Sa, 20. Oktober 2018

Obdachlose in Wien

02.01.2018 14:55

"Ein Leben auf der Straße sucht sich niemand aus“

Tausende Menschen in Österreich sind obdachlos. Vor allem im Winter wird das Leben auf der Straße zum Kampf. Abenteuer-Romantik? Fehlanzeige!

Rauschebart, dick eingepackt, mit Sachen beladen: Nein, die Rede ist nicht vom Weihnachtsmann. "In Wien sagt man Sandler dazu", erzählt Dieter, während wir durch den Wiener Hauptbahnhof gehen. "Und so schauen nur die aus, die sich aufgegeben haben. Wir wollen nicht erkannt werden." Die Rede ist von Menschen, die auf der Straße leben.

Ein Leben im Verborgenen
"Wir" sagt Dieter, weil er einmal einer von ihnen war. Wenn er heute im Zuge der "Shades Tours" Touristen und Schülern eine andere Seite Wiens zeigt, dann weiß der 48-Jährige, wovon er spricht. Und er weiß auch, dass das Klischee vom "Sandler“, der betrunken und ungewaschen auf der Parkbank schläft, nur auf wenige zutrifft: "Das Letzte, was du verlierst, ist die Scham. Deshalb leben weit über 90 Prozent der Obdachlosen in Wien im Verborgenen." Wie geht das?

Der tägliche Kampf um einen sauberen Platz
"In der Gruft zum Beispiel gibt es den ganzen Tag Essen. Es gibt Einrichtungen mit Waschgelegenheiten für sich selbst und Kleidung, medizinische und psychologische Versorgung und sogar ehrenamtliche Frisöre – in Wien muss niemand hungern oder frieren." Mit Abenteuer-Romantik hat das dennoch nichts zu tun.

"Es ist ein beinharter Kampf. Immer auf der Straße, bei Schnee und Regen, und auf der Suche nach einem sauberen, trockenen Platz." Bevor wir den Hauptbahnhof verlassen, bittet Dieter uns, zu schauen, ob wir einen Obdachlosen sehen. Auf den rund 60 Metern bis zum Ausgang kommen wir an diesem Vormittag an nicht mehr als 40 Menschen vorbei. "Fünf waren's", sagt Dieter, als wir draußen sind. Erkannt hätte ich keinen einzigen.

Melanie Leitner, Kronen Zeitung

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