06.12.2021 11:56 |

Check nach FPÖ-Sager

„Impfschäden“? So sieht‘s im Spital wirklich aus

Am Wochenende sorgte die FPÖ-Gesundheitssprecherin Dagmar Belakowitsch für Aufregung, als sie behauptete, die Spitäler wären aktuell nur deshalb überlastet, da vorwiegend Patienten mit Corona-Impfschäden behandelt werden müssten. Sogleich empörten sich die anderen Parlamentsparteien und sprachen gar von „offener Lüge“. Doch was ist dran an dem Vorwurf? krone.at ist dem nachgegangen und hat die Spitäler im Land um eine aktuelle „Wasserstandsmeldung“ gebeten.

Es seien nicht die Ungeimpften, die an Covid erkranken, sondern vielmehr „ganz ganz viele Geimpfte, die aufgrund eines Impfschadens behandelt werden müssen“, erklärte Belakowitsch am Samstag im Rahmen der Corona-Demo in Wien. Den Ärzten sei dazu gar ein „Maulkorb und Daumenschrauben“ verhängt worden, über die reale Situation in den Krankenhäusern zu berichten, so die Nationalratsabgeordnete. Das Video ihrer Rede verbreitete sich daraufhin rasant im Netz.

Handfester Skandal?
Sollte dies zutreffen, wäre das tatsächlich ein handfester Skandal - seit Monaten berichten Ärzte und Spitäler schließlich davon, dass ungeimpfte Covid-Patienten die Mitarbeiter im Gesundheitswesen über ihre Belastungsgrenzen bringen. Und auch die Lockdown-Maßnahmen basieren zu einem großen Teil auf den Belagszahlen in den Intensivstationen in den Spitälern.

Betreibt Belakowitsch nun bloße Stimmungsmache für ihren politischen Vorteil oder deckt die FPÖ-Gesundheitssprecherin hier einen wirklichen Missstand auf?

„Kein einziger Fall in unserem Spital“
„Natürlich kann ich beide Fragen mit Nein beantworten“, erklärte etwa eine Sprecherin des Ordensklinikums Linz auf die Frage, ob dort derzeit Patienten mit sogenannten Impfschäden behandelt werde, bzw. bislang behandelt wurden. Seit Start der Impfkampagne habe es „keinen einzigen derartigen Fall in unserem Spital gegeben“, erklärte sie weiter.

Auch in den Tirol-Kliniken zeigt sich ein ähnliches Bild: Man behandle derzeit „keine Patient:innen“ mit starken Impfreaktionen, hieß es. „Wir hatten bisher eine Patientin mit einer Sinusvenenthrombose nach einer Impfung. Diese konnte aber behandelt und der Patientin geholfen werden“, so ein Sprecher. Der Fall liege aber auch schon einige Monate zurück. Zwei weitere Patienten hatten zudem eine Blutgerinnungsstörung, die allerdings auch rechtzeitig behandelt werden konnte.

Viele Impfungen, kaum Behandlungen
Wir wagten aber auch einen Blick in jenes Bundesland, wo zahlenmäßig bislang die meisten Impfungen verabreicht wurden - nach Wien. Doch auch hier zeigt sich ein ähnliches Bild: Wie eine Sprecherin des AKH Wien mitteilte, „werden derzeit keine Patient*innen wegen Impffolgen behandelt.“ Seit Jänner 2021 gab es insgesamt nur drei entsprechende Fälle.

In Niederösterreichs Spitälern wurden seit Einführung der Impfungen vereinzelt Personen mit Impfreaktionen aufgenommen, erklärt die Landesgesundheitsagentur - dabei handelte es sich bislang aber um keine schweren Fälle, sondern um die typischen Reaktionen, die auch in den Fachinformationen angeführt sind.

FPÖ ortet Ablenkungsmanöver
Der Ordnung halber wurde natürlich auch die FPÖ zu der Aussage befragt - leider wollte sich bislang gegenüber krone.at niemand konkret zu der dramatischen Behauptung äußern, geschweige denn einen entsprechenden Nachweis dafür liefern. Stattdessen ortete FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz in einer Aussendung „künstliche Aufregung über Belakowitsch“.

Die Regierung wolle damit von der „kolossalen Impfzwang-Lüge“ ablenken, meinte er weiter. Die AGES habe schließlich in ihrem jüngsten Bericht „fast 40.000 Nebenwirkungs-Verdachtsfälle“ dokumentiert. Zu solchen Nebenwirkungen wird aber etwa auch ein simpler „Impfarm“ gezählt (Anm.).

Und wer liegt nun tatsächlich auf den heimischen Intensivstationen?
Tatsächlich ist die Zahl der schweren Impfreaktionen bei aktuell knapp 14,5 Millionen verabreichten Impfdosen (Stand Montag) im Land sehr klein. Auch eine angebliche Überlastung durch „Impfschäden“ scheint in Österreichs Spitälern de facto nicht vorhanden zu sein. Wie der Präsident der Gesellschaft für Anästhesiologie, Reanimation und Intensivmedizin (ÖGARI), Walter Hasibeder, am Montag erklärte, handelt es sich bei den Intensivpatienten tatsächlich um 85 Prozent Ungeimpfte.

Die übrigen 15 Prozent seien zwar geimpft, hätten jedoch Vorerkrankungen oder einen der Impfstoffe von AstraZeneca oder Johnson & Johnson erhalten - bei diesen ist hinlänglich bekannt, dass die Schutzwirkung schon nach recht kurzer Zeit wieder nachlässt und eine weitere Dosis erforderlich ist.

Ärztekammer weist Fake News zurück
Keine allzu große Freude mit den FPÖ-Aussagen hat man in der Ärztekammer. Deren Präsident Thomas Szekeres wies Belakowitsch Aussagen nicht nur aufs Schärfste zurück, er empfahl auch, dass man sich Informationen über die Lage in Spitälern bei den Ärzten und Pflegern vor Ort hole und nicht „Fake News“ aus dem Netz aufsitze. Ernste Konsequenzen gibt es für die Abgeordnete vonseiten der Kammer jedoch nicht. 

Sie ist zwar Medizinerin, hat allerdings nie als Ärztin gearbeitet und war auch nie im Ärzteregister aufgelistet - der Ärztekammer sind daher die Hände gebunden.

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