Mo, 11. Dezember 2017

Einöde statt Twitter

18.08.2010 15:44

Einsame Rebellin auf der Flucht: "Nothing Personal"

Wo der Zeitgeist weltweit Kommunikation via Facebook und Twitter propagiert und nonstop Intimstes der Öffentlichkeit präsentiert wird, berührt der Film "Nothing Personal" besonders. Er schildert die Begegnung zweier Menschen, die sich für die Einsamkeit, ihre eigene Form der inneren Emigration entschieden haben. Die Regisseurin Urszula Antoniak setzt dieses Zusammentreffen einfühlsam und in großartigen Bildern in Szene und verarbeitet zugleich eigene Erfahrungen.

Die irisch-niederländische Koproduktion wurde auf Festivals mit zahlreichen Preisen gewürdigt, in Locarno, Utrecht, Sevilla, Marrakesch. Neben Auszeichnungen für die Regie gab es zudem Ehrungen für die Kameraarbeit von Daniel Bouquet und vor allem für die 27 Jahre alte Hauptdarstellerin Lotte Verbeek, den European Shootingstar der Berlinale 2010.

Der Film verliert kein Wort zu viel, ist kompromisslos wie seine Protagonistin, die ihre Vergangenheit abstreift - zusammen mit dem Ehering alles zurücklässt. Anne nimmt nur mit, was sie zum Trampen braucht. Das ausdrucksvolle Gesicht der jungen Holländerin ist schön wie abweisend. Verletzbarkeit lässt sich hinter Feindseligkeit nur schwer verstecken. Anne, die scheinbar Namenlose, zieht sich immer mehr zurück, meidet jeden menschlichen Kontakt, wandert Tag für Tag allein durch den einsamen Nordwesten Irlands.

Keine Fragen, kein Kontakt
Eines Tages entdeckt sie in der Einöde von Connemara ein abgelegenes Fischerhaus und trifft auf Martin, den Besitzer, einen älteren Intellektuellen (Stephen Rea), der seit dem Tod seiner Frau dort zurückgezogen lebt. Auf jede Frage Martins reagiert Anne voller Wut und Aggression: "Das geht sie einen Dreck an." Er: "Ich wollte nur höflich sein." Sie: "Ich aber nicht." Und doch einigt sich die Beiden auf ein Abkommen: Arbeit gegen Essen, die einzige Bedingung lautet: "nothing personal" - keine Fragen, kein Kontakt, eben nichts Persönliches. Die Tramperin verweigert selbst die Preisgabe ihres Namens. Sie nimmt ihre Mahlzeiten draußen vor dem Haus ein, schläft weiterhin im Zelt trotz Kälte und Regen.

Martin hält sich an die Vereinbarung, doch Schritt für Schritt ermöglicht er der jungen Rebellin, auf ihn zuzugehen, ohne dass einer von ihnen seine Unabhängigkeit aufgeben muss. Jede Annäherung wird dem anderen abgerungen, jedes Nachgeben kommt völlig unerwartet. Die Beiden beginnen zu sprechen. Musik, Arbeit, Mahlzeiten und auch das Haus, sie teilen am Ende vieles, aber ihre Bedürfnisse und Sehnsüchte nach Wärme, Zuneigung kaschieren sie mit Ironie. Sie geben Desinteresse vor, und spionieren dennoch einander nach, suchen nach Rückschlüssen auf die Vergangenheit. In ungewöhnlichen, verstörenden Bildern inszeniert Antoniak die einzelnen Phasen der Annäherung.

Das sagt "Krone"-Kinoexpertin Christina Krisch zum Film: Das Holzschuhmädchen aus Holland und der Eremit: Unter dramatischen Himmelspanoramen und inmitten des sanft-grünen irischen Hügelgewells entspinnt sich eine leise Liebesgeschichte, die vom Ausloten vager Sehnsüchte erzählt, von Annäherung, die erst schroffe Distanz überwinden muss, vom Kennenlernen, das zum Lernprozess zweier scheuer Herzen wird. Ein Film, den stetig-stilles Bemühen umeinander adelt und der mit traumhaften Landschaftsbildern die Seele weit macht. Lovely!

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