Britische Inseln

Kein Flug, kein Hotel, kein Auto

Reisen & Urlaub
15.10.2026 10:00
Porträt von Elisabeth Zienitzer
Porträt von Silvia Sarcletti
Von Elisabeth Zienitzer und Silvia Sarcletti

... dafür Zug und Fähre, ein Zelt und zwei Gravelbikes. Der Plan klingt einfach: Wir wollen die Britischen Inseln von Norden nach Süden erradeln, durch Schottland, Irland, Wales und Südengland. Innerhalb von sechs Wochen und mit allem, was wir brauchen, im Gepäck.

Von Knittelfeld geht es mit dem Zug über Wien und Amsterdam und über Nacht auf der Fähre nach Newcastle. Zwei Tage sind wir unterwegs, dann heißt es: runter von der Fähre und rauf aufs Rad. Linksverkehr, Regen und rund 25 Kilogramm Gepäck pro Fahrrad. Die Gedanken an zu Hause rücken erstaunlich schnell in den Hintergrund, und der neue Tagesablauf wird zur Routine: schwarzer Kaffee und Porridge zum Frühstück, Zelt abbauen, zusammenpacken und losfahren. Wie weit wir kommen, entscheidet sich oft erst unterwegs. Gegenwind, Steigungen und Regen bestimmen den Tag ebenso wie ein schöner Platz, der zu einer längeren Pause einlädt.

Radfahren als Auszeit – der Alltag in weiter Ferne 
Schön langsam stellen wir uns auf Schottland ein – und auf die Kälte, die Anfang Juni noch an unseren Kräften zehrt. Regen und Sonne wechseln ständig. Regenjacke an, Regenjacke aus – und weiter. Weniger gelassen sind wir bei gefürchteten Midges (Mücken) und Zecken. Doch zelten bedeutet eben auch ein Leben mit und in der Natur.

In Schottland ist freies Campieren grundsätzlich erlaubt. Was zunächst nach großer Freiheit klingt, ist in der Praxis schwieriger als gedacht. Zäune, Steinmauern und dichte, teils stachelige Vegetation erschweren die Suche nach einem geeigneten Platz. So entscheiden wir uns meist für Campingplätze – manchmal kaum komfortabler als Wildcampieren.

Das Zelt als Zuhause, die Küche unter freiem Himmel
Das Zelt als Zuhause, die Küche unter freiem Himmel(Bild: Silvia Sarcletti)

Wir radeln durch Edinburgh, St Andrews und Inverness, vorbei an prähistorischen Stätten, Sakralbauten und mächtigen Castles. Dazwischen liegen viele Kilometer auf schmalen einspurigen Straßen, sogenannte Single Roads. Graue Steinhäuser prägen die Orte und verschmelzen an trüben Tagen beinahe mit dem Himmel.

Zwischenstopp bei Inverness Castle in Schottland
Zwischenstopp bei Inverness Castle in Schottland(Bild: Silvia Sarcletti)

Schottlands herbe Schönheit berührt die Seele und wird uns mit Loch Ness, dem Caledonian Canal, gigantischen Bäumen, üppig blühenden Rhododendren – und gefühlt Millionen von Schafen in Erinnerung bleiben.

Irland – plötzlich wird es bunt und warm! 
Zwei Wochen später verlassen wir Schottland und setzen mit dem Schnellboot von Campbelltown nach Ballycastle in Nordirland über. Nach den vielen grauen Steinhäusern tun die bunten Fassaden unseren Augen richtig gut. Anderes Land, ähnliche Herausforderungen. Schmale Single Roads und kurze, steile Anstiege bis zu 20 Prozent begleiten uns weiterhin. Am Giant’s Causeway treffen wir auf eines der eindrucksvollsten Naturphänomene unserer Reise, wo Zehntausende Basaltsäulen einen Teil der Küste formen.

Unsere Ausrüstung

  • Gepäck: Pro Bio-Gravelbike vier Packtaschen und eine Lenkertasche. Je nach Lebensmittel- und Wasservorrat 20-25 kg Gepäck pro Rad
  • Camping: Zelt, Schlafsäcke, Isomatten, Pumpsack, aufblasbare Kopfpolster und Stirnlampen
  • Kochen: Campingkocher, Gaskartuschen, Kochgeschirr, Taschenmesser, Feuerzeug und Wasserbehälter
  • Bekleidung: Radhosen, Funktionswäsche, Regenbekleidung, warme Kleidung, Rad-/Wanderschuhe, Radhelme und reflektierende Warnwesten
  • Technik: Smartphones, Fotoausrüstung, Powerbanks und Reiseadapter
  • Fahrradwerkzeug: Multitool, Fahrradpumpe, Ersatzschläuche, Flickzeug und Kettenöl
  • Zusätzlich: Fahrradschlösser, Sonnen- und Insektenschutz sowie Zeckenzange

Übernachtet wird auf Campingplätzen, denn Wildcampieren ist in Irland nicht erlaubt. Vor allem im Hinterland erleben wir dabei so manche Überraschung: einfach ausgestattete Plätze sind für uns kein Problem, Chaos und mangelnde Sauberkeit dagegen schon. Unterwegs sind wir meist auf Nebenstraßen und Greenways – verkehrsfreien Straßen auf ehemaligen Bahntrassen -, aber auch auf Abschnitten des EuroVelo 1, den wir bereits aus Norwegen kennen.

Ein Guinness in Irland für die Autorinnen Elisabeth Zienitzer (li.) & Silvia Sarcletti
Ein Guinness in Irland für die Autorinnen Elisabeth Zienitzer (li.) & Silvia Sarcletti(Bild: Silvia Sarcletti)

An der Westküste rund um Galway zeigt Irland seine raue Seite. Willkommen am Wild Atlantic Way – Gegenwind mit Sturmböen inklusive! Weiter geht’s zu den berühmten Cliffs of Moher; rund 200 Meter geht es hier steil zum Atlantik hinab.

Kraftprobe in Irlands bizarrer Karstlandschaft
Kraftprobe in Irlands bizarrer Karstlandschaft(Bild: Silvia Sarcletti)

Wir stehen da und sehen – nichts. Nebel und Wolken verschlucken die Steilküste gänzlich. Doch das irische Wetter hält die nächste Überraschung bereit. Je weiter wir nach Süden radeln, desto wärmer wird es.

Wales und Südengland – wo bleibt der Regen? 
Nach weiteren zwei Wochen in Irland bringt uns die Fähre von Rosslare nach Fishguard in Wales. Die Landschaft wird zunehmend gebirgig, und wir erreichen die Black Mountains, wo die Straßen schmal sind und die extremen Steigungen uns weiterhin fordern. Wir radeln durch eine der regenreichsten Regionen Europas – und schwitzen seit Tagen. Statt sattgrüner, regennasser Landschaft erleben wir trockene Böden, staubige Wege und ganztägig Sonnenschein. Die Regenbekleidung, die zu Beginn der Reise ständig griffbereit sein musste, bleibt tief in den Radtaschen verstaut. Unser letzter Abschnitt führt durch Südengland.

INFOS

ALLGEMEINE AUSKÜNFTE
www.visitbritain.com
www.ireland.com

Großbritannien: England, Schottland & Wales haben ca. 68 Mio. Einwohner, die Republik Irland & Nordirland rund 7,5 Mio

Politik: Nordirland gehört zum Vereinigten Königreich, die Republik Irland zur EU

Währung: Pfund in Großbritannien und Nordirland, Euro in der Republik Irland

Verkehr: Linksverkehr

Von Bristol geht es über Bath und Brighton nach Newhaven. Die einsamen Abschnitte der vergangenen Wochen werden weniger. Häuser und Ortschaften rücken näher zusammen, die Städte werden größer, und der Verkehr nimmt zu. Wo immer es möglich ist, suchen wir nach ruhigeren Alternativen und folgen Radwegen und Routen entlang der Kanäle. Hausboote liegen dicht am Ufer: manche liebevoll gepflegt, andere vollgeräumt und sichtbar in die Jahre gekommen. Einen Höhepunkt lassen wir uns auf dieser Reise nicht entgehen, Stonehenge – den weltberühmten Steinkreis erreichen wir nach über 2000 Kilometern – was für ein Erlebnis!

(Bild: Diverse Fotografen honorarfrei)

Das letzte Stück führt uns entlang der Südküste Englands, wo unsere Reise über die Britischen Inseln in Newhaven endet. Mit der Fähre geht es nach Dieppe in Frankreich und von dort über Paris und München zurück nach Österreich. Mehr als sechs Wochen sind vergangen, und wir stehen wieder am Bahnhof in Knittelfeld, wo alles begonnen hat. Mit denselben Fahrrädern und denselben Radtaschen – und doch fühlt sich vieles ganz anders an.

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