Mo, 20. November 2017

„Krone“-Interview

19.07.2015 18:40

Beth Hart: „Ich verlor den Willen zu leben“

Standing Ovations und nicht enden wollender Jubel im Wiener Konzerthaus - die Kalifornierin Beth Hart legte im April eine beeindruckende Show aufs Parkett und bewies eindrucksvoll, dass sie die Dämonen der Vergangenheit hinter sich gelassen hat. Musik statt Drogen und glückliches Beziehungsleben statt Selbstzerstörung lautet die Devise - die sie im ehrlichen "Krone"-Interview genauer erläuterte.

Sie passt so gar nicht in die perfektionierte Welt der weiblichen Populärmusik. Ihr rauer Blues mit Soul-Zitaten und der hervorstechenden Liebe für den Funk kämpft erfolgreich gegen all das, was im modernen Chartgeschäft en vogue ist. Doch Beth Hart ist keine marketinggerechte Madonna, sondern vielmehr eine zeitgemäßge Inkarnation der 70s-Blues-Legende Janis Joplin - mit erschreckenden Parallelen im Lebenslauf. Doch im Gegensatz zu Jahrhundertstimme Janis hat Beth den Weg aus dem Drogensumpf gefunden, in dem sie jahrelang watete und der sie fast nicht nur Karriere und Familie, sondern auch beinahe das Leben gekostet hätte.

Die 43-Jährige leidet zudem an einer bipolaren Störung, was das Miteinander mit anderen Menschen zeitweise erheblich erschwert. Doch dank ihres treuen Ehemanns Scott Guetzkow und den Erfolgen mit ihrer Musik steht Hart mittlerweile mit beiden Beinen fest im Leben, hat die harten Drogen endgültig hinter sich gelassen und befindet sich derzeit dort, wo sie bereits in den 90er-Jahren stand - auf dem Weg steil nach oben. Auf dem Album "Better Than Home" zeigt sie endgültig, dass sie auch ohne ihren musikalischen Star-Partner Joe Bonamassa den verdienten Weg an die Spitze antreten kann.

"Krone": Beth, ich will gleich in die Offensive gehen. Auf deinem Twitter-Account hast du ein Bild eines T-Shirts mit der Aufschrift "I hate being bipolar, it's awesome" gepostet. Meiner Meinung nach ein nicht nur humoriger, sondern auch sehr mutiger Weg, mit deiner Krankheit in der Öffentlichkeit umzugehen.
Beth Hart: Du musst darüber so viel und oft lachen, wie du nur kannst, denn diese Krankheit ist oftmals so erschreckend und gefährlich. Nicht nur für dich selbst, sondern vor allem auch für die Menschen um dich herum. Wenn ich gerade eine Phase habe, wo ich mich gut fühle und in der richtigen Balance bin, ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, dankbar zu sein. Das kann sich nämlich radikal und schnell ändern. Eines der traurigsten Dinge an der Krankheit ist die Schuld, die ich immer mittrage. Wenn du wirklich wütend bist, dich nicht mehr halten kannst und total ausflippst, kannst du dich danach an jedes einzelne Detail erinnern. Du kannst es aber nicht zurücknehmen. Du kannst also nur hoffen und beten, dass all die Leute, die du liebst und die dir etwas bedeuten, dir jedes Mal aufs Neue verzeihen. Das ist wirklich schwierig. Ich trage diese Krankheit schon seit meiner Kindheit in mir, aber ich habe früher niemals einen Therapeuten in Anspruch genommen. Erst vor zehn Jahren habe ich damit begonnen, insofern befinde ich mich auch in einem stetigen Lernprozess.

"Krone": Diese Krankheit und unzählige andere Probleme behandelst du auf deinem aktuellen Studioalbum "Better Than Home". Hilft es dir, dein Herz vor den Menschen so ehrlich auszuschütten?
Hart: Um ehrlich zu sein, hatte ich zwei Produzenten, Rob Mathes und Michael Stevens, die mich in diese Richtung getrieben haben. Sie sagten mir, ich sollte ein hoffnungsvolles und positives Album schreiben, was für mich natürlich nicht einfach war. Ich konnte nicht einfach heimgehen und sagen: "Okay, ich schreibe jetzt ein lebensbejahendes Album." (lacht) Ich habe dann einfach insgesamt 45 Songs geschrieben und die positivsten für das Album herausgepickt. Ich bin froh, dass die Jungs mich dorthin getrieben haben, denn ich persönlich verbinde traurige Songs oder Songs, die von Problemen handeln, nicht zwingend mit etwas Negativem. Solche Songs helfen ganz vielen Menschen, da sie mit ihren Problemen dann nicht mehr alleine sind. Ich war also trotzdem fähig, die Probleme auf dem Album aufzuzeigen, aber in jedem Song steckt eine kräftige Portion Hoffnung.
Es gibt immer einen Glauben dahinter und so etwas hatte ich noch nie zuvor gemacht. Damit zu touren ist einfach wundervoll. Als ich vor wenigen Monaten die ersten Songs auf einer Tour vorstellen sollte, wollte ich das überhaupt nicht machen. Die Band hat aber natürlich gesagt, dass das jetzt sein muss, weil das Album ansonsten ja umsonst wäre. (lacht) Ich hatte wirklich Angst, fühlte mich schon im Vorfeld sehr traurig, wenn jemand das Album nicht mögen würde. Die Leute haben die Songs aber gut aufgenommen, und derzeit spiele ich schon sechs oder sieben Stücke davon. Das war eine große Erleichterung für mich.

"Krone": Du hast dich auch musikalisch stark verändert und bist stärker vom Jazz abgerückt, um dem Blues und Soul mehr Platz zu lassen.
Hart: Auch das lag an den zwei verschiedenen Produzenten, denn in so einer Konstellation habe ich niemals zuvor gearbeitet. Rob Mathes ist wirklich unheimlich talentiert. Er hat nicht nur ein breites Wissen über Klassik und Jazz, sondern ist vor allem ein herausragender Musiker. Der andere, Michael Stevens, hat sich mehr um die Texte gekümmert und mich stark in diese offene Richtung getrieben. Eben so, dass ich mich nicht hinter den Texten verstecken sollte. Er war immer der Meinung, dass ich die Rock- und Blues-Einflüsse hauptsächlich deshalb benutzt hätte, um mich dahinter verstecken zu können. Er wollte die Freude in meinem Leben, meine weibliche Seite stärker hervorkehren. Das war wirklich hart und schwierig für mich. Meine bipolare Störung kam während des Albumprozesses wirklich stark zum Vorschein und ich konnte zu gewissen Zeiten gar nicht arbeiten.
Aber jetzt, wo alles fertig ist und ich mit den Songs toure, bin ich so unglaublich stolz und dankbar. Rob und Michael waren so unheimlich nett zu mir, sie haben meine Hand gehalten und mich durch diese höllischen Phasen geführt. Was kann man sich noch mehr wünschen? Den Song "Better Than Home" habe ich als allerletztes geschrieben, und ich fand den Titel so gut. Was ist "besser als zu Hause"? Für uns gibt es normalerweise nichts, was besser ist als das eigene Heim. Ich glaube aber nicht, dass das stimmt. Wir kapseln uns ja auch von unseren Eltern und den Wurzeln unserer Kindheit ab, dasselbe machen wir oft mit unserem eigenen Zuhause als Erwachsene, um Veränderungsprozesse einzuleiten und menschlich zu wachsen. Beweg dich aus der Komfortzone, riskiere einmal alles - und nur dann kannst du tatsächlich ein frisches Gefühl erleben, das wohl besser ist, als du es dir je erträumen würdest.

"Krone": Hervor sticht etwa deine Single "Mechanical Heart". Beschreibst du damit möglicherweise dein eigenes, mechanisches, vielleicht manchmal kaltes Herz?
Hart: Ich singe über die bipolare Störung und nenne sie darin "Mechanical Heart". Ich muss Medikamente nehmen, um halbwegs in Balance zu bleiben, was mich irgendwie mechanisch macht. Nur durch die Medikamente ist es mir möglich, mit Herz und Kopf an Songs zu arbeiten und sie zu schreiben. Der Song geht im Prinzip raus an meinen Mann Scott, der es mit mir und der Krankheit nicht leicht hat, ich aber immer versuche, ihm so gut es geht ein Stück vom Himmel zu liefern. Er bringt so viel Geduld, Liebe und positive Energie mit, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Er ist ein wundervoller Ehemann und ein großartiger Typ. Wenn du ihn triffst, sitzt du gleich mit ihm an der Bar, kippst dir ein paar Bier rein und hast den größten Spaß mit ihm. Jeder liebt Scotty, weil er einfach sehr bodenständig und großartig ist.

"Krone": Welche Rolle spielt er nicht nur in deinem Leben, sondern vor allem auch bei deinem Heilungsprozess von den Drogen und der Alkoholsucht in der Vergangenheit?
Hart: Er ist einfach alles. Ohne Zweifel wäre ich ohne Scott in meinen späten 20ern gestorben, mit großer Sicherheit sogar. Ich habe damals den Willen zum Leben verloren und wollte von den Drogen gar nicht runter. Ich war damals so fertig, dass ich aufhörte, Musik zu machen und Klavier zu spielen. Ich habe einfach aufgegeben und nur mehr auf den Tod gewartet. Scott hat einfach alles verändert. Das kann man sich gar nicht vorstellen und ich kann es gar nicht erklären.

"Krone": Kennst du Mike Ness von Social Distortion? Auch er ist aus Kalifornien, enabhängig und kam schlussendlich davon runter. Die Parallelen zwischen euch beiden sind wirklich beängstigend.
Hart: Scotts Neffe kennt Mike aus der Zeit, wo er schon von all dem Zeug weg war. Er erzählte mir, dass er außerhalb von L.A. eine wundervolle Ranch hat, wo er wochenlang ganz alleine lebt und an Songs schreibt. Das ist doch wirklich cool. Er ist mittlerweile seit 25 bis 30 Jahren nüchtern, oder? Das ist einfach ein Wahnsinn.

"Krone": Wirst du diese Struktur auch in Zukunft beibehalten? Dass du dich sehr persönlich in deinen Songs äußerst?
Hart: Ich habe bereits ein weiteres Album fertig. Es ist wesentlich rockiger und auch ein bisschen mehr Alternative und experimentell. Ich hatte so viele Songs, dass ich noch ein Album mit einem anderen Produzenten machen wollte. Das Album wird nächstes Jahr erscheinen und unterscheidet sich stark von "Better Than Home". Ich will aber gerne mit Rob und Michael noch ein Album in der Linie dieses Werks schreiben. Es kommt aber darauf an, wo ich mich dann als Songwriter befinde und ob es mir noch einmal möglich ist, die Problemthemen so nahe an mich rankommen zu lassen.

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