Sa, 25. November 2017

Ereignis im Happel

20.05.2016 01:53

AC/DC: Die magische Auferstehung des „Rock-Jesus“

Fans waren unsicher, erbost oder schlimmstenfalls schockiert - nachdem AC/DC-Sänger Brian Johnson aufgrund eines Hörsturzes die Tour absagen musste, rückte Guns-N'-Roses-Skandalnudel Axl Rose nach. Doch die US-Rocklegende erwies sich zur Überraschung aller als mindestens würdiger, wenn nicht sogar bahnbrechender Ersatz. So auch Donnerstagabend vor etwa 50.000 Fans im Wiener Ernst-Happel-Stadion, wo die Australier eine mehr als zweistündige Rock-Dominanz boten und sich selbst souverän am Genre-Olymp festkrallten.

Autogramm- und Fotojäger waren enttäuscht. Bereits zwei Tage vor dem famosen Gig schlugen AC/DC in der Bundeshauptstadt ihre Zelte auf und ließen sich in unregelmäßigen Abständen blicken. Nicht aber Axl Rose, der für den an drohender Taubheit leidenden Brian Johnson eingegliederte Sänger, der mit Guns N' Roses Musikgeschichte schrieb und nach mehr als einer Dekade stimmlicher Durchschnittlichkeit wieder seinen etatmäßigen Platz am rockigen Gesangsthron eingenommen hat. Posierte der mit gebrochenem Mittelfußknochen lädierte Rose in den Städten zuvor noch vor Fast-Food-Tempeln und düste mit seinem Scooter durch die Stadt, verschanzte er sich in Wien für die volle Länge in seinen Gemächern des noblen Park Hyatt in der Innenstadt.

Auferstehung des "Rock-Jesus"
Doch schon nach den ersten Klängen des eröffnenden "Rock Or Bust" war klar, warum sich der 54-Jährige in der Öffentlichkeit rar gemacht hat. Auf der fünften von insgesamt nur zwölf Europa-Tourstationen ist Rose in Wien nämlich endlich wieder per perdes unterwegs und füllt seine Rolle als Rockgott an der Front der kommerziell erfolgreichsten Rockband dieses Planeten bravourös aus. Statt Shoppen in der Innenstadt oder Autogrammeschreiben stand somit wohl harte Physiotherapie am Plan - der auf seinem linken Fuß immer noch mit Gips umwickelte Frontmann beschert den rund 50.000 Fans sogar eine Europa-Premiere. Die Auferstehung des "Rock-Jesus" deutete sich zwar schon mehrmals an, wurde aber erst hier Realität.

Diesen körperlichen Vorteil hätten AC/DC aber gar nicht gebraucht, denn nach dem eher mediokren Rekordauftritt vor etwa 115.000 Fans im steirischen Spielberg 2015 zeigten sich die Australier im Happel-Stadion so frisch, motiviert, eingespielt und vor allem humorig wie schon lange nicht mehr. Nach dem feurigen und mit allerlei Videoeinspielungen verzierten Intro marschiert Axl beim Opener "Rock Or Bust" bereits erstmals stolz wie ein Pfau über die Bühne und gibt bereits erste Versatzstücke seiner Stimmvariabilität zum Besten. Noch vor wenigen Jahren krächzte sich die Diva mehr schlecht als recht durch Guns-N'-Roses-Songs und fiel vor allem durch massive Verspätungen und Sauerstoffpausen auf, nun zeigt sich der Amerikaner fast so fit wie zu seinen allerbesten Zeiten.

Stärke und Ehrfurcht
Besonders gut gelingen Rose dabei die Songs aus der Bon-Scott-Ära, die zur Freude vieler Fans durch die erzwungene Personaländerung wieder Einzug in die Setlist gehalten haben. "Shot Down In Flames", "Rock'n'Roll Damnation" oder der Kultklassiker "High Voltage" funktionieren mit Axls Stimme hervorragend, seine absolute Höchstleistung kann er beim rifflastigen "Dirty Deeds Done Dirt Cheap" und dem Headbanger "Hell Ain't A Bad Place To Be" abrufen. Der mit Schlapphut, Bandana und schwarzer Lederjacke ausgestattete Frontmann ist zudem auch körperlich in guter Form und zeigt maximal bei der Stimmvariation leichte Schwächen. In puncto tonaler Vielseitigkeit ist die Skala noch oben hin noch offen, doch die vielen Proben und die Ehrfurcht, die Rose als großer Fan vor seinen neben ihm musizierenden Heroen besitzt, tun ihr Übriges, um die Show vom Einheitsbrei der letzten Jahre herauszuheben.

Neben optischen Konstanten wie der großen Gummipuppe "Rosie", den Kanonenschlägen beim abschließenden und mit einem irren Angus-Young-Solo veredelten "For Those About To Rock (We Salute You)" und dem obligatorischen Konfettiregen auf dem Ende des Mittelbühnenstegs haben "Axl/DC" auch Überraschungen parat. So etwa eine variable Setlist, die es bei den Australiern letztmals zum Sankt Nimmerleinstag gab. Dadurch kommt das Wiener Publikum in den Genuss des selten zelebrierten "If You Want Blood (You've Got It)" und darf sich am "Powerage"-Klassiker "Riff Raff" laben, das zuletzt 1979 Einzug ins Liveprogramm hielt und extra für diese Tour entstaubt wurde. Der in grüner Schuluniform über die Bühne tänzelnde Angus wirkt dabei juvenil und angeregt wie schon seit Langem nicht mehr.

Bitte um Fortsetzung
Von "Angus und Coverband" ist weit und breit nichts zu sehen. Die Mischung aus einem der populärsten Rockgitarristen der 70er-Jahre und dem wohl besten Rock-Sänger der 80er-Jahre erweist sich als überraschender Goldgriff und wäre in dieser Qualität anfangs nicht denkbar gewesen. Als sich Rose zum Zugabenteil mit weißer Lederjacke und Sonnenbrille gen "Highway To Hell" bitten lässt, hat man kurzzeitig sogar den talentierten Jungspund vor Augen, der mit "Paradise City" oder "Nightrain" den einst sterbenden Hard Rock fast im Alleingang am Leben hielt. Wien erlebte an diesem Tag ein kräftiges Stück Rockgeschichte - bleibt zum Abschluss nur die Frage: Quo vadis, AC/DC? Hoffentlich in eine weiterhin glorreiche Zukunft. Gerne auch als "Axl/DC", denn dieses All-Star-Konglomerat erweist sich tatsächlich als unerwartete Frischzellenkur für ein darbendes Genre.

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