"Krone"-Interview

Arzt unter Verdacht – Opfer: “Er nannte es Reflexe testen”

Steiermark
08.07.2011 11:46
Der Missbrauchsverdacht gegen einen rund 60-jährigen Gynäkologen aus der Steiermark erhärtet sich. Immer mehr Frauen brechen ihr Schweigen. Die "Krone" hat mit zwei Patientinnen gesprochen.

Es quälen einen Schuld- und Schamgefühle. Man ist panisch, hat Angst. Viele Missbrauchsopfer schweigen jahrelang. Anders eine 39-jährige vierfache Mutter. Sie hatte den unglaublichen Mut, sich ihren Dämonen zu stellen und ihren Peiniger anzuzeigen - und hat damit eine Lawine ins Rollen gebracht, denn immer mehr Frauen brechen ihr Schweigen.

Durch ihr Gespräch mit der "Krone" hofft sie, dass noch mehr Patientinnen diesen Schritt wagen. Wie berichtet, ermitteln Staatsanwaltschaft und Landeskriminalamt Steiermark gegen einen Frauenarzt - und zwar wegen Missbrauchs des Autoritätsverhältnisses (siehe Lexikon unten). Der Gynäkologe soll während der Untersuchungen sexuelle Handlungen gesetzt haben. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.

"Erniedrigung, Scham und Panik"
"Ich bin mir so dreckig vorgekommen, so erniedrigt", erzählt die 39-Jährige. Am 26. April 2011 hatte sie den Frauenarzt auf Empfehlung aufgesucht. Doch die Untersuchung kam ihr merkwürdig vor. "Er nannte es Reize und Reflexe testen", sagt sie. Zuerst erkundigte sie sich im Spital und dann beim Hausarzt. "Der hat mir bestätigt, dass es eine derartige Untersuchung nicht gibt."

Panisch war sie und voller Angst. "Ich dachte, ich habe keine Chance. Ich war ja alleine im Zimmer. Wer soll mir glauben?" Geglaubt hat ihr ihre Psychologin Claudia Scheer (im Bild), die schon seit über drei Jahren mit einem derartigen Wissen lebt: "Eine Patientin hat das Gleiche durchgemacht. Aber durch die Schweigepflicht waren mir die Hände gebunden." Die Psychologin pocht deswegen auch auf eine anonyme Anzeigenpflicht. "Es gibt so viele kompetente Ärzte. Schwarze Schafe gehören aus dem Verkehr gezogen."

Ältestes Opfer: 81 Jahre
"Der Gedanke, was er anderen angetan haben könnte, hat mich ermutigt", erzählt die Vierfach-Mama unter Tränen. Bisher haben sich mehr als 20 getraut, Anzeige zu erstatten. Auch die 20-jährige Tochter einer Bekannten. Die Bekannte selbst war auch Patientin, fiel aber offenbar nicht ins Beuteschema: "Es ist ein Wahnsinn! Ich bin nur froh, dass meine Tochter das relativ gut weggesteckt hat. Wir würden uns freuen, wenn sich noch mehr Frauen melden würden." Das älteste bekannte Opfer ist 81 Jahre alt. "Er hat seine Auswahl perfid getroffen", so Scheer, hatte es auf Schwache abgesehen. Aber in der 39-Jährigen hat er sich getäuscht!

Über den Mediziner wurde übrigens (noch) kein Berufsverbot verhängt. "Das Verfahren läuft", hieß es von der steirischen Ärztekammer...

Lexikon: Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses

  • Wer 1. mit einer mit ihm in absteigender Linie verwandten minderjährigen Person, seinem minderjährigen Wahlkind, Stiefkind oder Mündel oder 2. mit einer minderjährigen Person, die seiner Erziehung, Ausbildung oder Aufsicht untersteht, unter Ausnützung seiner Stellung gegenüber dieser Person eine geschlechtliche Handlung vornimmt oder von einer solchen Person an sich vornehmen lässt oder, um sich oder einen Dritten geschlechtlich zu erregen oder zu befriedigen, dazu verleitet, eine geschlechtliche Handlung an sich selbst vorzunehmen, ist mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren zu bestrafen. 
  • Ebenso ist zu bestrafen, wer als Arzt, klinischer Psychologe, Gesundheitspsychologe, Psychotherapeut, Angehöriger eines Gesundheits- und Krankenpflegeberufes oder Seelsorger mit einer berufsmäßig betreuten Person, (…) unter Ausnützung seiner Stellung dieser Person gegenüber eine geschlechtliche Handlung vornimmt oder von einer solchen Person an sich vornehmen lässt oder, um sich oder einen Dritten geschlechtlich zu erregen oder zu befriedigen, dazu verleitet, eine geschlechtliche Handlung an sich selbst vorzunehmen.
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