Sind wir feig?

Warum uns oft der Mut zur Veränderung fehlt

Was wäre, wenn nicht das Leben uns bremst – sondern ein unsichtbarer Mechanismus in uns selbst? Wir sprechen gern von Freiheit, Chancen und Selbstverwirklichung. Doch etwas ganz Bestimmtes entscheidet darüber, ob wir sie tatsächlich nutzen. Psychologin Mag. Dr. Karin Flenreiss‑Frankl weiß, was dahintersteckt.

Wenn wir gegen unsere eigenen Werte leben, ohne klare Ziele unterwegs sind oder kein inneres „Warum“ haben, das uns morgens antreibt, spüren wir das. Meist nicht laut, sondern als stillen Zweifel: „War das schon alles? Irgendetwas fühlt sich nicht stimmig an.“

Es ist vielmehr ein diffuses Ziehen, das uns signalisiert, dass etwas nicht mehr stimmig ist. Doch genau dann setzt ein Mechanismus ein, der uns zurückhält – zuverlässig, hartnäckig, oft unbemerkt. Die Antwort liegt nicht dort, wo wir sie vermuten.

Wir leben in einer Zeit, in der theoretisch alles möglich scheint: den Job flexibler gestalten, in eine WG oder ein Tiny House ziehen, einen Straßenhund adoptieren oder die Ernährung komplett umstellen. Diese Freiheit ist ein Privileg – und gleichzeitig eine Herausforderung.

Denn je größer die Auswahl, desto größer die Gefahr, sich zu verlieren. Aus Angst, falsch zu entscheiden, entscheiden viele gar nicht. Das Problem, wenn man nicht selbst entscheidet, entscheiden andere für einen.

Zitat Icon

Veränderung scheitert selten an der Realität – viel öfter an unseren eigenen Überzeugungen.

Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl, klinische Psychologin, Arbeits- und Gesundheitspsychologin

Mag. Dr. Flenreiss-Frankl, klinische Psychologin, Gesundheits- und Arbeitspsychologin betont: „Das Leben ist viel zu kurz, um alle Optionen, die es gäbe, zu leben. Daher muss man sich immer entscheiden. Aus Überforderung beginnen viele erst gar nicht, ihre Optionen zu prüfen.“

Boykottieren Sie Ihre eigenen Träume?
Vielleicht sehnen Sie sich nach einem Leben am Land – und bleiben trotzdem in der Großstadt. Sollten dafür nicht familiäre, berufliche oder finanzielle Gründe ausschlaggebend sein, lohnt sich die Frage: Warum eigentlich?

Oft sabotieren wir uns selbst, bevor wir überhaupt starten. Gedanken wie: „Ich finde dort sowieso nicht, was ich suche.“ „Was, wenn ich dort keine neuen Freundschaften schließe?“ Oder beim Wunsch nach einer Partnerschaft: „Ich bin eine graue Maus.“ „Ich bin ein Langeweiler.“ „Wenn mir jemand gefällt, will er oder sie mich bestimmt nicht.“

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, daher bleiben wir häufig in unseren Gewohnheiten und Routinen, obwohl sie sich nicht mehr richtig anfühlen. Veränderung beinhaltet immer ein Risiko. Vergessen wird aber: In nicht guttuenden Situationen zu verweilen, ist ebenso „riskant“.

Zeit für eine ehrliche Bestandsaufnahme
Hinter solchen Blockaden steckt häufig Angst: Angst vor Veränderung, vor Kontrollverlust, vor dem Verlassen der Komfortzone oder davor, sich Fehler einzugestehen. Vielleicht ist man in einer neuen Beziehung, wünscht sich Harmonie, kämpft aber weiterhin mit Eifersucht, die schon frühere Partnerschaften belastet hat. Oder man gibt für berufliche Rückschläge konsequent anderen die Schuld.

„Ehrlichkeit gegenüber sich selbst ist unbequem, aber notwendig. Wer sich selbst belügt, bleibt stehen. Muster wiederholen sich, statt vorwärts geht es rückwärts“, erklärt die „Krone“-Expertin.

Entwicklung entsteht durch Tun. Change ist der Moment, Chance ist, was wir daraus machen.
Entwicklung entsteht durch Tun. Change ist der Moment, Chance ist, was wir daraus machen.(Bild: Gajus - stock.adobe.com)

Außerdem betont sie: „Wer seine Träume nicht ernst nimmt, darf sich nicht wundern, wenn sie unerfüllt bleiben.“ Denn von Veränderung zu träumen, reicht nicht. Entwicklung entsteht durch Tun. Am treffendsten drückt es das Zitat aus: „Alle sagten: Das geht nicht. Dann kam einer, der wusste das nicht und hat es einfach getan.“

Die Psychologin bringt es auf den Punkt: „Auch im Leben muss man den Boden vorbereiten, bevor etwas Neues wachsen kann.“ Es braucht mehrere Schritte, Geduld und die Bereitschaft, aktiv zu werden.

Werte als Wegweiser
Werte helfen uns, Entscheidungen zu treffen – vorausgesetzt, wir kennen sie. „Sie sind wie ein innerer Kompass – ohne sie drehen wir uns im Kreis“, so Mag. Dr. Flenreiss-Frankl. Sie gibt zu bedenken: „Es muss nicht immer ein Entweder-oder sein. Aber Klarheit über die eigenen Prioritäten erleichtert jede Entscheidung.“

Ein paar Beispiele gefällig?

In Karrierefragen: Was zählt mehr – Freiheit oder Sicherheit?

Familienplanung: Will ich Kinder, oder ist mir Unabhängigkeit wichtiger?

Die Ernährung betreffend: Fleisch oder kein Fleisch? Konventionell oder nachhaltig? Was wiegt schwerer – Gesundheit, Sparsamkeit, Verantwortung?

Freizeitgestaltung: Zieht mich Neugier in neue Abenteuer, oder bleibe ich lieber bei Altbewährtem?

Wenn Ziele erreicht sind – und plötzlich Leere entsteht
Manchmal hält uns ein Ziel über Jahre auf Kurs. Doch sobald wir es erreichen – Abschluss, Marathon, Auszug der Kinder, Pension – entsteht ein Vakuum. Deshalb lohnt es sich, frühzeitig Folgeziele zu entwickeln. Damit der nächste Schritt schon sichtbar wird, bevor der alte Weg endet.

Mut zur Veränderung
Mit diesen Tools erreichen Sie Ihre Ziele leichter!

Die Wunderfrage: 
Mag. Dr. Flenreiss-Frankl fragt Ihre Klienten gerne: „Stellen Sie sich vor, heute Nacht, während Sie schlafen, geschieht ein Wunder: Das Problem, weswegen Sie hier sind, ist gelöst. Da Sie schlafen, wissen Sie nicht, dass dieses Wunder passiert ist. Woran würden Sie morgen als Erstes merken, dass sich etwas verändert hat? Was wäre anders, wie sehe es ganz konkret aus?“

Aus einem diffusen Wunsch wird eine greifbare Vision. Und aus dieser Vision lassen sich erste, realistische Schritte ableiten. Die Wunderfrage ist also kein naiver Tagtraum, sondern ein psychologisches Werkzeug: Sie aktiviert Ressourcen, macht Ziele sichtbar und stärkt die Zuversicht, dass Veränderung möglich ist. Genau dort beginnt Mut.

Die 10-Minuten-Zukunft: 
Stellen Sie einen Timer auf 10 Minuten. Schreiben Sie ohne Pause: Wie sieht mein Leben in einem Jahr aus, wenn alles gut läuft? Nicht denken, nur fließen lassen. Danach markieren Sie drei Sätze, die Sie am meisten berühren. Diese drei sind oft der Kern Ihrer wahren Ziele.

Die „Warum“-Kaskade: 
Wählen Sie ein Ziel, z. B. „Ich möchte mich beruflich verändern“. Fragen Sie sich fünfmal hintereinander: warum? Jede Antwort führt zur nächsten. Am Ende steht meist der echte, tiefere Antrieb.

Die Werte-Priorisierung: 
Schreiben Sie Ihre wichtigsten Werte auf (z. B. Familie, Gesundheit, Freiheit, Sicherheit, Kreativität). Ordnen Sie sie spontan nach Wichtigkeit. Dann prüfen Sie: Passt mein aktuelles Ziel zu meinen Top-3-Werten? Wenn nicht, wird es schwer, motiviert zu bleiben.

Die „3‑Gewinne‑Methode“: 
Diese Übung richtet den Fokus bewusst auf Fortschritt statt Perfektion. Am Ende jedes Tages beantworten Sie drei kurze Fragen:

1. Was habe ich heute getan, das mich meinem Ziel ein kleines Stück nähergebracht hat?

2. Was habe ich gelernt, das mir morgen hilft?

3. Was kann ich morgen tun, das maximal fünf Minuten dauert?

Weshalb diese Methode besonders gut wirkt: Sie trainiert den Blick für Erfolge, auch wenn sie klein sind. Sie verhindert, dass man sich von großen Zielen einschüchtern lässt. Sie bringt Dynamik hinein, weil jeder Tag einen Mini-Fortschritt enthält. Diese Methode ist besonders hilfreich für Menschen, die viel wollen, aber oft das Gefühl haben, „nicht genug“ zu tun. Sie zeigt: Ziele erreicht man nicht in Sprüngen, sondern in Schritten.

Hindernisse aus dem Weg räumen
Auf dem Weg der Veränderung begegnen uns Stolpersteine: Stress durch Verlust von Gewohntem, Ängste, alte Glaubenssätze, innere Konditionierungen. Wichtig ist, sie zu erkennen und Strategien zu entwickeln, um nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren. Oder wie Mag. Dr. Karin Flenreiss-Frankl es ausdrückt: „Veränderung scheitert selten an der Realität – viel öfter an unseren eigenen Überzeugungen.“

Loading...
00:00 / 00:00
Abspielen
Schließen
Aufklappen
kein Artikelbild
Loading...
Vorige 10 Sekunden
Zum Vorigen Wechseln
Abspielen
Zum Nächsten Wechseln
Nächste 10 Sekunden
00:00
00:00
1.0x Geschwindigkeit
Loading
Eingeloggt als 
Nicht der richtige User? Logout

Willkommen in unserer Community! Eingehende Beiträge werden geprüft und anschließend veröffentlicht. Bitte achten Sie auf Einhaltung unserer Netiquette und AGB. Für ausführliche Diskussionen steht Ihnen ebenso das krone.at-Forum zur Verfügung. Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

User-Beiträge geben nicht notwendigerweise die Meinung des Betreibers/der Redaktion bzw. von Krone Multimedia (KMM) wieder. In diesem Sinne distanziert sich die Redaktion/der Betreiber von den Inhalten in diesem Diskussionsforum. KMM behält sich insbesondere vor, gegen geltendes Recht verstoßende, den guten Sitten oder der Netiquette widersprechende bzw. dem Ansehen von KMM zuwiderlaufende Beiträge zu löschen, diesbezüglichen Schadenersatz gegenüber dem betreffenden User geltend zu machen, die Nutzer-Daten zu Zwecken der Rechtsverfolgung zu verwenden und strafrechtlich relevante Beiträge zur Anzeige zu bringen (siehe auch AGB). Hier können Sie das Community-Team via unserer Melde- und Abhilfestelle kontaktieren.

Kostenlose Spiele
Vorteilswelt