Oliver Glasner

„Kopfbälle im Training haben mir Leben gerettet“

Perfektionistischer Fußballlehrer, geerdeter Familienmensch, verdienter Ehrenkapitän, studierter Betriebswirt: Oliver Glasner hat viele Beinamen. Er coachte Eintracht Frankfurt bis ins Finale der Europa League in Sevilla, wo am Mittwoch (21.00 Uhr/live auf sportkrone.at) die Glasgow Rangers als bisheriger Karrierehöhepunkt warten. Dass der 47-jährige Oberösterreicher überhaupt so weit kam, verdankt er neben seiner Frau auch Kopfbällen im Training: "Ich gehe davon aus, dass mir dann die Kopfbälle im Training das Leben gerettet haben.“

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Der 4. August 2011 wird für Glasner immer prägend sein. An diesem Tag retteten Ärzte einer Kopenhagener Spezialklinik dem damaligen Kapitän der SV Ried das Leben. Nach Kopfballübungen im Abschlusstraining vor dem Europa-League-Qualifikationsspiel gegen Bröndby hatte Glasner über Schwindelgefühle und Kopfschmerzen geklagt. Ein Subduralhämatom zwischen Hirn und Hirnhaut forderte eine Not-OP.

Glasner scherzt: „So wie Adi Hütter“
Vier Tage zuvor hatte der Verteidiger in einem Ligaspiel gegen Rapid eine leichte Gehirnerschütterung erlitten. „Ich gehe davon aus, dass mir dann die Kopfbälle im Training das Leben gerettet haben. Ohne sie wäre die Blutung vielleicht nicht entdeckt worden“, sagte Glasner. Die Operation verlief erfolgreich, die aktive Fußballkarriere war auf Anraten der Ärzte mit 36 Jahren und nach über 550 Schlachten als Rieder „Wikinger“ vorbei.

Die Ereignisse lassen ihn das nicht immer rationale Fußballbusiness gelassener sehen - was in einem hochemotionalen Umfeld wie in Frankfurt gewiss kein Nachteil ist. Die ständigen Nachfragen nach seiner Zukunft in Wolfsburg lockten den dreifachen Familienvater nicht aus der Reserve. Das geforderte Bekenntnis zum VfL umschiffte er mit Humor: Ein Bekenntnis - „so wie Adi Hütter?“, fragte Glasner und grinste.

Glasner braucht Zeit
Er sollte kurz darauf Hütters Nachfolge in Frankfurt antreten. In Wolfsburg winkte die Champions League, doch Glasner entschloss sich lieber für sein nächstes Projekt - auch wegen eines angespannten Verhältnisses mit VfL-Sportchef Jörg Schmadtke. Kompromisslos wurden die Farben getauscht - wie einst, als sein Abgang von Ried zum Rivalen LASK hohe Wellen schlug.

Bis sein Plan am Main aufging, brauchte es wie schon in Linz und in Wolfsburg Zeit. Glasner, der schon als 17-jähriger Libero das Spiel klar vor sich sah, hat genaue Vorstellungen davon, wie seine Mannschaften Fußball spielen sollen. Martin Hinteregger und Konsorten scheiterten in der 1. DFB-Pokalrunde an einem Drittligisten, von den ersten zehn Bundesligaspielen gewannen sie nur eines - gegen Bayern München. Der Druck wuchs, doch der Baumeister moderierte den Umbruch überzeugend, und formte aus starken Individualisten eine stabile Mannschaftsstruktur.

In illustrer Runde mit Ernst Happel
Familiäre Bande sind für Glasner höchstes Gut. Ohne seine Frau Bettina, die ihn zum Trainerkurs ermutigte, wäre er wohl nicht Fußballtrainer. Er stünde nicht als sechster Trainer mit einem rot-weiß-roten Pass in einem Europacupfinale, inmitten einer illustren Riege um Max Merkel und Ernst Happel.

Situatives Pressing, Umschaltmomente, schnelles Spiel in die Spitze. Diese Handschrift hat er als früherer Co-Trainer von Roger Schmidt bei Red Bull Salzburg verinnerlicht. Hinzu kommt Akribie im Defensivverhalten, das ist er seinem alten Verteidiger-Ich schuldig. Die Abläufe werden wieder und wieder trainiert, sehr oft auch mittels Videostudium. Jeder habe „gewusst, wie die Abläufe sind, wo der andere jemanden braucht, wo man helfen kann“, sagte Wolfsburgs Xaver Schlager.

Seltener Wutausbruch in Piräus
Hartnäckig, aber nicht autoritär führt Glasner Regie. „Ich führe keinen Monolog, und die Spieler schlafen in der letzten Reihe ein“, sagte er der „FAZ“. „Die besten Lehrer sind nicht die, die am meisten wissen, sondern die, die ihr Wissen den Schülern am besten vermitteln und für die Inhalte begeistern können.“

Um seine Schüler zu erreichen, scheut er auch emotionale Ausbrüche nicht. Als die Eintracht im Europa-League-November schlampig spielte, drosch er die dahergeflogene Kugel volley in den Nachthimmel von Piräus. Der Wutausbruch brachte ihm eine Verwarnung des Schiedsrichters und eine in letzter Minute siegende Mannschaft ein. Glasner entschuldigte sich und schmunzelte: „Ich denke, ich hätte ihn noch besser treffen können.“

Hosen-Panne in Barcelona
In Barcelona bespielte Glasner die Emotionsklaviatur vom anderen Ende: Mit dem Kopf voraus rutschte er nach dem geschafften Meisterstück (3:2) auf den Rasen - und ruinierte sich vor tausenden Anhängern seine Hose. „Für mich ist das Schönste, wenn man so vielen Leuten eine Freude bereiten kann. Das Schönste ist dieses Lob, diese Anerkennung. Das ist einfach wunderbar“, sagte Glasner.

Der Sturmlauf der Hessen in der Europa League gipfelte vorerst in der ersten Finalteilnahme des Clubs seit 42 Jahren. Das Selbstvertrauen ist auf Anschlag. „Ich weiß, dass wir als Gruppe außergewöhnlich sind und als Gruppe die besten sein können“, sagte Glasner nach dem Halbfinal-Sieg über West Ham United. Der Blick auf den 18. Mai in Sevilla sorgt bei ihm für pure Vorfreude: „Geile Mannschaften, geile Fans, super Stadion in einer tollen Stadt.“ Der Perfektionist redet mit: „Wir werden uns top vorbereiten.“

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