10.01.2022 10:27 |

„Krone“-Kolumne

„Bisexuelle werden oft nicht ernst genommen“

Soziologin und Sexualpädagogin Barbara Rothmüller diesmal zu den Erfahrungen bisexueller junger Frauen.

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Julia ist 25 und bisexuell. Zu Beginn der Pandemie hat sie einen Mann kennengelernt, mit dem sie im Sommer zusammengezogen ist, schon nach einem Jahr Beziehung. Sie haben sich „unerwartet so gut eingespielt“, freut sie sich. Und ihr Partner war ohnehin die ganze Zeit bei ihr. Seither denken Julias Freundinnen allerdings, sie sei heterosexuell. Das stimmt jedoch nicht. „Bisexuell sein heißt leider oft, dass man einfach nicht ernst genommen wird. Weil man sich doch entscheiden soll. Das nervt. Vor allem als Frau“, ärgert sich Julia.

So wie viele bisexuelle Menschen fühlt sich auch Julia von monosexuellen Menschen unverstanden. Ob heterosexuelle oder lesbische Freundinnen oder schwule Freunde ist dabei egal: Menschen, die sich nur zu einem Geschlecht hingezogen fühlen, können sich oft nicht gut vorstellen, wie es ist, auf mehrere Geschlechter zu stehen. Monosexuelle Menschen denken manchmal, Bisexualität könne nur eine Phase sein. Und fragen bisexuelle Menschen, warum sie sich nicht endlich entscheiden: „Stehst du jetzt auf Männer oder auf Frauen?“ Eine Aussage, die Julia schon mehrfach gehört hat. Die Frage selbst zeigt aber bereits, dass der oder die Fragende monosexuell denkt.

Über Bisexualität wird selten gesprochen, obwohl Bisexualität alles andere als selten ist. Bisexuelle Menschen bilden die größte sexuelle Minderheit. Besonders unter jungen Frauen in der Altergruppe zwischen 20 und 40 Jahren identifizieren sich viele als bisexuell oder pansexuell. Für Pansexuelle spielt das Geschlecht eine untergeordnete Rolle bei sexuellen oder romantischen Beziehungspersonen.

Julia lebt mit ihrem Partner auch in einer offenen Beziehung. Ihr Umfeld kann mit Polyamorie genauso wenig anfangen wie mit ihrer Bisexualität. Das macht ihr allerdings nicht viel aus. Viele ihrer Freundinnen hinterfragen etwa, wie ernst eine Partnerschaft überhaupt sein kann, wenn man sich auch mit anderen für Sex trifft. Julia sieht sich dann gerne als „Botschafterin eines offenen Umgangs“, wie sie in meiner Befragung erklärt.

Was Julia aber schon etwas ausmacht, sind die Vorurteile, die Menschen in ihrem Umfeld über Bisexualität haben. Dass sie bei Bisexualität keine Botschafterin sein will, ist auch klar: Wie man seine Partnerschaft lebt, ist eine Entscheidung. Über Entscheidungen kann man diskutieren. Vor- und Nachteile von Entscheidungen lassen sich mit Freundinnen besprechen. Die sexuelle Orientierung ist hingegen keine Entscheidung. Sie ist wie sie ist. Bei Bisexualität gibt es nichts zu diskutieren. Aber offenbar noch viel zu wissen.

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Barbara Rothmüller
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