Di, 25. September 2018

"Krone"-Interview

01.12.2012 17:11

Abschiebe-Drama um Leonesa: "Am Abend weine ich"

Protest und Unverständnis nach einem Schreibtisch-Urteil des Asylgerichtshofes: Familie M. aus dem Kosovo soll – fünf Jahre nach ihrer Einreise in Österreich – abgeschoben werden. Es gebe demnach "keine Hinweise auf nachhaltige Integrationsbestrebungen". Nur: Die zwölfjährige Tochter des Ehepaars ist Vorzugsschülerin an der Sir-Karl-Popper-Schule in Wien. Sie ist Klassenbeste in Deutsch und will Anwältin oder Ärztin werden. Im "Krone"-Interview mit Conny Bischofberger spricht Leonesa (Bild) über das Leben als Flüchtlingsmädchen, ihre Ängste und was sie tröstet.

500 Schüler und Lehrer sind für das Flüchtlingsmädchen auf die Barrikaden gegangen (siehe Story in der Infobox), Caritas-Direktor Michael Landau fordert "eine menschliche Lösung". Zum "Krone"-Interview hat Leonesa Mama, Papa und ihren Klassenvorstand mitgebracht. "Ich mag den Adventkranz", lächelt sie, "obwohl ich Muslimin bin. Der Schein der Kerze ist wunderschön."

"Krone": Leonesa, was bedeutet dein Name?
Leonesa M.: Meine Eltern haben ihn im italienischen Fernsehen gehört. Für mich bedeutet er "kleine Löwin". Er passt zu mir, denn ich bin definitiv mutig.

"Krone": Dein Fall scheint ziemlich aussichtslos: Der Verfassungsgerichtshof hat am Freitag eine Beschwerde des Anwaltes gegen die Abschiebung abgewiesen, die rechtlichen Möglichkeiten sind jetzt erschöpft.
Leonesa: Darüber bin ich auch sehr traurig. Seit das Urteil gekommen ist, habe ich Angst. Ich habe gleich angefangen zu weinen, ich konnte es einfach nicht glauben.

"Krone": Angst wovor?
Leonesa: Angst vor der Fremdenpolizei. Dass sie kommen, um uns abzuholen. Ich würde nicht mitgehen, ganz sicher nicht.

"Krone": Was wäre so schlimm, in den Kosovo zurückzugehen?
Leonesa: Ich habe mein halbes Leben in Österreich verbracht. Ich spreche besser Deutsch als Albanisch. Ich möchte Anwältin oder Ärztin werden. Im Kosovo habe ich keine Zukunft. Ich glaube nicht, dass mein Vater dort eine Arbeit finden würde.

"Krone": Aber er hat in Österreich auch keine Arbeit.
Leonesa: Weil er nicht arbeiten darf! Er möchte arbeiten, und er könnte auch arbeiten. Aber nur, wenn er ein Visum hat.

"Krone": Wie lebt ein Flüchtlingsmädchen?
Leonesa: Erst kamen wir ins Flüchtlingslager Traiskirchen. Damals konnte ich noch kein einziges Wort Deutsch. Dann sind wir nach St. Johann im Pongau geführt worden. Ich erinnere mich, dass es dort kalt war und geschneit hat. Jetzt wohnen wir in Wien, auf 35 Quadratmeter. Ich schlafe auf der Couch.

"Krone": Bist du glücklich?
Leonesa: Im Moment habe ich Kopfweh... Am Abend weine ich meistens. Meine Eltern sagen, ich muss mich langsam an den Gedanken gewöhnen zurückzugehen. Aber das kann ich nicht.

"Krone": Was tröstet dich?
Leonesa: Das Einschlafen. Wenn ich dann aufstehe, ist es ein gutes Gefühl zu wissen, dass ich zur Schule kann. Dort ist alles wieder gut.

"Krone": Wussten deine Klassenkameraden, dass deine Familie um Asyl angesucht hat?
Leonesa: Nein... Erst als das Urteil kam, habe ich es meiner Lese-Oma und der Deutschlehrerin gesagt. Mein Klassenvorstand kämpft jetzt für mich. 500 Leute haben gegen die Abschiebung unterschrieben. Ich möchte allen Danke sagen!

"Krone": Wer könnte dir jetzt noch helfen?
Leonesa: Die Frau Mikl-Leitner (Innenministerin, Anm.). Oder der Staatssekretär Sebastian Kurz vielleicht. Dem ist es wichtig, dass man gut Deutsch spricht. Ich habe viel von Nickelodeon und Super RTL gelernt.

"Krone": Wäre es nicht ungerecht, wenn deine Familie dableiben darf und viele andere in derselben Situation abgeschoben werden?
Leonesa: Ich würde mir auch für alle anderen, die gut integriert sind, wünschen, dass sie dableiben dürfen. Und dass ihre Fälle überprüft werden. Diese Richter vom Asylgerichtshof kennen mich nicht. Sie haben sich nie ein Bild von mir gemacht. Deshalb will ich vor Gericht aussagen.

"Krone": Hast du dir in deiner Phantasie vorgestellt, was du machen wirst, wenn das nicht gut ausgehen sollte?
Leonesa: Es ist für mich schwer vorstellbar. Ich habe oft Albträume. Im Traum sehe ich mich alleine im Kosovo. Nicht in unserem Dorf. In einer Stadt, ohne meine Eltern, ganz alleine.

"Krone": Ist Arigona Zogaj ein Vorbild für dich?
Leonesa: Ich kann ihr wirklich zustimmen. Sie ist damals untergetaucht. Dann hat ihr ein Pfarrer geholfen. Wenn die Polizei kommt, verstecke ich mich auch in der Kirche. Maria vom Siege, am Gürtel. Dort bete ich oft.

"Krone": Obwohl du Muslimin bist?
Leonesa: Ja. Ich lebe nicht streng moslemisch. Ich esse kein Schweinefleisch, aber ich gehe nicht in die Moschee und ich trage kein Kopftuch. Den Koran lese ich auch gerade nicht. Aber ich bete. Zu Gott.

"Krone": Weißt du eigentlich, warum deine Eltern vor fünf Jahren nach Österreich gekommen sind?
Leonesa: Sie haben mir die näheren Umstände nie erzählt. Irgendwann werde ich sie fragen. Ich weiß nur, dass unser Opa sein gesamtes Geld für den Schlepper hergegeben hat: 3.500 Euro.

"Krone": War es die richtige Entscheidung?
Leonesa: Ich glaube, dass es richtig war, obwohl ich einfach sehe, dass sie manchmal sehr verzweifelt sind, das kann ich irgendwie fühlen. Auf jeden Fall war es ihre Entscheidung, nicht meine. Aber jetzt ist es mein Leben.

Ihre Geschichte
Geboren am 26.7.2000 in Jabllanica im Kosovo. 2007 flüchten ihre Eltern nach Österreich und stellen hier den Antrag auf Asyl – erfolglos. Leonesa ist Vorzugsschülerin an der Sir-Karl-Popper-Schule in Wien. Trotzdem sieht der Asylgerichtshof in seinem Urteil "keine Hinweise auf nachhaltige Integrationsbestrebungen"; die Familie müsse innerhalb von 14 Tagen ausreisen. Der Anwalt hat beim Verfassungsgericht Berufung eingelegt, die Beschwerde wurde jedoch abgelehnt.

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