Vorwürfe an Behörden

Marseilles Stadtchef: „Wir sind Schande Europas!“

Ausland
19.10.2026 17:00
Porträt von krone.at
Von krone.at

Nach den landesweiten Ausschreitungen in Frankreich verlangt Marseilles Bürgermeister Benoît Payan vom Staat Aufklärung über die Vorbereitung des Polizeieinsatzes. Sein vernichtendes Urteil: „Wir sind die Schande Europas!“

Am Samstag waren mehrere Dutzend Menschen gewaltsam in das Rathaus am Alten Hafen eingedrungen. Sie brachen die hölzerne Doppeltür auf und beschädigten den Eingangsbereich.

In der Innenstadt wurden zudem jüdische Geschäfte geplündert und ein kommunaler Polizeiposten an der Canebière angegriffen. Marseille hat mehr als 870.000 Einwohner und ist die zweitgrößte Stadt Frankreichs. 

Video: In Marseille stürmten die Demonstranten gewaltsam das Rathaus

Gefahr einer Eskalation überschätzt?
Bürgermeister Payan wirft den staatlichen Sicherheitsbehörden vor, die erkennbare Gefahr einer Eskalation unterschätzt zu haben. Er habe frühzeitig vor einer möglichen Verschärfung der Lage gewarnt, erklärte der Bürgermeister gegenüber dem TV-Sender Europe 1. Nach seiner Darstellung war anfangs lediglich eine Einheit der Compagnie Républicaines de Sécurité, kurz CRS, in Marseille eingesetzt. Erst nach Gesprächen mit Präsident Emmanuel Macron, Premierminister Sébastien Lecornu und Innenminister Laurent Nuñez seien zusätzliche Kräfte entsandt worden.

Fotos von den Ausschreitungen in Marseille:

(Bild: AFP/THIBAUD MORITZ)
(Bild: AFP/THIBAUD MORITZ)
(Bild: AFP/THIBAUD MORITZ)
(Bild: AFP/THIBAUD MORITZ)
(Bild: AFP/THIBAUD MORITZ)
(Bild: AFP/THIBAUD MORITZ)
(Bild: AFP/VIKEN KANTARCI)
(Bild: AFP/THIBAUD MORITZ)
(Bild: AFP/THIBAUD MORITZ)
(Bild: AFP/-)

Der Bürgermeister bezifferte die Verstärkung auf drei weitere Einheiten der Bereitschaftspolizei sowie zwei gepanzerte Centaure-Fahrzeuge der Gendarmerie. Zur Info: Für die Sicherung von Demonstrationen und die Bewältigung schwerer Unruhen sind in Frankreich staatliche Sicherheitskräfte zuständig. Die kommunale Polizei verfügt dagegen nur über begrenzte Befugnisse und kann einen solchen Einsatz nicht eigenständig führen.

Zitat Icon

Polizei und Demonstranten sind zu Kanonenfutter gemacht worden. Die Ordnungskräfte sind überfordert gewesen, weil sie zahlenmäßig unterlegen waren.

Marseilles Bürgermeister Benoît Payan

Payan verlangt Auskunft darüber, welche Lageeinschätzungen vorlagen, wie viele Kräfte ursprünglich vorgesehen waren und warum die Verstärkung erst im Verlauf der Ereignisse eintraf. Wegen der Beschädigungen am Rathaus kann die Stadt zudem Strafanzeige erstatten.

Der Bürgermeister von Marseille berichtete gegenüber der Zeitung „Le Monde“ von „absolut unerhörten Gewaltszenen“ und einem „fast vollständigen Kontrollverlust“. Polizei und Demonstranten seien zu „Kanonenfutter“ gemacht worden. Die Ordnungskräfte seien „überfordert“ gewesen, „weil sie zahlenmäßig unterlegen und nicht organisiert waren“.

Innenminister räumt schwere Fehler ein, Rücktrittsangebot abgelehnt
Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez räumt inzwischen bereits „schwere politische Fehler“ ein. Bei der Mobilisierung von Sicherheitskräften habe es an „vorausschauendem Handeln“ gefehlt. Zwischen Polizei und Menschen auf der Straße habe es „natürlich ein Ungleichgewicht“ und schließlich einen „Kontrollverlust“ gegeben. Nun werde „alles getan, damit sich so etwas nicht wiederholt“. Nuñez bot Präsident Emmanuel Macron auch bereits seinen Rücktritt an, doch das Staatsoberhaupt lehnte ab. Nuñez solle im Amt bleiben, um die Befehlskette innerhalb der Polizei und der Sicherheitskräfte aufrechtzuerhalten, teilte das Präsidialamt in Paris am Montag mit. Macron habe den Minister zudem angewiesen, so schnell wie möglich neue Konzepte für den Umgang mit Plünderern auszuarbeiten.

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