


Sprudelnde Bodenschätze, Top-Firmenstandorte in der aufstrebenden Region zwischen Wien und der Ostgrenze? – Lange genug hat man die Marchfelder mit Zukunftsplänen und vermeintlichen Wirtschaftsprojekten hingehalten. Ein Lokalaugenschein in Leopoldsdorf am Tag 1 nach dem Aus für die Zuckerfabrik.
„Schauen’S, es begann mit dem Verkauf der Austria Tabak in Hainburg, wo das halbe Marchfeld beschäftigt war. Dann wurde die Pharma-Industrie verscherbelt, dann begann man uns auch als Zuckerregion schrittweise abzuwerten“, grummelt ein Ortsbewohner: „Wie war das mit den Phrasen, dass man von Auslandsware unabhängig werden will?“
Stimmung im Ort: Leopoldsdorfer erzählen
Gleich gegenüber vom Rathaus trifft man in einer Imbissstube auf Günter Gulz. Der 85-Jährige hat die „goldenen Zeiten“ der Zuckerfabrik noch miterlebt – 30 Jahre lang war er beim einst größten Arbeitgeber der Region beschäftigt, über den ihm kein schlechtes Wort über die Lippen kommt. Ganz im Gegensatz zu seiner Meinung zum nunmehr plötzlichen Ende des Werks.
„Wir waren eine große Familie“, erinnert sich Gaby Steiner-Kropik an ihre Tätigkeit in der Fabrik. Den ersten Umschwung spürte die heute 60-Jährige, „als die sehr beliebten Betriebsführungen abgeschafft wurden“.



Zwei Landwirte schildern ihre Sichtweisen
Die Landwirte Johann Lugmayr und Martin Rodner sehen es bodenständiger: „Die Rüsselkäfer-Krise und jahrelanges Vertrösten über eine Schließung der Zuckerfabrik haben uns abgehärtet. Der Rübenanbau zehrt zwar an der Bodenqualität, aber dass wir nicht imstande gewesen wären, die nötigen Mengen zu liefern, ist schlichtweg falsch.“ Die Agrarier weisen auf die Umwegrentabilitäten des Betriebes hin, die nun wegfallen: „Von der Lieferindustrie bis zur regionalen Wirtschaft – kleine Betriebe, die das Betriebsgelände in Schwung gehalten haben. Die Fabrik war im Fokus.“
Bürgermeister kritisiert globale Marktentwicklung
Ins gleiche Horn stößt Bürgermeister Clemens Nagel: „Es trifft zwar besonders jene, die ihre Jobs verlieren“, ist er „zutiefst schockiert“. Die Zuckerfabrik war der Wirtschaftsmotor im Ort. Das Aus erfüllt die Bewohner mit Wehmut.
Es sei gar nicht die Agrana selbst, die jahrelang den Standort gehalten hat, jetzt jedoch Maßnahmen setzt bzw. angesichts der Globalisierung des Marktes reagiert, so Nagel.
Eine Tragödie. Wir hoffen, dass dem Marchfeld keine weitere Industrieruine hinterlassen wird.
Clemens Nagel, Bürgermeister von Leopoldsdorf im Marchfelde
Aber man müsse sich auch vergegenwärtigen, dass die Gemeinde „mit einem Schlag den Löwenanteil an kommunalen Einnahmen verliert, was jetzt auf alle Bürger von Leopoldsdorf Auswirkungen haben wird . . . “
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