Kachowka-Katastrophe:

Ukrainerin: „Zwingen Menschen, zu ertrinken!“

Ausland
09.06.2023 22:04

Nach dem verheerenden Bruch des Kachowka-Staudammes in der Ukraine beginnt der Wasserstand in den überschwemmten Gebieten allmählich zu sinken. Mittlerweile wird immer mehr über die katastrophalen Zustände bei der Evakuierung bekannt. Es könnte Hunderte Tote geben. Zum Teil wurden sogar Evakuierungszonen von der russischen Seite beschossen.

Laut der Ukraine ist der Bruch des Kachowka-Staudamms im Süden des kriegsgebeutelten Landes die größte menschengemachte Katastrophe seit Jahrzehnten. Nun erklärte der Chef der Militärverwaltung von Cherson Alexander Prokudin, dass das Wasser in der Nacht um 20 Zentimeter zurückgegangen sei. Aufatmen kann man allerdings noch lange nicht.

Stadt Oleschky besonders betroffen 
Am schlimmsten von den Fluten getroffen wurde die Stadt Oleschky, die in der südukrainischen Oblast Cherson liegt. Laut dem Bürgermeister der Stadt warten noch Hunderte Menschen auf Dächern auf ihre Rettung, Tausende benötigten Hilfe. Im ukrainischen Fernsehen schilderte der Politiker, dass die von Russland eingesetzten Behörden nichts unternähmen, um die Bewohner zu retten. Freiwillige berichten, dass es sehr chaotisch zuginge und sie in ihrer Tätigkeit behindert würden.

Das Dorf Dnipryany in der russisch besetzten Ukraine. Tausende Menschen sollen von den Überschwemmungen infolge der Zerstörung des Kachowka-Staudamms betroffen sein. (Bild: ASSOCIATED PRESS)
Das Dorf Dnipryany in der russisch besetzten Ukraine. Tausende Menschen sollen von den Überschwemmungen infolge der Zerstörung des Kachowka-Staudamms betroffen sein.

Evakuierungszone beschossen
Ein Augenzeuge sprach von Hunderten Toten. Oleschky sei zudem, wie zuvor die Stadt Cherson, in der Evakuierungszone von russischen Streitkräften beschossen worden. Nach ukrainischen Angaben wurden bei russischen Luftangriffen auf das Zentrum von Cherson und sein Umland ein Mensch getötet und 18 weitere verletzt, darunter auch Angehörige der Rettungsdienste.

Betroffene auf sich selbst gestellt
Die Bewohner von Oleschky werfen den russischen Behörden vor, erst sehr spät auf den Bruch des Megadammes reagiert zu haben. Es sei sehr seltsam gewesen. Anfangs habe man ihnen mitgeteilt, dass eine großangelegte Evakuierung nicht notwendig sein würde. Am Abend nach der Zerstörung des Dammes hieß es, man hätte einen Plan für die Evakuierung der Bewohner ausgearbeitet, allerdings gebe es zu wenig Anfragen. „Die Menschen wollen nicht weg“, hieß es vonseiten des russischen Katastrophenschutzministeriums. Die Bewohner waren daher komplett auf sich selbst gestellt und versuchten, sich auf eigene Faust in Sicherheit zu bringen. Die ukrainischen Streitkräfte konnten mithilfe einer Drohne aufnehmen, wie die Menschen verzweifelt um Hilfe flehten:

Rettung nur mit russischem Pass
Das unabhängige russisch-lettische Nachrichtenportal Meduza schreibt, die russischen Streitkräfte hätten allerdings nicht einmal alle Bewohner, die sich selbst retten konnten, aus den überfluteten Ortschaften hinausgelassen. An den Russen seien nur jene vorbeigekommen, die die russische Staatsbürgerschaft gehabt hätten. Diese Information bestätigte auch der Bürgermeister der Stadt. „Sie (die russischen Streitkräfte, Anm. d. Red.) zwingen die Menschen sozusagen dazu, in ihren Häusern zu ertrinken“, schilderte eine Ukrainerin gegenüber Meduza.

Erst am Abend des 7. Juni (das Unglück ereignete sich am 6. Juni in der Früh, Anm. d. Red.) erklärte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow, dass der russische Machthaber Wladimir Putin schließlich dem Katastrophenschutzministerium den Auftrag erteilt hätte, die Menschen aus den überfluteten Gebieten wegzubringen.

Leichen treiben im Wasser
Laut Angaben von Meduza haben es einige Menschen allerdings nicht einmal geschafft, sich aufs Dach zu retten. „Meine Mutter ist eine kräftig gebaute und schwere Frau. Sie ist einfach ertrunken“, schilderte eine Betroffene. Das unabhängige russische Nachrichtenportal Waschnye istorii berichtet von im Wasser treibenden Leichen. „Viele Menschen sind ertrunken. Es tauchen immer mehr Leichen auf“, führt auch die Financial Times ein Zitat einer Freiwilligen vor Ort an.

Viele Tiere gestorben
Auch viele Tiere starben in den Fluten - wie etwa Hunde, die bei Privathäusern angeleint waren. Mittlerweile gibt es auch neue Details zu der Tragödie im „Kazkova Dibrova“-Tierpark, der sich in der Stadt Nowa Kachowka befindet. Dort starben alle (fast 300) Tiere wegen des Hochwassers (wir berichteten). Nach neuen Angaben sollen die Tiere verendet sein, weil sie sich nicht aus ihren Käfigen befreien konnten.

Auf der Facebook-Seite des Zoos steht, dass man die Tiere nicht retten konnte, da alle Straßen gesperrt gewesen seien. Die umliegenden Gebiete seien vermint. Laut dem Bürgermeister der Stadt habe man die Tiere auch nicht gleich nach dem Dammbruch aus den Käfigen hinauslassen können. Denn die russischen Streitkräfte hätten den Mitarbeitern des Tierparks einfach den Zutritt verwehrt. Die Verstörung ist groß. Im Andenken an die Tiere werden Videos von ihnen im Netz geteilt.

Kämpfe intensivieren sich
Russland hatte seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine am 24. Februar 2022 begonnen und Tod und Zerstörung über das Land gebracht sowie zahlreiche Gebiete besetzt. In den vergangenen Tagen hatte sich das Kampfgeschehen deutlich intensiviert. Auch russische Grenzregionen wie Belgorod, Kursk und Brjansk klagten über vermehrten Beschuss. 

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