese Songs schreiben wir in erster Linie für uns selbst.

Am Ende wurden auch Linkin Park sehr elektronisch, obwohl sie einmal als Nu-Metal-Band gestartet sind. Ist das ein Weg, den du dir auch für BFMV vorstellen kannst?
Wir versuchen nicht bewusst, Alben unterschiedlich zu machen. Es ist eher eine Frage der Zeit. Das ist nun unser sechstes Werk, wir sind alle älter geworden und hatten somit einfach das Gefühl, ein bisschen außerhalb der Box zu denken. Breakdowns und Doublebass-Einlagen haben wir und nahezu jede andere Metalband in den letzten zehn Jahren fast schon zu Tode exerziert. Wir wollten etwas aus dem Gängigen ausbrechen, uns und unsere Fans herausfordern und die Spannung reinbringen, die vielleicht nicht immer vollständig da war.

Siehst du den Metal selbst ganz anders als noch vor zehn Jahren? Hast du einen anderen Zugang dazu?
Die Metalszene ist gut und auch gesund, sie passt total. Aber es gibt so vieles, was sich komplett gleich anhört und sich permanent wiederholt. Wir wollten einfach nicht in diese Art von Engstirnigkeit hineinfallen, wo du auf gute Ideen verzichtest, weil du dir denkst, als Metalband darfst du das nicht. In erster Linie sind wir Songwriter und keine Metalheads. In den letzten Jahren ist der Metal etwas langweilig und ungefährlich geworden. Ich habe nicht mehr das Gefühl, dass hier eine Form von Frische herrscht. Es fehlt an neuen, aufregenden Ideen. 2005 kamen Bands wie wir, Killswitch Engage, Trivium oder Avenged Sevenfold ins Rampenlicht und das war die letzte wirkliche Revolution. Die Szene war groß, aber sie ist heute etwas ausgelutscht. Auch wenn so mancher über „Gravity“ die Nase rümpfen wird, ist diese Stiländerung wichtig und richtig. Wir haben immer noch harte Parts, es gibt Hymnen und epische Momente. Als Fan der Band wirst du das Album mögen, es wird dir nur anders präsentiert, als du es gewohnt bist.

Befruchtet sich diese Szene mit den von dir genannten Bands selbst? Dass eben die eine oder andere mutig vorangeht und weitere sich denken, dass könne man auch probieren und riskieren?
Nicht so wirklich. Wenn du als Band schon 15 oder 20 Jahre unterwegs bist, musst du einfach ausbrechen. Du hast mit 21 ein ganz anderes Leben, ganz andere Gedanken als heute mit 35. Alles in deinem Leben hat sich geändert und warum sollte das dann ausgerechnet mit der Musik nicht passieren? Natürlich ist der Kontrast zwischen „Gravity“ und dem Debüt „The Poison“ groß, aber das ist ein Teil der Reise und Entwicklung, die man durchmacht. Für Bands ist es essenziell, bunt, vielseitig und nicht formvollendet zu sein. Wenn du einen Backkatalog hast, der nicht komplett gleich klingt, ist das großartig. Natürlich gibt es Bands, die mit Gleichförmigkeit eine Weltkarriere geschafft haben - sieh dir AC/DC an. Aber für uns ist das nichts, wir müssen uns herausfordern und spannend bleiben.

Bedeutet das nicht auch, dass dir viele deiner alten Songs mittlerweile schon richtig auf die Nerven gehen?
Ja, das ist nicht falsch. Wenn wir eine Woche lang proben, dann würde ich manche Songs am liebsten in die Tonne treten, aber sobald du auf der Bühne stehst, setzt sich eine Energie frei, die jeden, auch noch so oft gespielten Song, spannend macht. Jeder Song ist ein Teil der Bandgeschichte und der Form, die diese Band nahm.

Es wird auch zunehmend schwieriger werden, dass du dich mit deinen alten Songs identifizieren kannst, sie für dich in der Gegenwart noch Sinn ergeben.
Ich kann mich ganz gut damit identifizieren und die Fans mögen die Songs noch immer. Es geht ja per se nicht um die Geschichte und das Vergangene, wir schauen immer nach vorne, sind zukunftsorientiert. Auch mit „Gravity“ gehen wir den nächsten Schritt, der uns weiterbringt. So toll die alten Alben auch sein mögen, warum sollten wir sie kopieren? Es würde keinen Sinn machen.

Du hast am Anfang die zunehmende Simplizität der Songs angesprochen. Bist du ständig auf der Sache nach dem eingängigsten Riff und dem größten Ohrwurm?
Genau, es gibt immer um das ideale Songwriting. Nicht um acht Breakdowns, den richtigen Einsatz der Kickdrum oder zehn mutwillig eingestreute Soli. Es geht um die Kunst, einen großartigen Song zu schreiben, in dem du dich unter Kopfhörern verlieren kannst. Das ist mit technischem Metal sehr schwierig und auch deshalb wollten wir etwas raus. Natürlich lieben Metalheads den Lärm, aber dieses Mal war es mir einfach wichtig, meinen Fokus auf das musikalische Ganze zu lenken und die Texte so zu schreiben, dass der Hörer sofort eine Verbindung dazu findet. Ich habe die Scheinwerfer bewusst von all dem Zeug, das sich um den Song an sich befindet, abgewendet, um auf das Wesentliche zu verweisen. Ich bin überzeugt davon, dass das für ein gutes Album von essenzieller Bedeutung ist.

Das Album ist textlich so persönlich und intim wie kein anderes von euch davor. Was soll der Terminus „Gravity“ an sich aussagen?
Das Album dreht sich um mich und was ich die letzten Jahre durchlebt habe. Ich hatte einen emotionalen Zusammenbruch und unglücklicherweise ging meine Ehe in die Brüche. Ich habe eine Familie und einen kleinen Sohn und all das hat mich extrem mitgenommen. Bis Dezember 2016 waren wir auf Tour und dann brach alles über mich ein und ich verfiel in eine sehr dunkle, depressive Phase. Ich hatte keine Motivation mehr, überdachte sogar meine Rolle in der Band und die Band selbst. Es war einfach eine Scheißsituation und das habe ich auf diesem Album sehr detailliert bis zur Gegenwart verarbeitet. Man muss nicht so viel erklären, weil die Songtitel an sich sehr klar sagen, worum es geht. Das Album ist eine kongruente Geschichte, die sehr direkt und ehrlich erzählt wird.

Es muss doch verdammt schwierig sein, diese sehr intimen Probleme derart klar in die Öffentlichkeit zu tragen?
Das ist in der Tat schwierig, denn ich will die Menschen auch nicht an meinem Privatleben teilhaben lassen. Du musst dir sehr klar sein, was du von dir preisgibst, denn diese Songs spielst du bestenfalls dein ganzes Leben lang. Ich bin aber kein Übermensch, wie es oft den Anschein macht. Für viele Leute bin ich der coole Rockstar mit der Flying V auf der Bühne, aber abseits dieser  Stunde pro Abend bin ich ein ganz normaler Typ wie jeder andere auch. Ich durchlebe die gleichen Scheißphasen wie jeder andere und wenn etwas danebengeht, dann schmerzt es.

Die meiste Zeit wirst du eine sehr klare Vision davon haben, was du mit deinen Songs ausdrücken willst. Ist es gerade bei so persönlichen Stücken hart, wenn die Leute sich ihre eigene Interpretation davon zusammenreimen?
Es ist, was es ist, das kannst du nicht ändern. Ich habe die Songs so direkt geschrieben, dass ich überzeugt davon bin, dass die Leute sofort verstehen, worum es geht und nicht viel Interpretationsspielraum übrigbleibt. Bei jedem gehen Beziehungen in die Brüche, werden Jobs hinterfragt oder kommen dunklere Zeiten auf. Genau das sage ich, nur eben aus meiner persönlichen Perspektive heraus. Ich glaube, dass sich viele Menschen gut mit den Songs identifizieren können und ich will den Leuten einen Einblick in mein Leben gehen. Ich bin nicht dieser unbesiegbare Marvel-Charakter, sondern sehr verletzlich. Es war unglaublich hart, dieses Album zu schreiben, aber jetzt blicke ich mit Stolz darauf zurück, da mir damit ein großer Brocken von den Schultern fiel.

Befürchtest du nicht, dass diese Songs dich negativ beeinflussen können, wenn du sie über viele weitere Jahre hinweg immer wieder live spielen wirst?
Das ist aber okay, denn so läuft das Leben. Das ist ein Teil meiner Reise und auch der Reise unserer Band. Wenn ich diese neuen, sehr persönlichen Songs bald auf den großen Hallentouren und nächstes Jahr auf den Festivalbühnen spielen werde und 20.000 Kehlen mitsingen, dann weiß ich, dass ich etwas richtiggemacht habe. Natürlich drehen sich die Songs um dunkle Zeiten und hässliche Erinnerungen, aber wenn mir Tausende Menschen wie unlängst beim Nova Rock oder bald im Wiener Gasometer vertrauen und dann vielleicht schon mitsingen, dann wird diese Dunkelheit zu etwas Tollem und Positivem.

War die Arbeit an „Gravity“ für dich therapeutisch und hilfreich?
Am Ende war es das, aber anfangs habe ich beim Schreiben der Texte wenig Positives gefunden. Heute habe ich eine andere Perspektive darauf und kann sagen, dass das Album zu schreiben schon allein deshalb wichtig war, um mir selbst Erleichterung in meinem Leben zu verschaffen.

Hast du dir aufgrund des sehr persönlichen Zugangs auf „Gravity“ nie überlegt, vielleicht ein temporäres Soloprojekt daraus zu machen oder es unter eigenem Namen zu veröffentlichen?
Nein, das war kein Thema. Die Band ist eine gut geölte Maschine und seit meinem 20. Lebensjahr ein wichtiger und entscheidender Teil meines Lebens. Auch wenn die Texte sehr persönlich sind, ist die Band eine Einheit, die so zusammenpasst. Ich hatte früher immer Probleme damit, Texte wirklich aus dem Herzen heraus auf Papier zu bringen und sie dann zu singen. Das klappte erst, als mein Leben eine negative Wendung nahm. Dann dachte ich mir, dass es eh schon egal sei und ließ meine Gedanken raus. Das war ein wichtiger Wendepunkt in meinem musikalischen Leben.

Viele Leute sehen euch als die großen modernen Retter des britischen Heavy Metal, denn nach den alten Größen wie Iron Maiden, Judas Priest oder Saxon kam wenig in ähnlicher Popularität nach. Wie gehst du mit diesem Nimbus um und wie sehr beschäftigt dich diese Einstellung als Musiker?
Im selben Atemzug mit diesen großen Bands genannt zu werden, ist immer ein großes Kompliment. Mit Iron Maiden zu touren wäre genial, aber so groß kann heute kaum mehr eine Band werden. Wichtig ist primär, das zu tun, was einen glücklich macht und erfüllt. Das tun wir mit Bullet For My Valentine seit langer Zeit und deshalb fühlen wir uns auch so wohl. Maiden spielen gerade die „Legacy Of The Beast“-Tour und sind stärker als je zuvor. Auch wir haben uns solche Bands immer als Vorbilder genommen, um ihren Pfad zu beschreiten und mit eigenen Klängen und Visionen weiterzuführen.

Wie stolz bist du darauf, dass Bullet For My Valentine mittlerweile längst eine Band sind, zu der andere junge Musiker aufschauen? Die sie selbst als Inspirationsquelle für sich heranziehen.
Das ist einfach großartig. Ich weiß wie sich das anfühlt, denn auch ich wollte in erster Linie Musiker werden, weil mich Metallica packten. In erster Linie verlieben sich die Menschen in einen bestimmten Song, wollen im besten Fall selbst eine Gitarre in die Hand nehmen und selbst etwas Ähnliches kreieren. Das ist das Großartige an Musik und deshalb geht es immer weiter. Es gibt mittlerweile alle Generationen von Rockern und Metalheads und wenn wir die Macht haben, andere Bands zu inspirieren und ihnen die Lust am Musizieren zu vermitteln, ist das ein wunderbares Kompliment.

Ist dieser neu eingeschlagene, elektronische Teil eurer Historie nachhaltig, oder wird das nächste BFMV-Album nach „Gravity“ wieder total anders klingen?
Wer weiß das schon? Drei Jahre sind für eine Band eine verdammt lange Zeit. Da kann so gut wie alles passieren. In erster Linie werden wir weiterhin das tun, was wir wollen, alles andere ergibt sich von selbst. „Gravity“ ist ein verdammt starkes Album. Es klingt komplett anders als alles andere bisher, aber das macht es nicht schwächer. Manchmal muss man im Leben Risiken eingehen, um weiterhin glücklich mit sich selbst zu sein.

Live in Wien
Bullet For My Valentine spielen ihre großen Hits und Songs des neuen Albums „Gravity“ am 2. November im Wiener Gasometer. Karten für das Konzert erhalten Sie unter www.musicticket.at. 

Robert Fröwein
Robert Fröwein

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