Schmerzen, Behinderung

Millionen Krankenstandstage durch Rheuma

Gesund Aktuell
04.06.2024 15:05

In Österreich führen alle Erkrankungen des Bewegungsapparates gemeinsam zu 9,5 Millionen Krankenstandstagen pro Jahr das ist die höchste Summe aller Erkrankungsgruppen. Entzündliches Rheuma betrifft derzeit 300.000 Menschen. Für sie stehen landesweit aber nur 300 Fachärzte zur Verfügung!

Der Mangel an Rheumatologen wird sich in den kommenden Jahren noch aufgrund von Pensionierungen verschärfen, warnte Priv.-Doz.Dr. Valerie Nell-Duxneuner bei einer Pressekonferenz anlässlich eines Fachkongress der European Alliance of Associations for Rheumatology (EULAR), der heuer vom 12. bis 15. Juni in Wien stattfindet. Es fehlend zudem Kassenstellen, vor allem in ländlichen Gebieten.

Dabei sind bei rheumatischen Erkrankungen Früherkennung und spezifische, moderne Therapie besonders wichtig. Andernfalls drohen Langzeitschäden, Arbeitsunfähigkeit und Verlust der Lebensqualität.

Langer Weg bis zur Diagnose
Davon berichtete Patientin Ariane Schrauf. Sie erkrankte 2017, mit 41 Jahren, an Diffuser systemische Sklerodermie (seltene, chronisch verlaufende Autoimmunerkrankung des Bindegewebes), verbunden mit starken Schmerzen, Bewegungseinschränkung, Beschwerden beim Schlucken und im Magen-Darmbereich.

Doch es dauerte lange, bis die Diagnose feststand. Es war die Hölle. „Im Juni 2018 kam es dann zu einem kompletten Zusammenbruch. Die Untersuchungen deuteten zunächst auf einen möglichen Herzinfarkt hin. Trotz umfassender Herzuntersuchungen im Krankenhaus, die ein gesundes Herz bestätigten, blieb die Ursache meiner Beschwerden unklar. Ein Arzt überwies mich schließlich an die Klinische Abteilung für Rheumatologie und Immunologie am Landeskrankenhaus (LKH) Graz. Nach zahlreichen Untersuchungen ergab eine Kapillar-Untersuchung die Diagnose. Das stürzte mich in ein psychisches Loch.“

Rheuma-Pressekonferenz in Wien. Patientin Ariane Schrauf (2. v. l.) erzählte von ihrem langen Leidensweg und dem Erfolg moderner Behandlungsmethoden. (Bild: Welldone Werbung und PR GmbH/APA-Fotoservice/Juhasz)
Rheuma-Pressekonferenz in Wien. Patientin Ariane Schrauf (2. v. l.) erzählte von ihrem langen Leidensweg und dem Erfolg moderner Behandlungsmethoden.

Auf Hilfe angewiesen
Die damals allein erziehende Mutter aus dem Burgenland musste ihren Teenager-Sohn bitten, ihr beim Anziehen zu helfen oder das Marmeladeglas zu öffnen. In der Früh dauerte es bis zu einer Stunde, um aus dem Bett zu kommen. Schauf: „Vor allem das morgendliche Aufstehen war ein Problem, da meine Gelenke steif waren. Bewegung war kaum möglich, die Finger ließen sich nicht abbiegen.“

Geholfen hat ihr dann eine neue Behandlungsmethode mit einem sogenannten Anti-CD20-Antikörper (wirkt auf das Immunsystem) als Dauertherapie. Auch Physiotherapie ist wichtig und psychische Entlastung. Jetzt kann die Patientin sogar wieder Radeln und findet darin Mut und Zuversicht: „Radfahren ist für mich mittlerweile ein ebenso wichtiger Teil der Therapie wie die Infusionen. Es gibt mir eine Pause von der Krankheit“.

Österreichische Forscher im Spitzenfeld
Umso wichtiger sind weitere wissenschaftliche Arbeiten und mehr Awareness für rheumatische Erkrankungen, wie auch Univ.-Prof. Dr. Daniel Aletaha, Leiter der Klinischen Abteilung für Rheumatologie am AKH-Wien und Präsident der  EULAR betonte.„In den vergangenen beiden Jahrzehnten ist in der Rheumatologie ein außergewöhnlicher Wissenssprung gelungen, an dem  österreichische Wissenschaftler maßgeblich beteiligt waren. In der Rheumatherapie geht es uns nicht mehr nur darum, dass es dem Patienten besser geht – es muss im wirklich gut gehen! Daran arbeiten und forschen wir weiter.“

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Ich wollte aktiv etwas gegen meine Bewegungseinschränkung tun. So kam ich aufs Radfahren. Das bedeutet Freiheit für mich. 

(Bild: Welldone Werbung und PR GmbH/APA-Fotoservice/Juhasz)

Arina Schrauf, Rheuma-Patientin

Rheuma ist nicht nur eine Gelenkerkrankung älterer Menschen, sondern eine entzündliche Systemerkrankung, die in jedem Lebensalter auftreten kann, betonte Assoc. Prof.in Dr.in Helga Lechner-Radner von der Abteilung für Rheumatologie am AKH-Wien und Leiterin der Sektion Wissenschaft der ÖGR (Österr. Gesellschaft für Rheumatoligie: „Frühe Diagnose und adäquate Behandlung sind daher unerlässlich, um die Belastung für den einzelnen Patienten, als auch für die Gesellschaft im Allgemeinen, zu verringern.“

Frühpension und Arbeitsunfähigkeit
Hauptursache für Behinderung

Entzündlich rheumatische Erkrankungen verursachen nicht nur Schmerzen, sie führen zu Bewegungseinschränkungen und verminderter körperlicher und kognitiver Leistungsfähigkeit bis hin zu permanenter Behinderung. Muskuloskelettale Erkrankungen sind die Hauptursache für Behinderung in Europa und für mehr als 50 Prozent der in Behinderung verbrachten Lebensjahre verantwortlich. Laut Weltgesundheitsorganisation WHO fallen ein Drittel aller Patienten mit Rheumatoider Arthritis (chronische Gelenkentzündung aufgrund fehlgeleiteter Immunprozesse) innerhalb von fünf Jahren nach Diagnosestellung aus dem Erwerbsprozess, bei der Mehrheit kommt es zu deutlicher Einschränkung der Produktivität am Arbeitsplatz aber auch im Alltag.

Rheuma und Krebs

Knapp 300.000 Personen in Österreich leiden an entzündlichen rheumatischen Erkrankungen. Je nach Art – der rheumatische Formenkreis umfasst mehr als 400 verschiedene Krankheitsbilder – können verschiedene lebenswichtige Organe wie Herz, Lunge oder Niere geschädigt oder irreversibel zerstört werden. Chronische Entzündungsprozesse erhöhen das Risiko für Herzinfarkte (bei Patienten mit rheumatoider Arthritis bis zu 63 Prozent höher als in der Vergleichspopulation!), Schlaganfälle und Krebs, etwa Lungenkarzinom (um 60 Prozent erhöht) und Melanom („schwarzer Hautkrebs, 40 Prozent höheres Risiko).

Wie kann man den Versorgungsmangel aufhalten? Bereits jetzt wird der Beruf des Rheumatologen Jungärzten durch gezielte Informationen und Ausbildungsangebote schmackhaft gemacht. Die ÖRG und Patientenorganisationen fordern die Etablierung einer „Rheuma-Fachisstenz als Unterstützung zur interdisziplinären Betreuung Betroffener. Zudem wird der Einsatz von  Künstlicher Intelligenz, medizinsicher Apps und Robotersystemen (z.B. bei Ultraschalluntersuchungen) schnellere Ergebnisse bringen.

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