17.04.2022 07:30 |

Interview

Etwas verlieren, um es wieder zu finden

In seiner neuen Reihe „Hier war ich glücklich“ begleitet Robert Schneider bekannte und unbekannte Menschen aus Vorarlberg an die Lieblingsplätze ihrer Kindheit. In Sulzberg hat er jüngst Burgi Forster getroffen.

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Vom Dorfplatz in Sulzberg nehme ich mit dem Auto eine wenig befahrene, enge Straße, die zu einem Waldrand führt. Immer wieder muss ich auf Schritttempo drosseln, weil mir so viele Spaziergänger begegnen, die mich feindselig anblicken, so in der Art: Wie kann man hier nur mit dem Auto fahren? Ich gelange auf eine Anhöhe. Die Frauenstimme im Navi säuselt „Ankunft“. Ich steige aus. Ein atemberaubender Panoramablick weitet sich vor mir. Ein Dreiländerblick, wie die Sulzberger stolz sagen. Tief hinein in den Bregenzerwald, hinaus in die Berge der Ostschweiz und hinüber ins Allgäu. Endlich ist Frühling gekommen, obwohl noch hie und da am schattigen Waldrand die letzten Schneenester liegen.

Ich weiß, dass Burgi Forster, die Frau, die ich zu den Plätzen ihrer Kindheit befragen möchte, eine kleine Tochter hat. Schnell, ehe sich die Haustür öffnet, verstecke ich einen Schokohasen. Aber so, dass er gleich entdeckt werden kann. Die Tür fliegt auf, ein junger Labrador stürmt heraus, gefolgt von dem Mädchen. „Nala! Platz!“ Den Hund kümmert das nicht. Er stürmt davon. Die Kleine rennt am Schokohasen vorbei. Zu Fuß wandern wir ins sogenannte „Hochsträß“. Etwa eine Viertelstunde lang gehen wir durch einen sanft ansteigenden Wald, gelangen zu einer Moorlandschaft, die sich auch im schottischen Hochland ausbreiten könnte. An einem Weiher, dessen Oberfläche geheimnisvoll dunkel ist, nehmen wir auf einer Bank Platz.

Robert Schneider: Burgi, was ist Glück?
Burgi Forster: Glück ist, wenn ich im Kopf frei bin. Ganz einfach. Ich bin oft sehr angespannt, denke viel zu viel nach, mache mir Sorgen und merke, dass ich doch eigentlich alles habe. Trotzdem bin ich unglücklich. Aber wenn ich nicht mehr sinniere, dann bin ich glücklich.

Schneider:Wann hast Du diesen Ort entdeckt?
Forster: Die Mama ist hier im Spätsommer „Hoadlbeera“ gegangen. Wir waren neun Kinder. Die vier Kleinen, ich und drei meiner Brüder, waren immer beisammen. Wenn es noch warm war, sind wir in den Teich gesprungen. Das war sehr abenteuerlich.

Schneider: Warst Du die Anführerin?
Forster: Gar nicht! Ich musste immer schauen, wo ich bleibe. Das war schon eine Challenge. Die haben sich Sachen getraut, die ich nie gemacht hätte. Köpfler in den Moorteich und sowas. Die Mama hatte natürlich Angst, und darum hat sie uns oft die Geschichte mit dem Kutscher erzählt, der im Hochsträßmoor samt Pferden jämmerlich untergegangen ist. Deshalb ist der Platz heute noch für mich reizvoll, aber auch etwas unheimlich. Damals hat man den Kindern halt mit Schauergeschichten Angst eingejagt. Heute tut man es mit fürchterlichen Pandemien, Klimakatastrophen oder Kriegen. Eigentlich hat sich nicht viel geändert. Da war mir der Kutscher fast lieber.

Schneider: Kanntest Du als Kind Langeweile?
Forster: Wenn ich dieses Wort auch nur ausgesprochen hätte, wäre die Mutter sofort mit Arbeit gekommen. Eingrasen, Heu rechen, Heu abladen, je nach Altersklasse. An Regentagen haben wir im Heustock gespielt oder im „Tenna“.

Schneider: Was war dein Vater für ein Mensch?
Forster: Mein Papa war ein sehr stolzer Mann. Intelligent, introvertiert. Wenn er etwas sagte, hat er es sofort auf den Punkt gebracht. Er konnte mitten in einer Diskussion aufstehen und wortlos weggehen. Dann wussten wir, was es geschlagen hatte. Ich konnte gut mit ihm. Vielleicht, weil ich ähnlich gestrickt bin.

Schneider: Und die Mama?
Forster: Sie war eine Ich-will-es-allen-Recht-machen-Mama. Sehr harmoniebedürftig. Was reden die Leute? Das alte Frauenbild in dem damals noch erzkatholischen Dorf: Devot, dienend, Konflikte um jeden Preis vermeiden. Die eigenen Bedürfnisse kommen zuallerletzt. Irgendwann - ich war damals zwölf oder vierzehn - wurde es ihr wohl zu viel. Sie büxte aus. Aber wohin sollte eine verheiratete Frau damals hingehen? Sie ging für ein Jahr lang ins Kloster. Dann kehrte sie wieder zurück, und man tat, als sei nie etwas gewesen.

Schneider: Ihr habt nicht darüber geredet?
Forster: Nein, nie. Ich weiß heute noch nicht, wie meine Mama wirklich tickt. Ich bedaure das sehr. Oft denke ich mir, in welchen Nöten müssen die Frauen früherer Generationen doch gesteckt haben.

Schneider: Warst Du als Kind gern allein?
Forster: Nein, ich war überhaupt nicht gern allein. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, aber als Kind soll ich leicht reizbar gewesen sein, jähzornig, obwohl ich in Erinnerung habe, dass ich sehr fröhlich war. So ähnliche Züge beobachte ich jetzt an meiner Tochter. Je älter man wird, desto verständlicher werden Dinge aus der eigenen Kindheit.

Schneider: Ist dieser Platz hier immer noch wichtig für Dich?
Forster: Heute erst recht! Als Kind war es spannend hier, aber auch mit Arbeit verbunden. Blaubeeren sammeln. Das war mühsam.

Schneider: War es auch ein Platz des ersten Verliebtseins?
Forster: Nein. Allerdings habe ich jeder meiner Lieben oder längeren Bekanntschaften diesen Flecken hier gezeigt. Das war mir schon wichtig. Aber erst viel später. Mit sechzehn bin ich ausgezogen, um einen Beruf zu erlernen. Ich wurde Angestellte beim Finanzamt Bregenz. Da habe ich keinen Denk mehr an Sulzberg getan. Bloß weg von hier. Erst Jahrzehnte später, als ich mit meinem Mann nach Sulzberg zog, ging ich wieder regelmäßig an diesen Ort. Da dachte ich mir: Mein Gott, wie schön ist es hier! Und mir fiel ein, wie ich als Kind hier gespielt habe. Wäre ich nicht weggewesen, würde ich vermutlich den Ort heute nicht so schätzen. Vielleicht muss man etwas erst verlieren, damit man es wieder findet.

Robert Schneider
Robert Schneider
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