Neue Revue

Im Kabarett Simpl bleibt ab nun alles anders

Kultur
15.10.2026 07:00

Das legendäre Kabarett Simpl in der Wiener Wollzeile sorgt seit nunmehr 114 Jahren für Lacher: Nun zünden die künstlerischen Leiter Michael Niavarani und Jenny Frankl ihre neue Revue, die den Titel „Alles bleibt anders“. Wir baten das kreative Doppel zum Interview.

„Krone“: Was erwartet den Zuschauer, wenn laut Programm-Titel „Alles anders“ bleibt?
Michael Niavarani: Tatsächlich bleibt alles anders. Es ist eine ganz neue Revue. Die Themen sind ganz andere als voriges Jahr, aber auch teilweise dieselben, weil sich die gesellschaftliche Situation gar nicht so verändert hat. Wir haben wieder versucht, auf komödiantische Weise uns selbst und das, was rundherum passiert, auf die Schaufel zu nehmen.

Und Frau Frankl spielt einen Penis!
Jenny Frankl: Ja ...
Niavarani:  ... ich sehe schon, das wird die Schlagzeile: „Jenny Frankl: Ich freu mich sehr auf den Penis“ (lacht) Ja, das ist ein Sketch über Dickpics. Der Penis geht zum Fotografen.
Frankl: Es ist an der Zeit. Und das Publikum verträgt es auch.
Niavarani: Ja, es ist an der Zeit, sich über diese Dummheit, dass Männer ungefragt Fotos ihrer Genitalien verschicken, lustig zu machen.

Spaß am laufenden Band mit insgesamt 20 Nummern
Spaß am laufenden Band mit insgesamt 20 Nummern(Bild: (c) Nadine Studeny)
(Bild: (c) Nadine Studeny)
Im Simpl-„Jurassic Park“ brechen die Machos aus
Im Simpl-„Jurassic Park“ brechen die Machos aus(Bild: (c) Nadine Studeny)
„Die Schöne und das Biest“ wird durch den Kakao gezogen
„Die Schöne und das Biest“ wird durch den Kakao gezogen(Bild: (c) Nadine Studeny)

Gibt es wieder 20 Sketches?
Frankl: Ja, und jeder Sketch dauert zwischen drei und zehn Minuten. Das passt auch gut in die heutige Zeit, weil die Aufmerksamkeitsspanne der Leute ja leider immer kürzer wird.

Auf Instagram liegen kurze Videos von Stand-up-Comedians im Trend. Das Simpl ist der Revue-Tradition treu geblieben. Ist es schwierig, junges Publikum dafür zu begeistern? 
Niavarani: Seitdem Jenny und ich zusammenarbeiten, ist die Perspektive jünger und auch weiblicher geworden. Es kommen viel mehr junge Leute als früher. Meiner Meinung ist das Zielpublikum-Denken vollkommener Schwachsinn. Es ist mir scheißegal, ob jemand 20, 35 oder 90 Jahre alt ist. Unser Zielpublikum sind ganz normale Menschen, die lachen wollen.
Frankl: Wir haben die letzten Jahre explizit jüngere Influencerinnen und Influencer eingeladen, die noch nie im Simpl waren. Die haben gar nicht gewusst, dass sie das so anspricht, und dass sie das so lustig finden.
Niavarani: Das Simpl wird jetzt 114 Jahre alt. Ich verstehe natürlich, dass sich ein 21-jähriger Mensch denkt, dass ihm das vielleicht ein bisschen zu konservativ, zu altmodisch ist. Wir sind aber weder konservativ noch altmodisch, aber da muss man halt drauf kommen, wenn man in der Vorstellung sitzt. Das Simpl hat es 114 Jahre lang geschafft, sich mit den Generationen von Menschen zu verändern ...
Frankl. . .aber die Form ist gleichgeblieben. Das finde ich so cool und so interessant, denn dieses Grundgerüst bleibt immer gleich. Wir fangen an mit einem Opening, begrüßen die Leute, dann kommt der Conférencier, danach die tagesaktuelle Geschichte, und dann kommen die ganzen Sketches. Dann gibt es noch zwischendurch Musik, und am Schluss das große Finale.

Die Revuen sind fast immer ausverkauft. Was macht das Simpl so erfolgreich?
Niavarani: Vielleicht, weil ich immer auf der Suche nach etwas ganz Neuem bin. Ich will nie am Alten festhalten, weil es mich langweilt. So viele alte, weiße Komiker sind beleidigt und sagen, man darf nichts mehr auf der Bühne sagen, die Komödie stirbt. Und ich habe mir gedacht, nein, das Gegenteil ist der Fall. Es ist doch spannend, sich jetzt zu überlegen, wie mache ich Witze übers „woke“ sein, ohne dass ich die Menschen, die „woke“ sind, jetzt komplett vorführe. Wir sind der Überzeugung, man darf alles sagen auf der Bühne, ich muss es nur in den richtigen Kontext setzen.

Man hat den Eindruck, dass die Realität das Kabarettprogramm an Wahnwitz laufend überholt. Wie sehen Sie das?
Frankl: Es fragen sich sicher viele Kabarettisten, was man noch überhöhen, noch toppen soll? Trump ist da das beste Beispiel. Aber irgendwie geht es sich dann doch aus. Die Leute lachen gerne über Sachen, vor denen sie Angst haben. Sie lachen gerne die Angst weg und sie sind dann ein bisschen erleichtert und haben ein bisschen ein besseres Gefühl nachher.
Niavarani: Es wird vielleicht ein bisschen schwieriger, die kabarettistische oder satirische Überhöhung zu finden, weil es teilweise schon absurd ist, aber bis jetzt hat es uns nicht behindert.

In Hochform: das Ensemble des Simpl
In Hochform: das Ensemble des Simpl(Bild: (c) Nadine Studeny)

In welche Richtung geht das aktuelle Programm?
Frankl: Wir haben uns wie jedes Jahr bemüht, dass wir alles auf die Bühne bringen, was die Gesellschaft gerade bewegt und was wir nicht im Vorjahr schon hatten. Es ist bunt gemischt.
Niavarani: Das Programm ist sehr eskapistisch, weil wir nicht versucht haben, ein Programm zu machen, das ablenkt, weil es nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Sondern wir haben versucht, die Wirklichkeit so abzubilden, dass sie dich total von der Wirklichkeit ablenkt, weil du drüber lachen kannst.

Schreiben Sie das Programm gemeinsam oder jeder einzeln und fügen es dann zusammen?
Frankl: Wie schreiben immer zusammen. Wie Pingpong. Beide mit aufgeklapptem Laptop, wir teilen den Bildschirm über ein Zoom-Meeting und improvisieren da oft dann auch gleich.

Bringt man die Leute im Jahr 2026 anders zum Lachen als damals Farkas und Waldbrunn?
Niavarani: Es ist wie in der Quantenphysik: Es ist sowohl Welle als auch Teilchen!

Wie bitte?
Niavarani (lacht): Was ich damit meine ist: Es gibt gewisse Szenen, Situationen, Witze, die wurden vor 2400 Jahren geschrieben von einem gewissen Herrn Aristophanes, die sind immer noch lustig, und das Publikum lacht immer noch. Dann gibt es Witze, die sind fünf Jahre alt und keiner lacht mehr. Das heißt, es gibt Dinge oder zwischenmenschliche Situationen, die haben sich bis heute nicht geändert. Über die lachen die Menschen, egal in welchem Jahrhundert. Und dann gibt es Pointen, Witze und Geschichten, die sehr in der Zeit verhaftet sind. Und insofern ist die Frage beantwortet mit: Nein, der Humor verändert sich überhaupt nicht und gleichzeitig Ja, der verändert sich total.

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