Neurochirurg Eisner:

„Schmerzen aushalten zu müssen, ist gemein“

Österreich
18.04.2024 22:56

Ungefähr 80 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner in Alten- und Pflegeheimen in Österreich leiden an Schmerzen. Einen entsprechenden Umgang damit gibt es laut der Volksanwaltschaft aber nicht. Wilhelm Eisner, Neurochirurg und Präsident der Schmerzgesellschaft Österreich, bezeichnet das als „ganz schlimmes“ Ergebnis und spricht von einem „Strukturproblem.“

Der Mediziner war am Donnerstagabend in der „ZiB 2“ zu Gast. Im Interview gab er der Volksanwaltschaft recht, dass es kein entsprechendes Schmerzmanagement in Österreichs Alten- und Pflegeheimen gebe. Darunter fallen für Eisner etwa ein Abklären und weiteres Beobachten der Schmerzen sowie ein Plan zur Betreuung. Um das umzusetzen, bräuchte es mehr ausgebildetes Personal und in diesem Zusammenhang auch mehr Studienplätze, genauso klare Anweisungen von Ärztinnen und Ärzten.

Ärzte nicht immer vor Ort
Dabei sieht der Präsident der Schmerzgesellschaft eine Herausforderung darin, dass Ärztinnen und Ärzte nicht immer in Heimen anwesend seien. Manche würden beispielsweise einmal pro Woche vorbeikommen. Wenn jemand täglich anwesend sei, könnten Schmerzen und dahinterliegende Krankheiten viel besser erkannt und aufgefangen werden. Die Medikamente selbst sind dem Arzt nach verfügbar und auch nicht zu teuer.

Wilhelm Eisner, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (Bild: Österreichische Schmerzgesellschaft, Krone KREATIV)
Wilhelm Eisner, Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft

Die Volksanwaltschaft sagte am Mittwoch in einer Pressekonferenz gar, dass sich Schmerzen in vielen Fällen vermeiden ließen. Das Team hat 123 Einrichtungen in allen Bundesländern besucht und mit mehr als 1500 Bewohnerinnen und Bewohnern gesprochen. Besonders schlecht sei die Situation bei Menschen, die aufgrund von Beeinträchtigungen wie etwa Demenz gar nicht mehr äußern können, dass sie Schmerzen haben.

Frauen melden sich später
Laut Eisner ist das Ergebnis „ganz schlimm“. Es sei traurig und gemein, wenn jemand am Ende des Lebens Schmerzen aushalten müsse, weil etwa mit einer möglichen Abhängigkeit von Schmerzmitteln begründet wird. Ihm nach werden diese hierzulande richtig eingesetzt und sind reglementierter als beispielsweise in den USA, deren „beliebteste Droge“ Fentanyl sei.

In der Schmerzbehandlung gebe es noch Aufholbedarf. So müsse das Augenmerk verstärkt auf Kinder und Alte, aber auch auf beide Geschlechter gelegt werden. Frauen nehmen Schmerzen laut dem Arzt stärker wahr, verarbeiten sie im Vergleich zu Männern aber auch besser.

Die Volkshilfe schlägt unter anderem regelmäßige Schulungen im Schmerzmanagement für das Personal in Alters- und Pflegeheimen und personenunabhängige Suchmittelnotfalldepots vor, die gesetzlich erlaubt werden. Damit sind Notfallmedikamente gemeint, wenn gewartet werden muss, bis eine Ärztin oder ein Arzt verfügbar ist.

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