Kunden oft ahnungslos
Zuchtlachs bekommt immer mehr Huhn zu fressen
Wer im Supermarkt ein Lachsfilet kauft, denkt wohl kaum daran, dass der Fisch mit Bestandteilen von Hühnern gefüttert worden sein könnte. Doch genau darauf setzen zunehmend große Lachszüchter in Europa. Angesichts stark gestiegener Preise für herkömmliches Fischmehl greifen sie zu einer bislang umstrittenen Alternative – mit Folgen, die für Konsumenten nicht unbedingt erkennbar sind.
Europas große Lachszuchtunternehmen verwenden zunehmend Geflügelbestandteile als Futtermittel oder bereiten deren Einsatz vor. Dabei geht es um Nebenprodukte wie Knochen, Leber und Gehirn von Hühnern, die nicht für den menschlichen Verzehr vorgesehen sind. Federn zählen hingegen nicht zu den verwendeten Bestandteilen.
Wie die „Financial Times“ berichtet, hat der norwegische Lachszüchter Lerøy Seafood Group, einer der größten Anbieter des Landes, Geflügelnebenprodukte bereits in sämtlichen seiner Lachsfarmen auf dem offenen Meer eingeführt. Auch der weltgrößte Lachsproduzent Mowi soll entsprechende Futtermittel in seinen Betrieben in Norwegen und Schottland einsetzen wollen. Das geht laut der Zeitung aus Kreisen hervor, die mit den Plänen vertraut sind.
Wo und wie der Lachs in Österreich angeboten wird
- Ein Großteil des Lachsangebots in österreichischen Ketten (wie Spar, Billa, Hofer oder Lidl) stammt aus norwegischer Aquakultur. Oft wird der Lachs unter Eigenmarken der Supermärkte oder über Großhändler/Verarbeiter verkauft, weshalb das Firmenlogo von Lerøy nicht immer direkt auf der Vorderseite der Verpackung zu sehen ist.
- In Österreich finden Sie Markenprodukte von Mowi z. B. in BILLA / BILLA PLUS (u. a. MOWI Onigiri-Snacks und Lachs-Variationen) oder über Online-Supermärkte wie Gurkerl.
- Lerøy beliefert Großhändler (z. B. Metro, Transgourmet), die österreichische Restaurants, Hotels und Catering-Betriebe mit frischem sowie tiefgekühltem Lachs und Sushi-Produkten versorgen.
Fischmehl fast doppelt so teuer
Der Hintergrund ist vor allem wirtschaftlicher Natur. Traditionelles Fischmehl wird aus wild gefangenen Fischen hergestellt. Sein Preis hat sich innerhalb der vergangenen zwei Jahre nahezu verdoppelt. Gründe dafür sind sinkende Fischbestände und eine gestiegene Nachfrage aus China. Geflügelmehl kostet pro Tonne hingegen weniger als die Hälfte.
Auch andere große Produzenten haben bereits reagiert. Grieg Seafood aus Norwegen verwendet laut dem Bericht seit Juli Hühnermehl und Hühneröl. SalMar, der weltweit zweitgrößte Lachszüchter, testet den Einsatz von Geflügelbestandteilen seit März.
Klimawandel verschärft Situation
„Mit der Größe unseres Betriebs brauchten wir eine Alternative zu Fischmehl“, erklärte Jørgen Skeide, Futtermittelmanager bei Lerøy. Geflügelmehl sei der einzige Rohstoff gewesen, der alle erforderlichen Kriterien erfüllt habe. Zusätzlichen Druck auf die Versorgung mit Fischmehl gibt es durch die diesjährigen ungewöhnlich starken Auswirkungen des Klimaphänomens El Niño. Dieses hat den Sardellenfang vor der Küste Perus beeinträchtigt.
Das südamerikanische Land produziert normalerweise rund ein Fünftel des weltweit verwendeten Fischmehls. Darüber hinaus müssen Futtermittelhersteller den Einsatz von Blauen Wittlingen voraussichtlich ab diesem Monat reduzieren. Die Fischart hat ihr Nachhaltigkeitszertifikat verloren, nachdem sich europäische Länder nicht auf Fangquoten einigen konnten.
„Für Lachse völlig natürlich“
Die Futtermittelumstellung ist allerdings heikel. In Großbritannien war die Verwendung von Nutztiernebenprodukten als Fischfutter bis 2013 verboten. Hintergrund waren Sorgen, dass sich dadurch Krankheiten wie der Rinderwahnsinn verbreiten könnten.
Inzwischen verweisen die Produzenten auf mögliche Kosteneinsparungen und geringere CO₂-Emissionen. Ein Manager eines großen Lachsfutterherstellers verteidigte den Einsatz von Hühnerbestandteilen gegenüber der „Financial Times“ mit dem Hinweis, dass Lachse Fleischfresser seien und in freier Wildbahn andere Fische fräßen. Sie mit Hühnerbestandteilen zu füttern, sei deshalb völlig natürlich.
Konsumenten noch mehr als skeptisch
Doch nicht alle Konsumenten dürften das so sehen. Eine Untersuchung des norwegischen Lebensmittelforschungsinstituts Nofima aus dem Jahr 2026 ergab, dass Verbraucher in Großbritannien und Frankreich die Vorstellung, Lachse mit Hühnerbestandteilen zu füttern, als „unnatürlich und ekelerregend“ empfanden. Das berichtete Florent Govaerts, ein Forscher der Organisation.
Margareth Øverland, Professorin für Aquakultur-Ernährung an der Norwegischen Universität für Lebenswissenschaften, bezeichnete das Thema gegenüber der „Financial Times“ als besonders sensibel. Konsumenten seien in der Vergangenheit sehr skeptisch gewesen. „Aber der Markt scheint jetzt eher dafür bereit zu sein“, sagte sie.
Was erfahren Kunden im Supermarkt?
Besonders brisant ist, dass Käufer derzeit kaum erkennen können, womit ihr Lachs gefüttert wurde. Händler müssen die Bestandteile des Fischfutters auf der Verpackung gesetzlich nicht angeben. Dabei hatten einzelne britische Supermarktketten den Einsatz solcher Futtermittel ausdrücklich abgelehnt. Tesco erklärte 2021, Geflügelmehl und Geflügelöl im Fischfutter nicht zuzulassen.
Ob sich daran etwas geändert hat, ließ das Unternehmen auf Anfrage des Blatts unbeantwortet. Auch die britische Supermarktkette Waitrose erklärte 2024, verarbeitete tierische Proteine im Fischfutter nicht zu erlauben; eine Stellungnahme zu den aktuellen Entwicklungen lehnte sie ab.
Hühnerreste werden wertvoller
Die Entwicklung könnte auch der britischen Geflügelbranche zugutekommen. Alistair Collins vom Tiernebenprodukte-Verarbeiter J G Pears erklärte, die steigende Nachfrage von Lachszüchtern erhöhe den Wert von Hühnerresten. Die Aquakultur sei zu einem wichtigen Absatzmarkt geworden.
Auch der Aktienanalyst Stein Alexander Aukner von der Bank DNB Carnegie sieht einen Vorteil in der Entwicklung. Der Geflügelmarkt wachse mit dem Konsum, während die Fangmengen bei Wildfischen seit den 1980er-Jahren weitgehend stagnierten.
Futter hat ordentliche Reise vor sich
Ein Teil der von Lerøy verwendeten Hühnernebenprodukte stammt nach Angaben des Unternehmens aus Großbritannien. Damit werden Nebenprodukte britischer Geflügelbetriebe nach Norwegen transportiert, dort verarbeitet und an Lachse verfüttert. Anschließend wird der gezüchtete Fisch wieder nach Großbritannien exportiert.

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