Sa, 21. Oktober 2017

"Krone"-Ombudsfrau

12.09.2015 08:00

Auf der Suche nach einem sicheren Ort

60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht, nur selten kommen auch die Alten mit, sie wollen niemandem mehr zur Last fallen. Ein Besuch der Rotkreuz-Projekte in Jerewan/Armenien.

Im Zweiten Weltkrieg war Elena Soldatin, hat in der russischen Armee gedient. Stolz zeigt sie auf vergilbten Fotos die Medaillen, die sie für ihre Verdienste einst bekommen hat. Die Medaillen hat sie zurückgelassen, wie auch ihr sonstiges Hab und Gut. Heute ist sie selbst Kriegsflüchtling. Geflohen während des Krieges zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Region Berg Karabach. Andere kommen aus dem syrischen Aleppo.

So wie sie werden weitere 120 alte Flüchtlinge in einem verfallenen Fabriksgebäude untergebracht. Wer kann, telefoniert mit den Verwandten, die zu Hause geblieben sind. "Ich höre meine Schwester dann minutenlang nur weinen. Ich habe Glück, hier zu sein."

Lebensende in der Fremde
Die Integration von Flüchtlingen und Familien wird auch in der Kaukasus-Region, wie hier in Armenien, zur großen Herausforderung. Doch das Land nimmt die Flüchtlinge wohlwollend auf und bietet ihnen die Möglichkeit, sich permanent niederzulassen, was wohl auch an der gemeinsamen Geschichte liegt. Die meisten Flüchtlinge sind Nachkommen jener Armenier, die vor 100 Jahren vertrieben wurden. Das Österreichische Rote Kreuz unterstützt in Zusammenarbeit mit der ADA (Austrian Development Agency) Projekte zur Entwicklungszusammenarbeit.

Trotz 25% Arbeitslosigkeit im Land dürfen die Flüchtlinge in Jerewan arbeiten. Die Arbeit gibt ihnen nicht nur die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, sondern auch das Gefühl, gebraucht zu werden. Um eine Lebensgrundlage zu schaffen, bekommen 80 Familien Ausbildung und Ausrüstung. So erhalten zum Beispiel gelernte Bäcker Öfen als Grundlage für den Start ins Geschäftsleben. Weitere Schwerpunkte der Unterstützung sind die Verteilung von Winterkleidung, Haushaltsutensilien und Hygieneartikel. Menschen, die unter chronischen Erkrankungen leiden, werden mit Medikamenten versorgt, dem Aufbau und der Umsetzung von Besuchsdiensten wird große Bedeutung beigemessen.

So kümmern sich engagierte Rotkreuz-Freiwillige um die betagten alten Menschen, besuchen sie mehrmals die Woche. Wir treffen ein altes Ehepaar, beide sind über 90 Jahre alt. Seit vier Jahren haben sie den etwa zehn Quadratmeter großen Raum aufgrund ihrer Gebrechlichkeit nicht mehr verlassen können. Sie leben in der Erinnerung an ein langes, mühevolles Leben auf einer Landwirtschaft. Und doch sieht man ihre Augen leuchten, spürt die Bilder und Geschichten, die lebendig werden, wenn sie von "früher" erzählen. Im Winter sinken die Temperaturen im Raum bis auf -25 Grad, der kleine Ofen wird dann für zwei bis drei Stunden aufgedreht, nach wenigen Minuten ist es wieder kalt. In der Nacht muss die Decke ausreichen.

Die jungen Freiwilligen sind die Stütze der Rotkreuz-Arbeit, auch hier im Kaukasus. Susa ist 22 Jahre, am liebsten will sie Schauspielerin oder Sängerin werden. Zweimal jede Woche kommt sie in das verfallene Gebäude am Rande der Stadt, widmet sich mit aller Hingabe und großer Empathie den alten Menschen. "Jedes Mal, wenn ich hierherkomme, gehe ich am Abend dankbar nach Hause! Diese Menschen blicken auf ein reiches Leben zurück, es ist ein Geschenk, ihnen zuhören zu dürfen. Was bleibt am Ende?" Die jungen Helferinnen widmen sich geduldig den alten Menschen und schenken mit ihrer Zeit und Zuwendung das für die Seele Unentbehrliche – die Würde zu behalten!

Die Jungen helfen den Alten
Thea ist 82 Jahre, unverkennbar auch heute eine Dame. Ihr gepflegtes Äußeres, der rote Lippenstift wirken in dieser Umgebung fast wie ein krasser Gegensatz, und doch zeigen diese scheinbaren Details ihren Überlebenswillen. Als sie hier kürzlich ihren 82. Geburtstag feierte, hatte sie an die freiwilligen Helfer nur einen Wunsch: Die jungen Mädchen mögen ihr einen roten Nagellack besorgen und ihr die Fingernägel lackieren. Die eleganten Schuhe mit hohem Absatz, die sie früher gesammelt hat, sind längst verschenkt, denn ihre Füße sind heute dick geschwollen, sie kann nur noch schwer aufstehen.

"Oft geben uns die Alten wertvolle Ratschläge für unser Leben", erzählt Susa, "heute habe ich ihr von einem Streit mit meinem Freund erzählt, sie hat mir lange zugehört, genickt und dann gesagt: 'Liebeskummer lohnt sich nicht.' Dabei hat sie gelächelt wie ein junges Mädchen."

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