Mi, 13. Dezember 2017

"Krone"-Interview

10.05.2017 16:46

Tommy Thayer: Das Ron Wood-Schicksal von KISS

Obwohl Tommy Thayer seit mittlerweile 15 Jahren Gitarrist bei der US-Rocklegende KISS ist, gilt er immer noch als "der Neue". Wir haben uns den sympathischen Musiker zum Interview geschnappt, und nicht über haltlose Vorurteile und an den Haaren herbeigezogenen Gerüchten gesprochen, sondern auch über seinen Status als KISS-Fan und die Tücken eines semieerfolgreichen Golfers. Am 21. Mai spielen KISS live in der Wiener Stadthalle.

"Krone": Tommy, am 21. Mai seid ihr endlich wieder in Österreich zu sehen, wenn ihr in der Wiener Stadthalle rocken werdet. Was dürfen wir uns von der Show erwarten?
Tommy Thayer: Auf jeden Fall die größte und böseste Rockshow, die Österreich seit langer Zeit gesehen hat. Zumindest seit wir das letzte Mal da waren. (lacht) Es wird eine Show, die KISS seit mehr als 40 Jahren an der Spitze hält, mit all dem Bombast, dem Glanz und den Effekten. Es gibt auch viel Pyrotechnik und eine dynamische Produktion.

Stimmt es, dass ihr die Kostüme der "Creatures Of The Night"-Tour verwendet?
Für die diesjährige KISS-Cruise haben wir "Creatures Of The Night" als Thema verwendet. Wir hatten neue Outfits, die stark an 1982 erinnern sollten. Lasst euch einfach überraschen.

Du warst selbst schon sehr oft in Österreich und speziell in Wien zu Gast. Denkst du an etwas ganz besonders gerne zurück?
Dieses Land hat so viel Geschichte und ist wunderschön. Das Riesenrad in Wien fällt mir immer als erstes ein, aber auch die großartigen Restaurants und diese unheimliche Menge an Kultur kommen mir in den Sinn. Ich habe nur gute Erinnerungen an Wien. Als wir das letzte oder vorletzte Mal bei euch waren, hatten wir am Sonntag frei und schauten uns im Hotel das US Open-Golfturnier im Fernsehen an. Wir haben uns Essen liefern lassen und eine Party gefeiert - ich bin ja selbst passionierter Golfer.

Das ist hinlänglich bekannt. Bist du mittlerweile auf einem Level mit dem vielleicht berühmtesten und besten Golfer des Rockzirkus, Alice Cooper?
(lacht) An Alice komme ich nicht vorbei. Der spielt jeden Tag, während ich ungefähr einmal pro Monat dazu komme. Wir haben schon oft zusammen gespielt und hatten viel Spaß. Er kam unlängst nach Portland, Oregon, wo wir mit KISS für ein Militärmuseum unserer Kriegsveteranen Spenden sammelten. Das Museum ist nach meinem Vater Brigadier General James B. Thayer benannt und Alice war einer der Gäste, den ich einlud und der sofort zusagte.

Gibt es noch andere berühmte harte Nüsse, die du am Golfplatz knacken musst?
Natürlich. Es gibt viele Musiker, die Golf mögen. Don Felder von den Eagles zum Beispiel, auch Robbie Krieger, der legendäre Doors-Gitarrist ist ein guter Freund, mit dem ich mich oft am Green messe.

Du bist mittlerweile 15 Jahre am Stück Gitarrist in KISS. Noch nicht einmal Ace Frehley oder Bruce Kulick waren so lange in der Band wie du…
(lacht) Unglaublich oder? Trotzdem sagt jeder immer, ich wäre der Neue. Der Ron Wood von KISS. Aus irgendeinem Grund wird sich das wohl nie ändern, aber ich finde es selbst witzig.

Wie ist die Verbindung zwischen dir, Gene Simmons, Paul Stanley und Eric Singer heute?
Die Verbindung ist ungewöhnlich und außergewöhnlich. Viele Bands brechen auseinander, weil sie nicht miteinander klarkommen. Künstler und Kreative sind bekanntermaßen emotionaler und sensitiver als andere Menschen. Bei uns klappt aber alles perfekt. So wie letztens eben bei dieser Spendensammlung, wo die anderen Jungs am Ende auf die Bühne sprangen und wir als Überraschung spontan ein paar Songs zockten und ein großes Finale boten.

Bevor du KISS-Gitarrist wurdest, warst du bereits in der Coverband Cold Gin engagiert. Was machte KISS für dich schon immer zur besten Band der Welt?
KISS waren so cool, dass sie der Grund waren, dass ich mit ungefähr 13 begann Gitarre zu spielen. Das war in den frühen 70er-Jahren. Ich liebe ihre Musik und den Sound der 70er-Jahre-Rockbands im Allgemeinen. Black Sabbath, Deep Purple, KISS, Led Zeppelin oder Bad Company waren meine großen Helden. Ich wollte so Gitarre spielen wie sie und habe versucht, meinen Look anzupassen. KISS waren für mich schon immer die beste und wichtigste Band. Im Februar 1974 erschien ihr Debütalbum und ich bekam es dann zu Weihnachten.

Was geht in dir vor, wenn du dir das Spaceman-Make-Up aufsetzt und kurz davor stehst, auf die Bühne zu gehen?
(lacht) Es ist der schönste Moment, weil er so einzigartig ist. Ich weiß, dass es da draußen Millionen Menschen gibt, die gerne an meiner Stelle wären und mit dem Make-Up auf die Bühne möchten und ich habe diese Möglichkeit. Ich weiß, welches Glück das ist - ein magischer Moment.

Was ist dein Lieblingsmoment während einer KISS-Liveshow?
Der Anfang, weil er so bombastisch ist. Manchmal kommen wir von oben mit den Hebebühnen herab, bevor der erste Song startet und du siehst dabei die Leute im Publikum durchdrehen. Es ist so viel Fröhlichkeit im Saal, so viel Dynamik und Kraft.

Bist du nach 15 Jahren in der Band immer noch gleich aufgeregt, wenn du die Bühne betrittst?
Das hat sich nur noch gesteigert. Je länger ich in der Band bin, umso selbstsicherer werde ich und umso mehr fühle ich mich als wichtiger Teil von KISS und nicht nur bloß als Ersatz für jemand anderen, wie es anfangs oft war. Das Touren und Livespielen mit KISS bedeutet mir heute mehr als je zuvor.

Viele Hardcore-KISS-Fans werden immer nur Ace Frehley als Gitarrist und "Spaceman" akzeptieren. Stehst du da mittlerweile drüber, oder kann dich diese Haltung noch verärgern?
Ich kann das durchaus verstehen, ich bin ja selbst seit 1974 ein großer Fan von KISS und Ace. Jeder Mensch hat seine magischen Momente im Leben, mit denen er eine bestimmte Band mit einem bestimmten Line-Up und bestimmten Songs verknüpft - auch wenn das vielleicht schon 40 Jahre zurückliegt. Mich ärgert das nicht, weil ich mich in diese Menschen versetzen kann. Das macht KISS doch auch großartig. Es gibt so viele verschiedene Epochen dieser Band und heute ist sie noch immer auf Welttournee unterwegs. Wir spielen Riesenshows wie bald in Wien und erfreuen dabei auch so manch jungen Fan, der von KISS vielleicht noch nicht einmal was gehört hat, weil es ihn damals noch gar nicht gab. Es ist schön zu sehen, welche Emotionen wir in 15- oder 16-Jährigen auslösen können.

KISS ist seit jeher führend, wenn es um die eigene Vermarktung geht. Gene hat unlängst entschieden, Luftgitarrensaiten zu verkaufen. Was denkst du über solch verrückte Einfälle?
(lacht) Es ist okay, eine nette Idee, warum auch nicht? Ich selbst bin mehr an der Musik, der Band und unserer Performance interessiert. Lass uns nicht den Kern vergessen - und das ist eine legendäre Rock-'n'-Roll-Band. Ich habe diese Sichtweise niemals verloren. Die Sache mit dem Merchandise obliegt Gene und offenbar gibt es einen Markt für all diese Sachen. Ich war niemals ein Sammler, habe weder KISS-Memorabilia, noch solches von anderen Bands gesammelt. Ich bin total auf den Hauptteil unseres Jobs fokussiert.

In den letzten 15 Jahren hat sich das Musikgeschäft radikal verändert. Was sind denn für dich die ärgsten Unterschiede zwischen deinem Start bei KISS 2002 und der Gegenwart heute?
Einerseits ist man die gleiche Person, andererseits reift man aber auch und entwickelt sich. Ich fühle mich viel wohler und sicherer bei KISS als je zuvor. Der größte Druck ist von mir abgefallen.

Du hast schon öfters angedeutet, dass es die Möglichkeit eines neuen KISS-Studioalbums gibt. Wie ist die derzeitige Lage?
Um ehrlich zu sein, liegt das ganz in den Händen von Paul und Gene. Ich würde das gerne machen und liebe es, neue Songs zu schreiben und aufzunehmen. Für die Fans wäre das sicher toll, andererseits benötigt das aber auch viel Zeit und man muss heute hinterfragen, ob das Albumkonzept nicht veraltet ist. Keiner will mehr für Musik bezahlen und hat die Geduld, sich ein ganzes Album anzuhören. Wenn du sechs Monate daran arbeitest, musst du heute schon glücklich sein, wenn du 100.000 Stück davon absetzen kannst. Das Streamen frustriert dich als Künstler und manchmal überlege ich, ob es das alles noch wert ist.

Dann könntet ihr ja zumindest mit ein paar Singles um die Ecke kommen…
(lacht) Wer weiß? Vielleicht macht das wirklich mehr Sinn, vor allem wenn es mit einem Film oder einer Fernsehwerbung zusammenschließen kann.

Es gibt nicht so viele Bands wie KISS, die schon so lange im Geschäft sind und mit "Sonic Boom" und "Monster" zwei wirklich gute neue Alben veröffentlicht haben. Du warst auch ein integraler Bestandteil des Songwritings auf beiden Alben. Wie viel Freiheit hast du neben den zwei Flaggschiffen Gene und Paul?
Das sind natürlich zwei große Persönlichkeiten. (lacht) Das Gute an beiden ist, dass sie mir immer sehr unterstützend zur Seite standen und mir alle möglichen Freiheiten ließen. Natürlich ist das in erster Linie ihre Band, aber sie lassen mir wirklich viel kreativen Freiraum und sind meinen Ideen gegenüber sehr offen. Ich habe auf beiden Alben an sehr vielen Songs geschrieben - auf "Monster" waren es ungefähr zehn Nummern. Wahrscheinlich mehr, als bei Gene. Das müsste ich aber noch einmal nachprüfen. (lacht)

Was ist das schlimmste Gerücht, das jemals über dich in Umlauf gebracht wurde?
Jesus, im Internet liest man wirklich viel Scheiße, daran kommst du gar nicht vorbei. Manchmal ist das so absurd, dass du selbst darüber lachen musst. Jeder Mensch, der auch nur irgendwie im Licht der Öffentlichkeit steht, wird dort vorgeführt und abgeschlachtet. Das ist mehr eine Reflektion an den Geist dieser Menschen als an dich selbst. Sobald jemand frustriert ist oder sich in seinem Leben nicht von der Stelle bewegt, wird er im Netz seiner Wut freien Lauf lassen und alles beschimpfen, was nicht niet- und nagelfest ist. Um ehrlich zu sein, kann ich mich aber nicht wirklich beschweren. Es ist alles ganz okay, ich habe mit keinem Gerücht ein großes Problem.

Musstest du jetzt die Häuser von Paul und Gene streichen, um ein Teil von KISS werden zu dürfen?
(lacht) Diese Dinge werden im Netz so lange breitgetreten, bis sie ein absolutes Eigenleben entwickeln. Vor ungefähr 25 Jahren habe ich das erste Mal für die KISS-Organisation gearbeitet und ich half Paul, ein paar Zimmer auszumalen. Das andere Gerücht, dass ich bei Genes Haus die Regenrinnen geputzt hätte, das stimmt einfach nicht. Vielleicht können wir ein für alle Mal damit aufräumen. (lacht) Er fragte mich bloß, was er zu tun hätte und ich gab ihm einen Rat.

Was war dein bester, memorabelster Moment in deiner Karriere bei KISS?
Da gibt es so viele, das ist wirklich schwierig zu sagen. Ewig in Erinnerung bleibt mir sicher der Gig vor drei Jahren in Buenos Aires. Das war am 7. November, ich hatte Geburtstag, und wir spielten vor ungefähr 60.000 Menschen. Paul hat allen verraten, dass ich an diesem Tag Geburtstag hätte und das ganze Stadium hat mir "Happy Birthday" gesungen. Ich kenne nicht viele Leute, denen diese Ehre von 60.000 Menschen zuteilwurde. (lacht) Das war ziemlich cool.

KISS spielen am 21. Mai in der Wiener Stadthalle und auch das garantiert, ziemlich cool zu werden. Weitere Infos und Karten erhalten Sie unter 01/588 85-100 oder unter www.ticketkrone.at. Unser aktuelles Interview mit KISS-Mastermind Gene Simmons können Sie HIER nachlesen.

Robert Fröwein
Redakteur
Robert Fröwein
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