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Parasiten: Die heimlichen Herrscher der Welt?

Gesund
13.03.2026 10:00

Was Sie immer schon über Parasiten wissen wollten und warum wir sie trotz Ekelalarm für das ökologische Gleichgewicht brauchen. Interview mit Umweltmediziner Hans-Peter Hutter und Wissenschaftsjournalist Raoul Mazhar.

Ein Krebs, der zur Fischzunge wird, ein Organismus, der die Maus direkt in den Rachen der Katze treibt, tropische Stechmücken in Österreich – die reinste Horrorshow. Doch es gibt noch viel mehr über Parasiten zu erfahren und es bleibt spannend. Mediziner Hans-Peter Hutter, Leiter der Abteilung für Umwelthygiene und Umweltmedizin der MedUni Wien und Wissenschaftsjournalist Raoul Mazhar haben darüber ein Sachbuch mit Augenzwinkern geschrieben und „GESÜNDER Leben“ ein ungewöhnliches Interview in der großen Bibliothek im Wiener Billrothhaus gegeben.

GESÜNDER Leben“: Was ist das eigentlich genau, ein Parasit?
Hutter: 
Das ist ein Organismus, der nicht ohne einen Wirt auskommt, den er für seinen Energiehaushalt, sprich für seine Ernährung und seine Fortpflanzung benötigt. Er kann sich in oder auf dem Wirt befinden, kurzzeitig verweilen oder sich einnisten und ihn sogar beeinflussen oder manipulieren. Viele von uns denken dabei zunächst an Würmer, aber auch Viren, die in Zellen eindringen und letztendlich unsere DNA verwenden, sind als Parasiten anzusehen.

Mazhar: Also eine Art, die auf Kosten einer anderen lebt, ohne, dass sie etwas zurückgibt. Der Parasitismus ist so breit gefächert, dass es gar nicht leicht ist, eine genaue Definition zu geben. Diese komplizierten Lebenszyklen wollten wir humorvoll und verständlich darstellen.

Aber das kann durchaus gefährlich werden, bis zum Tod des Wirtes, oder
Mazhar: Grundsätzlich ist der Tod des Wirts für einen Parasiten eine Sackgasse – wer sein eigenes „Hotel“ abbrennt, wird obdachlos. Es gibt jedoch Ausnahmen: Wenn das Ableben des aktuellen Trägers das notwendige Ticket für die nächste Reiseetappe ist. Ein Beispiel ist der Einzeller Toxoplasma gondii, der Mäuse lediglich als Zwischenstation nutzt, aber zur Fortpflanzung in den Darm einer Katze gelangen muss. Um diesen Sprung zu schaffen, manipuliert der Parasit das Gehirn der Nager auf fast filmreife Weise: Infizierte Mäuse verlieren ihre Angst vor Katzen und werden vom Geruch ihres Urins sogar angezogen. Durch diesen Leichtsinn wird die Maus zur leichten Beute – und der Parasit erreicht sein Ziel: den Endwirt Katze. Das ist eiskalte Strategie.

Umweltmediziner Hans-Peter Hutter (links) und Wissenschaftsjournalist Raoul Mazhar in der ...
Umweltmediziner Hans-Peter Hutter (links) und Wissenschaftsjournalist Raoul Mazhar in der Bibliothek der Gesellschaft der Ärzte, Billrothhaus in Wien.(Bild: Bubu Dujmic)

Der Parasit kann das Denken und Verhalten seines Wirts lenken? Das ist beängstigend.
Hutter: Trotz Evolution und jahrtausendelanger Entwicklung ist das tatsächlich bemerkenswert. Die Organismen arbeiten auf molekularer Ebene, bauen chemische Verbindungen nach, mutieren und selektionieren. Diese Komplexität fasziniert uns immer noch.

Mazhar: Ein Beispiel dafür stellt der Pferdehaarwurm dar. Er lebt zusammengefaltet in einer Grille oder Fangheuschrecke, die dadurch das Bedürfnis verspürt, sich ins Wasser zu stürzen. Darin ertrinkt sie, der Parasit gelangt ins Gewässer, bildet Mikrolarven, diese infizieren Mückenlarven, die in der weiteren Entwicklung davonfliegen und wieder von Grillen gefressen werden. Dieser Kreislauf ist tatsächlich zu etwas nütze, wie japanische Forscher bestätigt haben. Nimmt man die Parasiten aus dem System, stürzen weniger Grillen ins Wasser, was den Fischen Nahrung nimmt. Diese beginnen, algenfressende Schnecken zu fressen, was zur Folge hat, dass sich die Algen vermehren und sich die Wasserqualität verschlechtert. Das wiederum schadet den darin lebenden Wassertieren. So kann ein kleiner Wurm, den man mit freiem Auge gar nicht sieht, das Ökosystem verändern!

Wie funktioniert diese Manipulation des Wirts?
Hutter: Die Strategien der Parasiten zielen in diesem Fall auf ein suizidales Verhalten des Zwischenwirts ab. Es gibt zahlreiche weitere: Die Maus läuft in Richtung Katze, die Ameise entfernt sich aus der Kolonie etc. Verhalten, das dem Überleben entgegen gerichtet ist. Allerdings ist die Forschung noch nicht so weit, das genau erklären zu können. Es sind chemische Botenstoffe, die bestimmte Hirnareale beeinflussen.

Mazhar: Die manipulativen Strategien sind ebenso vielfältig wie die Parasiten selbst. So bohrt sich etwa der Peitschenwurm in den Darm des Wirts und macht es sich in den dadurch gebildeten Schleimstoffen gemütlich.

Hutter: Man kann aber sagen, dass sie mit dem Nervensystem des (Zwischen)-Wirts auf irgendeine Weise interferieren.

Kann das auch Menschen betreffen?
Hutter: Dahingehend gibt es nur Hypothesen. Was beobachtet wurde, dass Personen, die mit Toxoplasmose infiziert sind, risikofreudiger sind als Gesunde, etwa als Verursacher von Verkehrsunfällen. Hierbei spielen aber noch viele andere Faktoren mit.

Mazhar: Die Annahme ist, dass wir Menschen(affen) früher Zwischenwirt für Raubkatzen waren. Unvorsichtigkeit war hier für das Raubtier natürlich ein Vorteil. Aber das gilt nicht als gesichert.

Zitat Icon

Die Welt der Parasiten ist faszinierend und muss noch viel mehr erforscht werden.

Prof. Dr. Hans-Peter Hutter, MedUni Wien

Sind also die Parasiten die Herren der Welt?
Hutter: So einfach ist das nicht, denn die Natur besteht immer aus einem Zusammenspiel der Arten. Auch der Löwe als „König der Savanne“ wird ja durch seine Beutetiere, die Umwelt, das Klima usw. reguliert. Eine Art kann ohne die andere nicht überleben. Parasiten spielen dabei eine große Rolle in unserem Ökosystem und werden benötigt. Sie einfach auszurotten – was nicht möglich ist – wäre also ein Fehler. Sie sind überall. Man vermutet gar nicht, wo es überall Parasiten gibt.

Welche sind die häufigsten Parasiten?
Hutter: Bei jenen, die Krankheiten auslösen, ganz klar Malaria, gefolgt von Toxoplasmose.

Mazhar: Hierzulande haben wir mehr als genug Bettwanzen und Läuse. Aufgrund des Klimawandels aber auch immer mehr Zecken und exotische Mückenarten.

Es gibt doch auch im Pflanzenreich Parasiten, oder?
Hutter: Ja, die Mistel gehört dazu. Zu Weihnachten steht man darunter und küsst sich. Ein Parasit, der uns Freude bringt, dem Baum, der davon befallen ist, aber extrem schadet.

Vor dem Fuchsbandwurm in unseren Wäldern wird oft gewarnt. Wie schützt man sich davor?
Hutter: Eine Übertragung ist höchst selten*. Jäger und Waldarbeiter sind am ehesten betroffen.

In eurem Buch sind auf humorvolle, aber wissenschaftlich fundierte Weise zahlreiche Parasiten beschrieben. Zu jedem gibt es einen Steckbrief. Bei Trichuris trichiura, dem Peitschenwurm, liest sich das zusammenfassend so: „Alter: 9000+ Jahre. Über mich: Ich bin hier für die Ewigkeit. Ich bin ein Meister der Immunsystem-Manipulation. Ein Stück lebende Geschichte. 20.000 Babys täglich, jahrelange Treue.“ Habt ihr einen Lieblingsparasiten und/oder einen, vor dem ihr euch besonders fürchtet?

Hutter: Malaria mag ich natürlich nicht. Mir ist der Parasit am liebsten, der einen weiten Bogen um mich macht.

Mazhar: Sie sind natürlich interessant zu beschreiben. Aber es war eine Herausforderung, humorvoll über Malaria zu berichten, die zwischen 600.000 und einer Million Menschen pro Jahr tötet. Ein Parasit, der uns besonders fasziniert hat, ist die Zungenfresserassel (Anm. d. Red.: Cymothoa exigua, einige Millionen Jahre alt). Eine Krebsart, die einem Fisch die Zunge „stiehlt“, indem er sich an dessen Zungenwurzel festkrallt. Diese stirbt ab und der Parasit bleibt als eine Art Prothese an deren Stelle. Alles, was der Fisch frisst, frisst der Krebs mit und nährt sich auch noch an dessen Schleimhaut und Blut. Wenn Fischer so einen Meeresbewohner angeln und in dessen Maul schauen, blickt ihnen ein Krebs entgegen. Das ist eine Mischung aus Horror, Grusel und Schmäh. Es wurde sogar der US-amerikanische Horrorfilm „The Bay“ davon inspiriert.

Hutter: Zum Wurmbefall gäbe es einiges zu sagen: Allergologisch gilt, dass dies das Risiko für die Entwicklung einer Allergie reduzieren kann. Das weiß man aus deutschen Studien im Ost-West-Vergleich. In Kindergärten, wo es viele Wurmerkrankungen gab, zeigte sich ein diesbezüglicher Vorteil.

Welche Behandlungen gibt es?
Mazhar: Die Therapeutika sind genauso vielfältig wie die Organismen selber.

Hutter: Leider sind nicht immer Mittel vorhanden. Manchmal kommen Antibiotika zum Einsatz, Wurmmittel, speziell entwickelte Medikamente, eine Impfung für Reisen in endemische Gebiete bei Malaria-Gefahr etc. Es entwickeln sich aber auch immer wieder Resistenzen.

Buchtipp: „Parasiten – Meister der Manipulation“

Urwald, Tiefsee, Stadtwohnung – Parasiten besetzen jeden Lebensraum. In ihrem neuen Buch „Parasiten – Meister der Manipulation“ werfen Hans-Peter Hutter und Raoul Mazhar einen ebenso vergnüglichen wie kenntnisreichen Blick darauf, wie Mikroorganismen Verhalten umprogrammieren, Körper kapern und Evolutionsgeschichte mitschreiben.

Wissenschaftlich präzise, mit trockenem Witz und oft makaber komisch liest sich das Sachbuch wie ein Krimi aus der Natur. Erschienen im Ueberreuter Verlag. ISBN: 978-3-8000-7896-7

Buchempfehlung „Parasiten – Meister der Manipulation“.
Buchempfehlung „Parasiten – Meister der Manipulation“.(Bild: ueberreuter verlag)

Hat nicht auch die Klimaveränderung Einfluss auf die Verbreitung?
Hutter: Die geografische Verbreitung der Parasiten ist abhängig von der Umgebung und damit auch von Temperatur und Klima. Die Tigermücke und andere Stechmückenarten, die Überträger von exotischen Krankheiten sind, kommen nun ab und an auch bei uns vor. Da gehören sie aber eigentlich nicht hin. Auch die Riesenzecke und das Westnilvirus gehören dazu. Sie werden in Zukunft vermehrt auftreten. Ich bin überzeugt, dass die Verbreitung schon deutlich größer ist als der Nachweis, da die meisten Infektionen nicht auffällig sind. Das hat dennoch eine Bedeutung für das Gesundheitswesen und erfordert eine Klimawandel-Anpassung des Gesundheitssystems.

Mazhar: Früher war auch Malaria bei uns eine Bedrohung. Italien ist erst seit den 1970er-Jahren Malaria-frei. Wir können uns nicht zurücklehnen und sollten uns vermehrt mit diesen Entwicklungen beschäftigen.

 

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